Formel E fährt deutschen WM-Lauf in Berlin-Tempelhof

Promo-Runde der Formula E in Berlin, Foto: Formula E

Abgasfrei mit Tempo 220 übers Rollfeld: Die Formel E geht nur mit Batteriekraft und als Winterserie ab September 2014 weltweit an den Start. Anders als die Formel 1 ohne horrende Gage und im Einzugsbereich von zehn Weltstädten – darunter mit Rom, London und jetzt auch Berlin drei europäische. Von Thomas Imhof

Ausgerechnet ein alter Traum von Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone wird 2014 endlich wahr: Ein Autorennen durch die City von London. Mit 220 km/h über „The Mall“, vorbei an Buckingham Place und Big Ben. Oder rund um das Olympiagelände im East End – das genaue Streckenlayout hängt noch an den Genehmigungen der lokalen Behörden. Fest jedoch steht schon jetzt, dass statt der ab 2014 in der Formel 1 vorgeschriebenen 1,6-Liter-Turbos wie Nähmaschinen surrende Elektromotoren die Fans akustisch unterhalten werden.

Promo-Runde der Formula E mit Lucas di Grassi in Berlin, Foto: Formula E

Promo-Runde der Formula E mit Lucas di Grassi in Berlin, Foto: Formula E

Entwickelt hat sie Formel-1-Gigant McLaren, installiert sind sie in einem beim weltgrößten Rennwagenbauer Dallara in Italien entwickelten Chassis vom Format eines GP2-Rennwagens. Die Autos wiegen 780 Kilo und sind bis zu 220 km/h schnell. Eine Batterieladung reicht für gut 20 Minuten Full-Speed, dann müssen die Piloten bei einem Boxenstopp zu einem zweiten, vollgeladenen Auto sprinten. Das wiederholt sich im gleichen Zeitabstand noch ein zweites Mal, sodass ein Formel-E-Rennen am Ende rund eine Stunde dauert.

Promo-Runde der Formula E mit Lucas di Grassi in Berlin, Foto: Formula E

Promo-Runde der Formula E mit Lucas di Grassi in Berlin, Foto: Formula E

Mit dem Patronat des Weltmotorsportverbandes FIA und dessen Präsidenten Jean Todt wird die neue Formel E zwischen September 2014 und Juni 2015 als erste WM eines post-fossilen Motorsportzeitalters anlaufen. Seit Mittwoch steht mit Berlin der letzte der zehn Austragungsorte fest, zu denen als dritte Europa-Location neben London noch Rom gehört. Gefahren wird jedoch nicht auf der historischen Avus – und auch nicht im City-Kern rund um Reichstag und Brandenburger Tor – sondern auf dem Gelände des ehemaligen Stadtflughafens Tempelhof. Ein guter Kompromiss, auch weil sicher sicherheitstechnisch weitaus besser zu managen als ein Rennen im Regierungsviertel…

Der Mann hinter der ganzen Idee ist kein Anfänger, im Gegenteil: Alejandro Agag (42), CEO der Formula E Holdings und verheiratet mit der Tochter des spanischen Ex-Premiers José Maria Aznar, gab 2001 eine Politiker-Karriere auf – und wandelte sich zum umtriebigen Geschäftsmann. Formel-1-Strippenzieher Ecclestone kennt er noch aus der Zeit, als sie zusammen mit dem schillernden Benetton-Rennstallboss Flavio Briatore 2007 den insolventen englischen Fußballclub Queens Park Rangers kauften. 2008 wählte das GQ Magazin Agag zum „spanischen Geschäftsmann des Jahres“, ehe er sich 2009 erstmals im Motorsport engagierte. Er kaufte von seinem Landsmann Adrian Campos das in der GP2-Serie aktive Team Addax, führte Fahrer wie Vitaly Petrov, Romain Grosjean, Lucas di Grassi oder Sergio Peréz bis in die Formel 1.

