Ferrari 375 Plus von 1954

Ferrari 375 Plus - Foto. Bonhams

Nach dem 20 Millionen Pfund-Coup in Gestalt des Ex-Fangio-Mercedes W196 hat Bonhams für das Goodwood Festival of Speed im Juni erneut ein absolutes Highlight aus dem Ärmel gezogen: einen von nur fünf gebauten Werks-Ferrari 375 Plus, wie sie 1954 die 24 Stunden von Le Mans sowie die fünfte und zugleich letzte Carrera Panamericana in Mexiko gewonnen haben. Alles andere als ein achtstelliges Auktions-Ergebnis wäre eine Enttäuschung. Von Thomas Imhof

Die mit einer von Pinin Farina geformten Aluminium-Karosserie verhüllten Ferrari 375 Plus traten in der Saison 1954 bei legendären Rennen wie der Mille Miglia, den 24 Stunden von Le Mans und der Carrera Panamericana an. Der 375 Plus stand nur den Werkspiloten der Scuderia zur Verfügung, Privatfahrer mussten mit dem weniger brutal motorisierten 375 MM (für “Mille Miglia”) vorliebnehmen. Der 375 Plus hatte einen 330 PS starken 60-Grad-V12 in Voll-Aluminium-Bauweise mit Doppelzündung (und damit 24 Zündkerzen) sowie drei Weber-Doppelvergasern vom Typ 46 dCF3 unter der langen Haube. Das Kraftwerk war abgeleitet vom Ferrari 375 Formel-1-Motor und wie dieser konstruiert von Aurelio Lampredi. Der Zusatz “Plus” verwies auf die Vergrößerung des Hubraums von 4,5 (im 375 MM) auf fast fünf Liter (Bohrung x Hub 84×74,5 mm = 4.954 cm3).Bei einem Trockengewicht von 900-950 Kilogramm und gut 330 PS ergab sich ein famoses Leistungsgewicht von 2,6 kg/PS, wobei im Vergleich zum 375 MM vor allem im mittleren Drehzahlbereich deutlich mehr Power zur Verfügung stand. Die Kraft der bis zu 280 km/h schnellen Ferrari 375 Plus gelangte zudem statt via Starrachse wie beim 375 MM über eine de Dion-Einzelradaufhängung auf die Piste. Da diese jedoch mehr Einbauraum verschlang, musste der hinter dem Fahrer liegende 170-Liter-Tank höhergesetzt werden. Als Folge ergab sich ein markanter und nicht unbedingt hübscher Buckel, der jedoch als deutliches Unterscheidungsmerkmal zum 375 MM gut taugte und zudem (bei der Carrera Panamericana) auch noch das Schultern eines Ersatzreifens erlaubte.

Alu-Kleid von Pinin Farina - Foto: Bonhams

Alu-Kleid von Pinin Farina – Foto: Bonhams

Mit dem als offenen Spider ausgelegten 375 Plus feierte die Scuderia Ferrari 1954 große internationale Siege. Giuseppe Farina und Umberto Maglioli gewannen mit diesem bis dato stärksten Sportwagen der Marke zunächst das 1000-km-Rennen von Buenos Aires, Farina zusätzlich ein Sportwagenrennen im marokkanischen Agadir. Maurice Trintignant und José Froilán González siegten beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans und Umberto Maglioli triumphierte – ohne Beifahrer – bei der fünften und letzten Carrera in Mexiko. Wenig Fortune hatte Ferrari lediglich bei der Mille Miglia 1954: Alle drei 375 Plus mit Maglioli, Nino Farina und Giannino Marzotto sahen nicht das Ziel und mussten Ascari auf Lancia den Sieg überlassen. Besonders heftig das Out für Altmeister Farina: Bei einem Crash in Peschiera am Südufer des Gardasees – nur 50 Kilometer nach dem Start – brach er sich ein Bein und musste ebenso wie sein Beifahrer ins Krankenhaus.

Markanter Buckel und windschnittig nach hinten verlängerte Kopfstütze - Foto: Bonhams

Markanter Buckel und windschnittig nach hinten verlängerte Kopfstütze – Foto: Bonhams

Bei dem von Bonhams zum Verkauf angebotenen Modell handelt es sich um den ersten, am 25. Januar fertig gestellten 375 Plus mit Chassisnummer 0384 AM. Er wurde Anfang Mai 1954 von Maglioli (wie erwähnt) bei der Mille Miglia bewegt – der Italiener führte das Rennen auch an, ehe er dann am Futa-Pass aufgeben musste. Danach gewann der Argentinier Gonzalez (genannt der “Pampas”-Stier) damit die Daily Express Trophy in Silverstone, ehe – wiederum erfolglos – Maglioli und Paolo Marzotto in Le Mans ausrückten.

