Ferrari-Kultkalender von Günther Raupp

Seit 30 Jahren fotografiert der Stuttgarter Günther Raupp schöne und seltene Ferrari. Auch bei seinem jüngsten, auf weltweit 5.000 Exemplare limitierten Kalender lautet sein Credo: Viva la Passione. Von Thomas Imhof

Es war 1984, als sich Günther Raupp den Traum eines Dino 246 Spider erfüllte und auf eigene Initiative seinen ersten Ferrari-Kalender produzierte. Der große Enzo Ferrari war von seinem Erstlingswerk beeindruckt – sein Dankesschreiben für das zugesandte Belegexemplar steht heute als Faksimile auf der Website des bei Automobilunternehmen in Europa und Amerika begehrten Werbefotografen.

Dank von Enzo Ferrari (1985)

Dank von Enzo Ferrari (1985)

Inzwischen zum 30. Mal erschienen, wird der Ferrari-Kalender des in Ellwangen/Jagst geborenen und heute in Murr tätigen Schwaben längst als Kult-und Sammler-Objekt verehrt. Speziell, seit ihm vor 13 Jahren ein Lizenzvertrag mit der Traumfabrik aus Maranello in den Rang des offiziellen Ferrari-Kalenders erhob. In 30 Jahren hat Raupp insgesamt 390 Modelle mit dem „Cavallino Rampante“ in Szene gesetzt, an total 10.958 Tagen!

250 GT Speciale (1956) Foto: Raupp

250 GT Speciale (1956) Foto: Raupp

„Ein Auto muss man zuerst träumen“, hat einmal Enzo Ferrari gesagt. Und kein anderer schafft Bilder für diese Träume des Commendatore wie jener Günther Raupp. Die Blätter des Ferrari-Kultkalenders haben mit 50 x 70 Zentimeter ein fürstliches Maß. Doch nicht nur deshalb genießt jedes Sehnsuchtsobjekt aus Maranello hier einen geradezu exaltierten Auftritt. Weit über die Gemeinde der Ferraristi hinaus hat Raupp dank einer unverwechselbaren Bildsprache dem Phänomen, ja dem Mythos Ferrari ein Gesicht und ein Bild gegeben. Alle Motive werden stark angeblitzt, das Gegenlicht gern und intensiv als Spannungselement genutzt. Die Nachbearbeitung am Computer tüncht die Asphaltflächen mitunter in ein grelles Weiß. Was das Ferrari-Rot umso intensiver vom blassen Umfeld absetzt.

Ferrari 330 GTS (1967) Foto: Raupp

Ferrari 330 GTS (1967) Foto: Raupp

Es gibt tausende von Ferrari-Fotos und hunderte von -Büchern – Raupp-Werke lassen sich aus diesem Material-Wust sehr leicht herausfischen. Dass ihm der Stoff nie ausgeht, verdankt er auch sonst publikumsscheuen Ferrari-Sammlern. Pierre Bardinon, Ralph Lauren, Rob Walton, Peter Sachs, Jon Shirley, Manny del Arroz, Bob Dusek, Peter Kalikow, Ed Davies und Engelbert Stieger stehen beispielhaft für weitere Connaisseure, die Raupp für seine Vision eines „Ferrari unter den Automobil-Kalendern” begeistern konnte. Und die ihm bereitwillig ihre Garagen öffneten.

250 P (1963) - Foto: Raupp

250 P (1963) – Foto: Raupp

Doch was macht nur den kühlen Reiz eines typischen Raupp Ferrari-Kultkalenders aus? „In meinen Bildern herrscht eine High Noon-Atmosphäre, immer scheint die Sonne prall vom Himmel zu knallen“, definiert er seine mit scharfen Kontrasten und Schlagschatten, aber keinerlei Unschärfen arbeitende Technik. Das dramaturgische Setting ähnelt oft der bedrohlichen Situation kurz vor Ausbruch eines Gewitters: das starke Fahrzeug im Auge des Taifuns. Immer stehen Raupps Ferrari bildzentriert und dominieren das Geschehen, sie scheinen mitunter regelrecht in Schönheit zu erstarren.

