Nachruf auf die Rallye-Legende Joginder Singh

Mitsubishi Lancer 1600 GSR 1974 bei der Safari Rally

Mit dem gebürtigen Inder Joginder Singh starb am letzten Sonnabend einer der letzten Buschpiloten des Rallyesports. Bei der Safari-Rallye verhinderten sie trotz unterlegenen Materials lange Zeit Siege der Europäer – schlicht aufgrund der besseren Streckenkenntnis. Ein kurzer Ausflug zurück in eine romanische Epoche des Rallyesports. Von Thomas Imhof

Es ist ein Foto voller Klischees und vielleicht – wir wissen es nicht – sogar nur gestellt. Ein aufreizend braver Rallye-Mitsubishi Lancer 1600 GSR steht in der Savanne, hinter ihm ein wolkenumkränzter Gebirgszug in Kenia, seitlich vor ihm ein stolzer Gepard, das schnellste Landsäugetier der Welt. Wir sind im Jahr 1974. Und der Fahrer des japanischen Familienautos ist der Keniate Joginder Singh.

Es ist die Zeit, in der die „locals“ allein aufgrund ihrer intimen Ortskenntnisse und intuitiven Spurensuche den Europäern immer wieder ein Schnippchen schlagen. Zugleich verstehen sie es, die Mechanik ihrer ohnehin robusten Autos zu schonen. “Eine Ostafrika-Tour ist schlimmer als dreimal die Monte-Carlo-Rallye”, klagte damals der polnische Spitzenfahrer und Europameister Sobieslaw Zasada. Und Eugen Böhringer, das Mercedes-Urgestein, stellte einmal fest: „Zu dieser Rallye gehört mehr Glück als Fahrkunst.”

Doch zurück zu diesem Singh. Als ältester von zehn Kindern (acht Jungen und zwei Mädchen) wurde Sardar Joginder Singh Bhachu am 9. Februar 1932 in dem im westlichen Hochland Kenias gelegenen Kericho (Provinz Rift Valley) geboren. Die Stadt ist noch heute das Zentrum des bedeutendsten Teeanbaugebietes in Kenia.

Sein Vater war in den 20er Jahren aus einem Dorf im indischen Distrikt Jullundur (Punjab) nach Afrika ausgewandert. Joginder kam schnell in Kontakt mit Autos – denn Vater Sardar Battan Singh besaß eine Auto-Reparaturwerkstatt. Mit 13 steuerte er schon eigenhändig einen alten Chevy aus den 30er Jahren über das Gelände, arbeitete dann bei seinem Vater und später in größeren Werkstätten als Mechaniker und wurde 1958 erster motorisierter Streifenpolizist der Royal East African Automobile Association. Sein Dienstgerät: eine 650 cm3 BSA mit Seitenwagen! Erst mit 26 fing er an, erste Rallyes auf einem Morris Minor zu bestreiten. Am Ende sollte er 60 Rallyes gewinnen – allen voran dreimal die Safari.

Joginder Singh 1960 im VW Beetle

Joginder Singh 1960 im VW Beetle

Seine erste Ostafrika-Fahrt bestritt er 1959 auf einem privaten VW Käfer – Platz neun. Auch die drei nächsten Jahre fuhren Singh und sein Bruder Jaswatt dank moderater Unterstützung eines Händlers luftgekühlte Modelle aus Wolfsburg. Bilanz: drei Zielankünfte und als bestes Resultat ein fünfter Platz 1962.

Joginder Singh mit dem VW Beetle

Joginder Singh mit dem VW Beetle

1963 sah man ihn auf einem Fiat 2300 (!) – ohne zahlreiche Reifenschäden wäre wohl noch mehr als Platz vier im Gesamtklassement herausgesprungen. 1964 erlebte er sein bis dato schlechtestes Resultat: Nur Platz 22 auf einem zuvor mit viel Tam-Tam aus Detroit nach Kenia gebrachten Lincoln Mercury Comet.

Beim ersten Gesamtsieg Singhs 1965 zählte die Afrika-Tortur zwar noch nicht zur WM, was den Erfolg jedoch kaum schmälerte. Denn Singhs Auto, ein „Buckel“-Volvo PV544, war bereits in den Jahren 1963 und 1964 vom schwedischen Top-Piloten Tom Trana über 67.000 Rallye-Kilometer geprügelt worden. Mit diesem Gebrauchtwagen fuhren Jonginder und sein Bruder Jaswant der Konkurrenz in Gestalt der Werksteams von Citroen, Mercedes und Saab um die Ohren.

