Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Dieser Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport ist aus gleich drei Gründen ein historisch bedeutender Rennwagen: Er war der letzte „echte” Cisitalia und zugleich der erste Abarth sowie das Modell, mit dem der legendäre Italiener Tazio Nuvolari 1950 auf Sizilien sein letztes Rennen gewann. Ein Schätzpreis von 3,5 bis 4 Millionen Dollar zeugt von der besonderen Bedeutung des Italieners. Von Thomas Imhof

Ein meteoritenartiger Aufstieg und ein ebenso schroffer Fall kennzeichnen die für kurze Zeit im Mittelpunkt des Motorsports stehende Renn- und Sportwagenmarke Cisitalia (Compagnia Industriale Sportiva Italia). Gegründet hatte sie gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs Piero Dusio. Der bereits vor Ausbruch der Feindseligkeiten bekannte Alfa Romeo-Privatfahrer hatte im Krieg ein Vermögen mit der Produktion von Schuhen für das italienische Militär gemacht. Noch 1946 begann er mit dem Bau einsitziger Rennwagen nach Entwürfen von Dante Giacosa. Die in Turin, Via Tripoli 30, gebauten Modelle vom Typ D46 hatten ein Rohrrahmen-Chassis und frisierte Fiat-Motoren.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Unter den zahlreichen Spitzenfahrern, die auf einem der mit 350 Kilogramm federleichten Cisitalia antraten, waren der deutsche „Bergkönig“ Hans Stuck und der vor dem Krieg als Grand Prix-Star der Auto Union bekannte italienische Nationalheld Tazio Nuvolari. 1947 waren bei einem Großen Preis von Ägypten sage und schreibe 22 Cisitalia am Start, u.a. mit weiteren berühmten Piloten wie Louis Chiron oder Alberto Ascari am Steuer.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Auf der Basis des D46 entwickelte der gebürtige Österreicher Carlo Abarth einen teilweise verkleideten Spider, der zunächst die Bezeichnung „Spider Nuvolari“ erhielt und von eben diesem Nuvolari erstmals bei der Mille Miglia 1947 eingesetzt wurde. Bei der Rückfahrt Richtung Flozenz lagen die Cisitalias auf den Plätzen eins, drei und vier, mit Nuvolari an der Spitze. In ganz Italien wurde das Rennen live im Radio übertragen und die große Frage lautete: Kann Nuvolari nach 1930 und 1933 seine dritte Mille Miglia gewinnen? Nuvolari führte mit dem offenen 1,1-Liter-Auto bis Asti, dann wurden die Bedingungen auf der Autobahn Mailand-Brescia immer heikler.

Tazio Nuvolari im Cisitalia 204 Spyder, Foto: Motostalgia

Tazio Nuvolari im Cisitalia 204 Spyder, Foto: Motostalgia

Im schweren Hagelsturm kam Nuvolari um 16 Uhr 30 in Brescia an. Der zu diesem Zeitpunkt bereits schwer kranke Rennfahrer brauchte sofort medizinische Hilfe. Sechs Minuten hinter ihm kam sein Teamkollege Bernabei ins Ziel. Minetti im dritten Werkswagen wurde als Dritter gewertet. Dann wartete alles auf Clemente Biondetti, der im Alfa Romeo 2900B Touring eine Stunde nach Nuvolari gestartet war, mit seinem drei Liter großen Achtzylinder auf den geraden oberitalienischen Straßen trotz Regens aber klare Vorteile hatte. Am Ende siegte Biondetti mit 15 Minuten Vorsprung. Die Cisitalia-Rennwagen waren danach aber nicht nur in Italien in aller Munde.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