Ferrari California (2012) Foto: Raupp

Ferrari California (2012) Foto: Raupp

Auch sonst wirkt die Umgebung verfremdet – mit voller Absicht. „Die Fotographie bewegt sich immer weiter weg vom geschauten zum visionären Bild. Nicht was wir sehen macht das Bild, sondern unsere Vorstellungen prägen es“, doziert Raupp. „Wie in Musik-Videos wird die Fotokunst vom Sklaventum der Abbildlichkeit befreit.“

Hier kommt noch einmal jener junge wilde Raupp durch, der Malerei und Kunstgeschichte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studierte und schon als 25jähriger mit einem audiovisuellen Projekt über Venedig in der Staatsgalerie Stuttgart für Aufsehen sorgte. Bald darauf fragten die ersten Autofirmen bei ihm an – los ging es dann in den 80er Jahren mit einem eher profanen Produkt: dem ersten Fiat Ducato, einem Kleintransporter.

512 BB LM (1980) - Foto: Raupp

512 BB LM (1980) – Foto: Raupp

Bei seinen Ferrari-Bildern ist die Umgebung sorgfältig auf das Fahrzeug komponiert: Gerne posieren sie in den Gartenanlagen der Villa d’Este am Comer See und vor Herrenhäusern in Florida oder Medici-Villen in Italien. Im Kontrast dazu stehen Szenen vor hypermodernen Bauten wie dem neuen Ferrari Entwicklungszentrum. Rennwagen lauern bevorzugt in der Boxenstraße einer Rennstecke – Absperrgitter und Betonbarrieren geben ihnen die Aura von Raubtieren im Käfig. In allen Fällen scheint bei Raupp der Ferrari aus dem Bild zu fahren, geradezu aus ihm zu drängen – obwohl er ganz gelassen dasteht. Raupp: „So wird eine sehr direkte Form der Begegnung und Wahrnehmung beim Betrachter evoziert.“

458 Spider - Foto: Raupp

458 Spider – Foto: Raupp

Menschen haben in diesen Stillleben übrigens keinen Platz, sie scheinen alle gerade eine Siesta zu halten. Und nur ganz vereinzelt darf ein Vollblut auch wirklich mal losgaloppieren – allerdings nicht im Kalender für 2014. Die Darstellung von Geschwindigkeit durch einen horizontal verwischten Hintergrund, heute leicht digital nachzustellen, scheint als Stilmittel bei Raupp sogar ganz ausgedient zu haben.

Nach den Lieblingsmotiven seines aktuellen, an Locations im Umfeld von Maranello und in Florida produzierten Kalenders nennt Raupp die Monatsblätter Juni und Dezember. Das erste zeigt einen Ferrari California von 2012 auf dem Marktplatz einer kleinen italienischen Ortschaft. Hinter einem Glockenturm mit verwitterter Uhr lugt gerade die pralle Mittagssonne hervor – ihr Licht bricht sich am Heck des silbernen Spiders. “Eine Szenerie fast wie auf einem Bild des surrealistischen Malers Salvador Dalì”, findet Raupp. Das Dezember-Motiv hingegen spielt in der Palmen-Atmosphäre Floridas und stellt einen Ferrari 250 GT Speciale von 1956 zur Schau, ein Einzelstück von Pininfarina.

166 MM/53 (1953) Foto: Raupp

166 MM/53 (1953) Foto: Raupp

Erstmals nach langjähriger Restauration überhaupt abgelichtet ist ein rechtsgelenkter 1953er 166 MM/53 – er ziert in Mattschwarz mit rotem Längsstreifen und glitzernden Drahtspeichen-Felgen das ebenfalls in Florida komponierte März-Blatt. Motorsport-Fans wird vor allem jener 512 BB LM begeistern, der im Juli auf dem klebrigen Gummibelag eines amerikanischen Dragstrips steht. Vor menschenleeren Tribünen – aber mit vier Auspufftröten zum Ausatmen des Zwölfzylinders.