Mit der "Volvo-"Amazone auf Löwen-Kontakt, Foto: Sikh Heritage

Mit der “Volvo-“Amazone auf Löwen-Kontakt, Foto: Sikh Heritage

Der Sieg brachte Singh weitere Volvo-Einsätze in Europa ein – darunter in Schweden, bei der RAC in England und – auf ihm vertrauterem Terrain – der Akropolis. Es war denn auch in Griechenland, wo er mit Platz neun die beste Leistung ablieferte. Singh blieb danach weiter bei Volvo und fuhr bei seiner geliebten Safari immer auf vordere Plätze: Dritter 1966, Vierter 1967 und Zweiter 1969. 1968 kam er bei einem kleinen Zwischen-Flirt mit Datsun auf Platz Fünf, 1970 auf einem Datsun 1600 SS erneut auf Platz Zwei.

Als Folge winkte für 1971 ein Datsun-Vertrag, doch lag dem Safari-Kenner auch ein Angebot von Ford für Einsätze auf dem Escort Twin Cam vor. Doch die Wahl zugunsten der Briten brachte ihm wenig Fortüne: Nur Platz 16 beim Rennen von 1971 und sogar ein Ausfall nach einem Unfall bei der 72er-Auflage.

Erster Safari-Sieg 1965 auf Volvo, Foto: Sikh Heritage

Erster Safari-Sieg 1965 auf Volvo, Foto: Sikh Heritage

Für 1973 war Singh zunächst ohne Auto, entschied sich dann für einen 1,6 Liter Mitsubishi Galant, den er wie die VWs und Volvos zuvor in Eigenregie zusammen mit Bruder Davinder vorbereitete. Der erste Einsatz auf einem Japaner endete mit einem elften Platz, nachdem Singh unter anderen drei Stunden wegen des Wechsels der Hinterachse verloren hatte.

Mitsubishi Lancer 1600 GSR bei der Safari Rallye 1974 mit J. Singh, Foto: Mitsubishi

Mitsubishi Lancer 1600 GSR bei der Safari Rallye 1974 mit J. Singh, Foto: Mitsubishi

1974 – diesmal unter WM-Status und als Nummer Eins-Fahrer von Mitsubishi – ging Singh mit Beifahrer David Doig in einem an sich krass untermotorisierten 1,6 Liter Mitsubishi Lancer an den Start. Er nutzte die durchgehend extrem nassen Bedingungen optimal aus und bescherte der japanischen Marke den ersten Triumph auf internationalem Top-Niveau.

Der Volvo PV544 hatte schon über 67.000 km auf seinem berühmten Buckel

Der Volvo PV544 hatte schon über 67.000 km auf seinem berühmten Buckel

1975 sah er nach einem Motorschaden zum zweiten Mal nicht das Ziel, doch lief es dafür im Jahr darauf umso besser. Bei der 24. Auflage der nunmehr nur noch „Safari-Rallye“ genannten Fernfahrt war das Wetter ähnlich gruselig wie zwei Jahre zuvor – und diesmal ließ Singh mit seinem Mitsubishi sogar einen unter diesen Bedingungen hoffnungslos benachteiligten Lancia Stratos hinter sich. Für Mitsubishi war es der totale Triumph, stiegen mit Robin Ulyate (Kenia) und Andrew Cowan (Großbritannien) doch noch zwei weitere Fahrer der Marke mit dem Diamanten im Logo aufs Treppchen.

Beim 13. Safari-Auftritt brachte Singh die (zugeloste) Startnummer 1 Glück. Foto: Sikh Heritage

Beim 13. Safari-Auftritt brachte Singh die (zugeloste) Startnummer 1 Glück. Foto: Sikh Heritage

Auch 1977 regnete es in Strömen, doch langte es diesmal für Singh und Mitsubishi nur zu Platz fünf, unter anderen, weil zeitweise die Lenkung einen Knacks wegbekommen hatte…

Damit war seine Mitsubishi-Zeit vorbei –eine Zeit, die Singh auch bei der zwischen 1966 und 1980 ausgetragenen Southern Cross Rallye in Australien am Start sah. Auch dort schlug er sich wacker: Nach einem vierten Platz 1973 belegte er 1974 hinter seinem Mitsubishi Lancer-Stallkameraden Cowan Platz zwei.

Seite letzten drei Safaris bestritt Singh dann auf Werks-Mercedes! Zwei Einsätze auf einem 280 SE endeten mit einem elften Platz und einem Ausfall, nachdem der Motor zu viel Wasser geschluckt hatte. Das letzte Farewell sah ihn 1980 in einem der mächtigen 450SLC, mit einem amerikanischen Star der TV-Serie Baywatch als Co-Piloten. Dieser Parker Stevenson musste durch die Hölle, nachdem Singh bei einem Überschlag die Seitenscheibe und den größten Teil der Beifahrertür des Mercedes abgestriffen hatte. Mit einem Auto, das eher einer zerquetschten Blechdose als einem Rallye-Mobil glich, landete das ungleiche Paar auf Platz 14. Doch die Zeit Singhs war definitiv abgelaufen, er gab seine Aktivitäten in Kenia auf und zog nach London.