1948 entwickelte Abarth den Spider Nuvolari zum Cisitalia 204 weiter. Das Auto unterschied sich vom Vorgänger durch einen geringfügig aufgebohrten Motor und eine neue, in Zusammenarbeit mit Ferdinand Porsche entwickelte Vorderradaufhängung. Der zweisitzige Sportwagen wurde parallel zum Tipo 360 entwickelt, jenem auch vom Porsche-Konstruktionsbüro in Gmünd entworfenen Grand Prix-Rennwagen, der jedoch nie eine Rennpiste sehen und Cisitalia in den Ruin führen sollte.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Ferdinand Porsches Plan hatte einen neuen, dem Auto Union-GP-Renner nicht unähnlichen Mittelmotor-Monoposto vorgesehen. Angetrieben von einem 1,5 Liter großen und von zwei Kompressoren unter Druck gesetzten Zwölfzylinder-Boxer. Piero Dusio war sofort Feuer und Flamme von der Idee und erwarb als „Großsponsor“ des Projekts die Produktionsrechte am „Porsche 360“.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Doch der sensationelle Wagen war eine Todgeburt. Dusio, der sich mit diesem Projekt und der gleichzeitigen Entwicklung des Straßensportwagens 202 übernommen hatte, musste Insolvenz einreichen und nach Argentinien übersiedeln. Der größte Teil der Vermögenswerte ging an Carlo Abarth – neben Porsche einer der Hauptgläubiger. Im Inventar waren unter anderem vier Cisitalia 204 A Spyder Corsa Rennwagen, von denen zwei noch nicht vollständig montiert waren. Einer dieser vier Zweisitzer ist das hier behandelte und von Abarth 1949 bereits modifizierte Auto. Chassisnummer 4 weist es als letzten in Italien gebauten Cisitalia, die in einem Museum in Italien hinterlegte Original-Zulassung zugleich als ersten Abarth (mit eigener Chassisnummer 8) aus.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Das im Silberton der Squadra Carlo Abarth lackierte Modell mit bei der Carozzeria Rocco Motto gefertigten Alu-Außenhaut wirkt wie eine Miniaturausgabe des gescheiterten GP-Modells. Von diesem übernahm der 204 die vordere Einzelradaufhängung und die hinteren Drehstabfedern, um so den Bug möglichst tief ziehen zu können und das Handling zu verbessern. Aerodynamik-Spezialist Giovanni Savonuzzi zeichnete eine sehr einfache, glatte und flach bauende Karosserie, die das zweisitzige Cockpit hauteng umfasste.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Der 1,1 Liter große und komplett aus Aluminium gefertigte OHC-Vierzylinder von Fiat wurde von zwei Weber Vergasern gespeist und leistete rund 80 PS. In Kombination mit der sehr leichten und stromlinienförmigen Karosserie avancierte der Tipo 204 zu einem veritablen Modell für Rundstrecken- und Bergrennen. Für Fahrten auf öffentlichen Straßen – wie zum Beispiel der Mille Miglia – konnte der Wagen optional mit kleinen Kotflügeln und Scheinwerfern bestückt werden. Geschaltet wurde in allen Fällen über ein serienmäßiges Viergang-Getriebe, verzögert über hydraulische Trommelbremsen rundum.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Bei dem nun am kommenden Wochenende vom Auktionshaus Motostalgia zu einem Schätzpreis zwischen 3,5 und 4,0 Millionen $ zur Versteigerung stehenden 204 A SS (für Spyder Sport) handelt es sich um ein ganz besonderes Fahrzeug. Denn es ist das letzte Auto, das der schon von einer schweren Lungenkrankheit (Tuberkulose) gezeichnete Tazio Nuvolari 1950 noch zweimal bewegte: Bei der Targa Florio (2. April) schied der „Fliegende Mantuaner“ mit Getriebeproblemen aus, doch beim Bergrennen Palermo-Monte Pellegrino gewann er eine Woche später die 1,1-Liter-Klasse und wurde Fünfter im Gesamtklassement. Es sollte sein letzter Sieg sein.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Der 1892 in Mantua geborene Nuvolari gilt bis heute als einer der begnadetsten Fahrer aller Zeiten und Erfinder des „Four-Wheel-Drifs“. Er begann seine Karriere 1920 im Alter von 27 Jahren. 1925 gewann er die 350 ccm-Klasse der Motorrad-EM, konzentrierte sich aber ab 1931 nur noch auf vier Räder. Nuvolari fuhr für Bugatti, Maserati, Alfa Romeo (Scuderia Ferrari) und in den Jahren 1938/39 für die Auto Union, für die er drei GPs gewann. Als sein größter Sieg gilt der GP von Deutschland 1935, als er auf dem technisch veralteten Alfa Romeo Tipo B (P3) auf dem Nürburgring die Silberpfeile von Mercedes und Auto Union schlug. Nach dem Krieg war „Nivola“ bereits von seiner Krankheit gekennzeichnet – der er dann auch 1953 erlag. Sein Kampfgeist war jedoch ungebrochen, wie nicht zuletzt die fast schon übermenschliche Fahrt bei der Mille Miglia 1947 bewies.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Nach dem letzten Farewell Nuvolaris setzte die Squadra Carlo Abarth den Cisitalia am 23. April 1950 bei der Mille Miglia, bei Bergrennen und beim GP von Pergusa ein, den Luigi Valenzano mit einem Klassensieg beendete. 1953 wurde der Wagen an Ernesto Ferri verkauft, der ihn 1954 erneut (und wieder erfolglos) an den Start der Targa Florio brachte. In drei weiteren Rennen sah er dagegen die Zielflagge: 5. bei der Coppa Gallenga, 6. auf dem Circuito di Caserta und 8. bei der Trullo d’oro Bari. 1954 folgte das Auto Dusios Spuren nach Argentinien, wo der nun fast sechs Jahre alte 204 A Spyder Corsa zunächst von Jorge Saggese und (ab 1958) von seinem neuen Besitzer Oscar Victorio Silich
bei Rennen eingesetzt wurde. 1966 fand der Cisitalia dann eine neue Heimat beim argentinischen Motorsportverband, der ihn für seine Rennfahrerschule nutzte. Von dort erstand ihn 1978 der bekannte Cisitalia-Spezialist und -Liebhaber Dr. Sergio A. Lugo, der eine lange und sorgfältige Restaurierung vornahm und die Geschichte des Modells minutiös recherchierte. Zuletzt wurde das gute Stück 2010 komplett überholt.