Neben dem für 79,90 Euro (plus 6,75 Euro Versandkosten erhältlichen Kalender (siehe auch www.raupp.com) gibt es von Raupp zum 30jährigen Jubiläum noch zwei Zugaben in Rot: Vier großformatige Kunstdrucke der Modelle 250 Testa Rossa, 250 GTO, 330 P4 und LaFerrari, im Format 70 x 100 cm, auf je 1.000 Exemplare limitiert und vom Meister handsigniert. Zum Einzelpreis von 59 oder als Vierer-Set für 198 Euro. Alles zu bestellen unter info@raupp.com oder 07144-4823320.

Titel Ferrari-Buch mit LaFerrari - Foto: Raupp

Titel Ferrari-Buch mit LaFerrari – Foto: Raupp

Und dazu noch ein im Verlag teNeues erschienenes Bilderbuch, das auf 304 Seiten als „Best of“-Album vom frühen 166 SC bis zum aktuellen LaFerrari noch einmal die schönsten Ferrari aller Zeiten Revue passieren lässt. Das mit einem Vorwort von Piero Lardi Ferrari startende Buch betört mit 250 Farb- und 20 s/w-Bildern. Und ist – zumindest für alle Ferraristi – jeden seiner 98 Euro wert. Bei teNeues war bereits 2008 der erfolgreiche und inzwischen vergriffene Band Ferrari – 25 Years of Calendar Images erschienen. Mit dem neuen THE FERRARI BOOK setzt Raupp nun nochmals einen drauf.

Titel aller 30 Ferrari-Kalender seit 1984 Fotos: Raupp

Titel aller 30 Ferrari-Kalender seit 1984 Fotos: Raupp

2012 setzte eine große Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte mit aufwändigen Lichtinszenierungen Günther Raupps Ferrari-Fotografien sowie einige Original-Ferrari-Modelle in ein einzigartiges Umfeld. In einem Interview mit dem Generaldirektor des saarländischen Industriedenkmals, Meinrad Maria Grewenig, antwortete Raupp auf die Frage, wie er zur Fotografie gekommen sei, lapidar: „Ich war zu faul zum Zeichnen“. Kunst und Rennautos seien die beiden leidenschaftlich besetzten Antipoden seines Lebens. „Alternativ wäre ich heute Automobildesigner oder Formel-1-Konstrukteur.“ Wer fotografiert, bringe nur etwas Bemerkenswertes zustande, wenn er zu seinem Sujet einen intensiven Spannungsbezug entwickele, so Raupp weiter: „Wenn ich einen Fotografen für Elektrorasierer suche, brauche ich einen Trockenrasierer – oder noch besser einen überzeugten Nassrasierer – an der Kamera. Auf jeden Fall keinen mit Vollbart!“

250 GTO (1962) - Foto: Raupp

250 GTO (1962) – Foto: Raupp

Ähnlich bildlich umschreibt er seine Replik auf die Frage, was ihn an einem Ferrari als Fotoobjekt so begeistere: „Wäre ich Koch geworden, hätte ich mich auch nicht lange mit Hackfleischbällchen aufgehalten. Ferrari ist Haute Cuisine, da will ich hin, wenn Autos mein Thema sind.“

Raupp am Steuer seines Dino Foto: Raupp

Raupp am Steuer seines Dino Foto: Raupp

Und was macht den Mythos Ferrari denn für ihn nun wirklich aus? „Faszinierendes italienisches Design, meist von Pininfarina. Rennsport, bereits in den Genen angelegt. Die Lust am Extremen, die Freude an der Suche und am Willen, über sich selbst hinauszugehen, ohne sich jemals mit dem Erreichten zufrieden zu geben.“

Text: Autogefühl, Thomas Imhof
Fotos: Günther Raupp


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