375 Plus Cockpit - Foto: Bonhams

375 Plus Cockpit – Foto: Bonhams

Nach seiner kurzen Werks-Karriere ging das Fahrzeug in den Besitz des bekannten Amateurrennfahrers und Kleenex-Erben Jim Kimberly über, der das Auto 1955 in einigen Rennen einsetzte und es dann Howard Hively, einem Cadillac Händler in Ohio, für weitere Einsätze zur Verfügung stellte. Der wiederum ging mit dem 375 Plus bei Rennen in Watkins Glen, Sebring und Nassau (Bahamas) an den Start, ebenso beim GP von Kuba 1957. Bei der Auktion wird der offene Ferrari im Paket mit einem Original-Ersatzmotor verkauft, dazu gibt es eine allerdings arg zerfledderte Ersatzkarosserie, die in ihrem blauen Grundton exakt dem Outfit für das Rennen im Reich Fidel Castros entspricht.

Ersatzkarosserie in den kubanischen Rennfarben (GP von Kuba 1957) - Foto: Bonhams

Ersatzkarosserie in den kubanischen Rennfarben (GP von Kuba 1957) – Foto: Bonhams

1958 verkaufte dann der immer noch als Eigentümer fungierende Kimberley die Italienerin an den ebenfalls in Ohio lebenden Nuklearphysiker Karl Kleve, ehe das kostbare Stück unter bis heute mysteriösen Umständen den Weg zurück nach Europa fand. Genauer gesagt zum belgischen Ferrari Importeur Jacques Swaters, enger Freund von Enzo Ferrari und Gründer des berühmten Rennstalls Ecurie Francorchamps. Swaters ließ den V12-Sportwagen in Mondena komplett restaurieren, nachdem er angeblich Opfer eines kleines Brandes gewesen war und Teile des Autos Ende 1988 (noch im Besitz Kleves) gestohlen worden waren. Zeitweise soll das wertvolle Gut sogar auf einer Liste von Interpol für gestohlene Autos gestanden haben….

Der 375 Plus in der Lackierung für den GP von Kuba 1957 - Foto. Grandprixmodels

Der 375 Plus in der Lackierung für den GP von Kuba 1957 – Foto. Grandprixmodels

In den letzten Jahren sollen Streitigkeiten zwischen den Familien Kleve und Swaters über die Eigentumsverhältnisse getobt haben – die jedoch nun offenbar dank geschickter Vermittlung und ein wenig Diplomatie von Bonhams beigelegt werden konnten. So dass einem Verkauf wohl nichts mehr im Wege steht.

Gonzalez siegt im verregneten Silverstone - Foto: Spitzley Collection

Gonzalez siegt im verregneten Silverstone – Foto: Spitzley Collection

Ein astronomisch hoher Erlös scheint ausgemachte Sache – auch wenn die ganz großen Erfolge andere 375 Plus errangen. Mit dem Chassis 0396 M gewannen Gonzales/Trintignant vor dem Jaguar D-TYPE mit Hamilton/Rolt Le Mans; mit einem Schnitt von 189,939 km/h fuhr der Argentinier auch die schnellste Runde. Der “Bonhams”-Wagen dagegen fiel mit Hinterachsschaden aus, das dritte Auto mit den Franzosen Robert Manzon und Louis Rosier (Chassis 0392 AM) lag längere Zeit an zweiter Stelle, ehe das Getriebe seinen Geist aufgab.

Siegerwagen von Le Mans 1954 mit Maglioli/Marzotto - Foto: GP Library

Siegerwagen von Le Mans 1954 mit Maglioli/Marzotto – Foto: GP Library

Doch bei der Carrera Panamericana schaffte Umberto Magliolo mit dem Le Mans-Auto von Manzon/Rosier und ohne Beifahrer einen nur anfangs von Phil Hill auf einem 4,5-Liter-Ferrari gefährdeten Sieg. Der Wagen war zuvor schon vom Amerikaner Erwin Goldsmith gekauft worden, so dass Ferrari USA-Importeur Luigi Chinetti Maglioli bekniete, das Auto möglichst heil und in einem Stück ans Ziel zu bringen. Was der dann trotz eines neuen Rekords für die etwas über 3.000 km lange Strecke von 17:40.26 Stunden (Schnitt 173,702 km/h) auch tat. Damit war er nochmals schneller gewesen als der große Fangio im Vorjahr, der auf Lancia einen Schnitt von 169,221 km/h erreicht hatte.