Im Colt Lancer 1600 GSR blieb der Kenia-Inder zweimal siegreich, Foto: Sikh Heritage

Im Colt Lancer 1600 GSR blieb der Kenia-Inder zweimal siegreich, Foto: Sikh Heritage

Das Geheimnis für seine Erfolge in Afrika erklärte Singh einmal so: „Die Europäer rasen zu schnell, sie sie sind dem Gelände nicht gewachsen.” In der Tat gab es Asphaltstraßen nur in Stadtnähe. In die ziegelroten Sand- und Lehmpisten frästen Tropengewitter halbmetertiefe Querrinnen. Manchmal versperrte eine Elefantenherde die Piste, wer sie anhupte, riskierte einen Angriff des Leitbullen. Der Finne Rauno Aaltonen meinte einmal nachts auf einen Birkenwaid zuzurasen. Er bremste, schlitterte aus der Spur und blendete auf: Es waren Giraffen.

Auf trockenen Pisten verursachten die Wagen dichte Staubwolken – Überholen glich unter diesen Bedingungen einem Blindflug. Im Gegenzug konnte ein Tropenregen die Fahrspur innerhalb von zehn Minuten in einen Sumpf verwandeln und auf überfluteten Brücken für gefährliche Strömungen erzeugen.

Legendär blieb bis heute die Safari des Jahres 1968: Bei der bis dahin regenreichsten Ausgabe blieben die meisten Wagen im bodenlosen Schlamm stecken. Nur sieben von 91 gestarteten Teams (der „East African Standard“ nannte sie später „Die unsinkbaren Sieben“) kamen ins Ziel nach Nairobi – unter ihnen – natürlich auch Joginder Singh. Ihr Geheimnis: Sie hatten in der Not Schneeketten (!) aufgezogen.

Singh war der erste Sikh, der jemals eine internationale Rallye gewann und der erste, der das Tripple bei der Safari schafft. Obwohl sein in Uganda geborener Landsmann Shekhar Mehta mehr Gesamtsiege (fünf, alle auf Datsun) verzeichnete als er, blieb Singhs Rekord von 19 Zielankünften bei 22 Safari-Starts bis heute unerreicht.

Singh lebte seit den 1980er Jahren lange Zeit in Großbritannien und auch in Kanada. 1970 und 1976 wählte man ihn zu Kenias Sportler des Jahres; 2002 war er beim Start der 50. Safari-Rallye als Ehrengast anwesend und wurde 2007 zum Schirmherrn der „Safari Classic“ gewählt.

Singh (rechts mit Turban) als Ehrengast beim Start zur 50. Safari 2002 - der letzten, die noch zur Rallye-WM zählte, Foto: Sikh Heritage

Singh (rechts mit Turban) als Ehrengast beim Start zur 50. Safari 2002 – der letzten, die noch zur Rallye-WM zählte, Foto: Sikh Heritage

Jetzt ist Joginder Singh mit 81 Jahren in London gestorben. Und damit der letzte jener Buschpiloten aus einer romantischen Epoche des Rallyesports. In Kenia verehren sie den „Flying Sikh“ als „Simba ya Kenya“ (Löwe Kenias), doch seine vielen Freunde in der Rallye-Welt nannten ihn einfach nur „Jo“.

Mitsubishi Lancer 1600 GSR 1974 bei der Safari Rally, Foto: Mitsubishi

Mitsubishi Lancer 1600 GSR 1974 bei der Safari Rally, Foto: Mitsubishi

Aber auch die Safari-Rallye ist längst nur noch Mythos: 2002 lief sie zum letzten Mal als WM-Lauf, gewonnen vom später tödlich mit dem Helikopter verunglückten Schotten Colin McRae auf einem Ford Focus. Seit 2003 ist die legendäre Rallye am Äquator nur noch ein Lauf zur afrikanischen Meisterschaft.

Text: Autogefühl, Thomas Imhof
Fotos: Hersteller


2 Responses to Nachruf auf die Rallye-Legende Joginder Singh

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  2. Joginder Singh startete 1982 auch bei der Himalaya-Rally in Indien, fiel jedoch aus. Mein Chauffeur Rudolf Stohl und ich (auf Lada 1600) belegten den 2. Gesamtrang. Schon zu Ostern 1982 konnten wir bei der Safari Rally die Werkstätte seines Bruders Davinder Singh in der Nähe des Bahnhofes von Nairobi nutzen und als erste Österreicher das Ziel der Safari erreichen. Joginder Singh war nicht nur ein großer Sportler, sondern auch ein guter Kamerad.

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