Tazio Nuvolaris im Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Tazio Nuvolaris im Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Über all die Jahre blieb Cisitalia-Abarth 204 A Chassis 04/08 in einem bemerkenswert guten und originalgetreuen Zustand. Zu den noch auf Nuvolari zurückgehenden Details zählen eine auf dessen Maße zugeschnittene Kupplungsfußstütze, ein nach seinen Wünschen angefertigter Lenkradkranz aus Kork, ein 90 Liter Tank für die Targa Florio und eine herunterklappbare Windschutzscheibe. Nur beim Nuvolari-Auto zu finden sind zudem weiter nach innen gezogene vordere Kotflügel. Sie sollten verhindern, dass die durch die Tuberkulose angegriffenen Lungen des Piloten aufgewirbeltem Staub oder Schmutz ausgesetzt wurden.

Tazio Nuvolaris im Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Tazio Nuvolaris im Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950, Foto: Motostalgia

Von den vermutlich nur sieben – Dr. Lugo spricht sogar nur von fünf – gebauten 204 A ist das „Nuvolari“-Auto das historisch wertvollste und authentischste. Denn auch der Motor entspricht dem auch schon im Original-Zulassungsbrief verzeichneten Triebwerk. 2012 erhielt das Schmuckstück bei der historischen Mille Miglia unter 372 teilnehmenden Fahrzeugen den „Premio Speciale” und trat in diesem Jahr auch beim Concorso Eleganza Villa d’Este an. Seit sieben Jahren ist der Veteran bei ausgewählten Events auf zwei Kontinenten unterwegs und begeistert Piloten, Copiloten und Zuschauer gleichermaßen.

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950 im Museum, Foto: Motostalgia

Cisitalia-Abarth 204 A Spyder Sport von 1950 im Museum, Foto: Motostalgia

Text: Autogefühl, Thomas Imhof
Fotos: Motostalgia


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