Promo-Runde der Formula E in Berlin, Foto: Formula E

Promo-Runde der Formula E in Berlin, Foto: Formula E

Nun also Formel E – ein Projekt, das von langer Hand vorbereitet zu sein scheint. Für 2014 sind zehn Rennen in London, Rom, Berlin, Los Angeles, Miami, Peking, Rio de Janeiro, Buenos Aires, Putrajaya und Bangkok fix – der exakte Kalender soll im September beim nächsten World Council der FIA bekanntgegeben werden. Fest steht aber schon, dass Berlin erst zum Saisonende und damit nicht vor Frühjahr 2015 an der Reihe sein wird. London buhlt um die Gunst, den Eröffnungslauf auszurichten.

Die von zehn Teams eingesetzten 20 vollelektrischen Wagen werden beim „Deutschland-GP“ auf einem eigens gestalteten Rundkurs auf dem „Apron“-Abschnitt des Ex-Flughafens Tempelhof starten. „Wir freuen uns, in Berlin zu sein, und danken der Senatorin und den Berliner Verantwortlichen dafür, unsere Rennserie in ihrer Stadt willkommen zu heißen. Mit mehr als 1.200 Elektroautos und über 220 öffentlichen Ladepunkten, die schon jetzt in Betrieb sind, ist Berlin Wegbereiter für Innovation und nachhaltige Mobilität in Europa – auch deshalb haben wir die Stadt als Austragungsstätte für die Formel E ausgewählt. Wir freuen uns sehr auf eine großartige Show für die Berliner auf dem Tempelhof-Gelände. Ein einmaliges Event, auf das die Stadt stolz sein kann“, sagte Serienmacher Agag bei einer Pressekonferenz am Brandenburger Tor.

So sieht das neue Formula E Auto aus, Foto: Formula E

So sieht das neue Formula E Auto aus, Foto: Formula E

Cornelia Yzer, Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung, pflichtete bei: „„Berlin als internationale Stadt und Leitmetropole der Elektromobilität eignet sich hervorragend als Austragungsort für die Formel E. Wir freuen uns, das Event in dieser weltoffenen Stadt beherbergen zu dürfen und Berlin für neue und innovative Technologien zu präsentieren. Die Formel E wird weitere Menschen für die Elektromobilität begeistern.“

Gernot Lobenberg von der Berliner Agentur für Elektromobilität (eMO) zeigte sich bereits jetzt begeistert: „Die Formel E in Berlin soll einem breiten Publikum eindrucksvoll zeigen, dass Elektromobilität Spaß macht und emissionsfrei ist. Die Formel E passt gut zu uns, denn bereits heute werden in Berlin und Brandenburg mehr als 150 Projekte im Bereich Elektromobilität realisiert.” Gerhard W. Steindorf, CEO Tempelhof Projekt GmbH, stimmte in die allgemeine Jubelstimmung ein: „Wir freuen uns sehr, dass die Formel E am Flughafen Tempelhof stattfinden wird. Seit 2009 ist das historische Gebäudeensemble Schauplatz zahlreicher, ganz unterschiedlicher Veranstaltungen. Das Flughafengebäude ist immer wieder die spektakuläre Bühne für die Präsentation innovativer Technologien und Ideen. Die Spannung entsteht aus dem Miteinander von Geschichte und Zukunft. Die Formel E ist etwas ganz Neues und Zukunftsweisendes. Sie passt damit perfekt in unsere Vorstellung, wie dieser einzigartige Ort kreativ genutzt wird.“

So sieht das neue Formula E Auto aus, Foto: Formula E

So sieht das neue Formula E Auto aus, Foto: Formula E

Derweil denkt Alejando Agag schon jetzt an eine weitere Expansion. „Insgesamt liegen uns ersthafte Anfragen von 23 Städten auf fünf Kontinenten vor.“ Ab 2015 wolle die Formel E zusätzlich in Australien und Afrika auftreten, Marrakesch und Kapstadt gelten als heiße Kandidaten. Das Konzept sieht in allen Fällen einen Kurs im Kern oder zumindest der näheren Peripherie der Metropolen vor, nicht außerhalb auf der grünen Wiese wie zum Beispiel in der Formel 1. Die Strecken sollen leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sein und wenn möglich an weltbekannten Landmarken wie dem Kolosseum in Rom vorbeiführen. „Die Tatsache, dass wir in den Städten fahren, betont die Hauptbotschaft der Serie: Elektroautos als Mobilitätslösung für die City von morgen“, betont Agag.