Siegerwagen der Carrera 1954 als Modellauto - Foto: alpimodel

Siegerwagen der Carrera 1954 als Modellauto – Foto: alpimodel

Ein zweiter 375 Plus, der Siegerwagen von Le Mans, war vom Amerikaner John Edgar für seine beiden Landsleute Jack McAffee und Ford Robinson genannt worden. Noch auf der ersten Etappe und nur einen Kilometer vor einem Servicepunkt flog der Ferrari mit Startnummer 1 (!) von der Strecke, was Beifahrer Robinson das Leben kostete. So endete die Karriere des Ferrari 375 Plus mit einer zugleich glorreichen wie traurigen Note.

Liste der Ferrari 375 Plus
(Quelle: www.finecars.cc)

Chassis 0386 AM gewann als Werkswagen mit Giuseppe Farina den GP von Agadir, fiel beim GP des Senegal aus und wurde beim Unfall Farinas in der Mille Miglia (Kollision mit einem Baum) komplett zerstört. Ein italienischer Sammler erstand den Motor und baute um ihn herum eine neue Karosserie.

Chassis 0392 AM fuhr bei der Mille Miglia (genannt als 375 MM!) für wenige Kilometer mit Marzotto/Tortima, war dann mit Manzon/Rosier ein Ausfall in Le Mans und wurde dann noch (vor der dann von Maglioli souverän gewonnenen Panamericana) an Erwin Goldschmidt verkauft. 1959 bauten die neuen amerikanischen Besitzer einen Chevy-, 1964 dann einen Pontiac-Motor ein. Nach einer Restaurierung durch Christchurch Restauration in Neuseeland ist der Wagen heute Teil der Perfetti Sammlung.

0396 AM ist der Siegerwagen von Le Mans 1954 mit Gonzales/Trintignant. Er wurde an John Edgar verkauft und verunglückte dann noch während der ersten Etappe bei der Carrera. 1955 erhielt das Auto eine neue Karosserie von Scaglietti und war zwischen 1955 und 1957 bei Rennen in den USA aktiv. 1981 erwarb Pierre Bardinon das Auto und versah es wieder mit einer Original-Pinin Farina-Karosserie.

0398 TF war ein nach Südamerika verkaufter Werkswagen, eingesetzt von Diaz Saenz Enrique Valiente in Argentinien. Der feierte im Januar 1955 seinen größten Erfolg, als er zusammen mit Jose-Maria Ibanez das 1000 km Rennen von Buenos Aires gewann und Ferrari so wertvolle WM-Punkte sicherte. 1957 wurde dieser 375 Plus an einen gewissen Louis Milan verkauft und ist heute Teil der Ralph Lauren Collection.

0400 AM war ein Werkswagen, der bis heute vermisst bleibt.

375 Plus #0478 AM mit Karosserie von Sutton - Foto: Peter Sweeney

375 Plus #0478 AM mit Karosserie von Sutton – Foto: Peter Sweeney

0478 AM Dieser ursprünglich mit einer Scaglietti-Karosserie bestückte Ferrari 375 Plus wurde 1956 in die USA an Tony Parravano geliefert, der ihn mit Jack McAfee, Carroll Shelby und Ken Miles einsetzte. Nach einem Unfall wurde das Chassis des Ferrari verkürzt und mit einer neuen Karosserie des kleinen US-Unternehmens von Jack Sutton versehen. Unter dem neuen Eigner Frank Arciero traten Dan Gurney, Bob Oker und Tony Settember an. Dieser Wagen ist bis heute einer der wenigen Ferrari, die keinen Aufbau aus Italien haben.

0488 AM war ein Ferrari 375 Pinin Farina Cabriolet und wurde 1969 an König Leopold III. von Belgien geliefert.

Text: Thomas Imhof, Autogefuehl
Fotos: Bonhams, Marcel Massini (historische Motive)


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