2014 setzen die Formel E-Teams noch alle auf Einheitsautos, doch das wird sich spätestens 2015 ändern. FIA-Präsident Jean Todt wünscht sich nämlich ausdrücklich Autos, die futuristischer aussehen als ein Formel 3 oder GP2. So sind Cockpits mit transparenter Kuppel ebenso erlaubt wie verkleidete Räder und unterschiedliche Elektromotoren. Vorgeschrieben sind nach aktuellem Stand nur das Gewicht des Autos und der Batterie. Das Team China – neben dem britischen Team Drayson eine von zwei bislang feststehenden Crews – hat jedenfalls schon angedeutet, binnen drei Jahren einen eigenen Formel E zu bauen. „China hat wegen der starken Luftverschmutzung in den großen Städten ein riesiges Potenzial für E-Fahrzeuge. Wir denken, dass die Formel E dazu beitragen kann, E-Autos in China populärer zu machen“, glaubt Agag.

So sieht das neue Formula E Auto aus, Foto: Formula E

So sieht das neue Formula E Auto aus, Foto: Formula E

Unabhängig davon dürfte Bernie Ecclestone nicht amused sein. Noch sind die F1 und ihre Piloten sexy genug, um weltweit Millionen in ihren Bann zu ziehen. Doch die Zeituhr tickt: „Bis auf Ferrari, Red Bull, McLaren und Mercedes hängen alle Teams finanziell am seiden Faden“, warnt F1-Insider Michael Schmidt im Fachblatt auto motor und sport. „Das Monster Formel 1 ist zu teuer, zu kompliziert geworden.“ Eine Woche koste die Teams 1,5 Millionen Euro, das System mache die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer.

Die Formel E lockt dagegen mit einem noch nicht genau spezifizierten, aber gewiss deutlich kleineren Budget. Aus Veranstaltersicht gibt es einen weiteren, dicken Trumpf: Während sich Ecclestones Zirkus jeden Auftritt mit zweistelligen Millionen Gagen bezahlen lässt, treten die emissionsfreien Renner zumindest im ersten Jahr gratis an.

Die Zeit scheint für Agag zu arbeiten. „Das erste Auto, das heute geborene Kinder später einmal kaufen werden, wird einen Elektro-Antrieb haben“, prophezeit er. Aber auch er weiß, dass die Show stimmen muss: „An prominenten Fahrern wird es nicht fehlen, zum Beispiel könnte ich mir Kabui Kobayashi gut vorstellen! Aber wir müssen es vor allem schaffen, die Rennen so unterhaltsam zu machen, dass die Fans diese neue Art von Rennsport auch cool finden.” Cool übrigens auch ohne künstlich erzeugte Motorgeräusche: „Aus Sicherheitsgründen wird es sie höchstens in der Boxengasse geben, aber auch dann nur moderat“, stellt die PR-Dame Mario Ramos klar.

Dass auch in der Formel 1 gewisse Kreise das Ganze nicht uncool finden, zeigt nicht nur das Engagement von McLaren als Motorenlieferant. Monisha Kaltenborn, Teamchefin des Schweizer Formel-1-Rennstalls, erklärte im Magazin „Sponsors“ die Formel E zur „Plattform der Zukunft für die Umsetzung von nachhaltigen Entwicklungen im Motorsport“. Zwar gäbe es noch offene Fragen, aber prinzipiell wäre Sauber „gerne dabei“.

Noch einmal zurück nach Berlin: Nach der PK am Brandenburger Tor gab Ex-Formel-1-Pilot Lucas di Grassi (Brasilien) den Gästen und Zuschauern eine kleine Demonstration von den dynamischen Qualitäten eines Elektro-Renners. Danach machte er sich eskortiert von Polizisten auf – natürlich – elektrisch angetriebenen Motorrädern auf eine Spritztour durch die Hauptstadt. Über die Straßen des 17. Juni vorbei am „Stern“ und über den Potsdamer Platz zurück zum Ausgangspunkt.

Im Frühjahr 2014 wollen die Formel E Macher dann in Tempelhof selbst die Werbetrommel rühren – mit einem kleinen Showrennen und prominenten Piloten. Damit die elektrische Spannung bei Fans und Teilnehmern weiter steigt.

Text: Autogefühl, Thomas Imhof
Fotos: Formula E

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