Daniel Goeudevert: “Deutschland sollte das Auto neu erfinden!”

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Daniel Goeudevert (71), Franzose flämischer Abstammung, kam als Quereinsteiger 1965 in die Autoindustrie. Wo er sich mit Thesen wie “Es ist sinnlos, Autos zu bauen, mit denen man rasen kann” schnell den Ruf eines Quer- und Vordenkers erwarb. Goeudevert studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne, wurde Autoverkäufer und stieg dann vom Generaldirektor von Citroën Schweiz und Vorstand bei Citroën Deutschland über den Vorstandsposten bei Renault Deutschland und dem Chefsitz der deutschen Ford-Werke zum Mitglied des Konzernvorstands von VW auf. Als Markenvorstand von Volkswagen wurde er dann 1993 eines der zahlreichen “Opfer” von Ferdinand Piëch, dem er wegen des Rauswurfs jedoch längst nicht mehr gram ist. Im Gegenteil lobt er den Österreicher als “herausragende Persönlichkeit – er verkörpert seit 20 Jahren die absolut größte Story der Autoindustrie.” Wir stellen noch einmal die provokantesten Thesen und unbequemsten Botschaften aus einem Interview ein, das der auch als Buchautor bekannt gewordene Goeudevert unserem Kollegen Thomas Fischer von auto motor und sport (Heft 2/2014) gegeben hat. Dabei wurde wie immer bei Goeudevert Klartext geredet – die besten Zitate, zusammengestellt von Thomas Imhof

Zum ams-Interview in der Nähe von Bern kam der in der Schweiz lebende Goeudevert mit seinem E-Bike. Auf die Frage, ob er denn auch privat ein Elektroauto fahre, verblüffte er Fischer mit der Antwort: “Nein, weil hier in der Schweiz noch die nötige Ladeinfrastruktur fehlt.” Stattdessen habe er einen Audi Q7, “den benutze ich zweimal im Jahr für Fahrten in die Provence, weil ich da alles hineinbekomme. Den Rest der Zeit bleibt er stehen.” Auch wenn diese wenig überzeugende Antwort gewisse Zweifel an der Glaubwürdigkeit des “grünen” Vordenkers aufkommen lassen, ging es doch gleich schnell in media res.

Auf Fischers Frage, ob er denn überhaupt noch mal Automanager sein wolle, antwortete Goeudevert: Oh ja, denn ich glaube, dieser Industrie steht noch eine große Zukunft bevor.” Sie könne von ihren Wachstumsperspektiven her noch Jahrzehnte gut leben, vorausgesetzt sie “kriegt die Kurve und stellt sich den neuen Herausforderungen.”

Autonomes Fahren - Foto: Volvo

“Autonomes Fahren macht mir Angst” – Foto: Volvo

Seine schon damals vorgetragenen Forderungen nach Ökologie, Leistungsverzicht und Tempolimit sieht der Ex-Automanager durch die Ereignisse in der Welt bestätigt. Heute nicht ökologisch zu denken, wäre kriminell. Die deutsche Regierung müsse sich zweimal überlegen, ob sie noch einmal nach Brüssel ziehe, um gegen die vorgegebenen CO2-Grenzwerte vorzugehen und die eigene Autoindustrie zu schützen.”

In diesem Zusammenhang geißelte Goeudevert Lobbyismus jedweder Art: Er sei “eine Katastrophe und eine eine ungesunde Zelle in der Weltwirtschaft.

Befragt nach den größten Herausforderungen der Autoindustrie nannte er zuvorderst die Reduktion der CO2-Emissionen. Hier müsse die Industrie – auch wenn sie nicht der Alleinverursacher sei – eine Vorreiterrolle spielen. Des Weiteren komme dem Auto als Mobilitätsträger in Ballungsräumen eine andere Rolle als früher zu. Speziell bei Jugendlichen: Denn bei ihnen rangiere ein eigenes Auto erst hinter Smartphone und Notebook an dritter Stelle.

Zu viele Extras erhöhen das Gewicht - Cockpit Opel Insignia - Foto: Opel

Zu viele Extras erhöhen das Gewicht – Cockpit Opel Insignia – Foto: Opel

“Leider”, beklagt Goeudevert, “gibt es noch niemanden, der glaubwürdig reagiert. Sie versuchen, die Quadratur des Kreises zu finden. Spaß am Fahren soll unbedingt erhalten bleiben, mehr Leistung, mehr Ausstattung und das Ganze in Verbindung mit ökologischem Denken. Ich fürchte, so findet man keine Lösung.

Weitere Themen des Interviews rankten sich um das Car Sharing (“eine der möglichen Antworten, weil es das Problem der knappen Verkehrsfläche in Ballungsräumen angeht”) und das autonome Fahren (“macht mir Angst.Ich steige in ein Auto mit zwölf Quadratmeter Grundfläche und tue gar nichts mehr? Warum? Ich hab die Bahn dafür. Und in letzter Konsequenz gräbt sich die Autoindustrie damit ihr eigenes Grab – die seit mehr als 100 Jahren propagierte Freude am Fahren ist weg. Das ganze Produktgefühl, die sinnliche Verbindung von Mensch und Maschine ist dahin.”

"Die deutschen Hersteller studieren zu sehr die Konkurrenz und weniger die Wünsche der Kunden" - Audi-Allroad-Shooting-Brake-Studie für Detroit - Foto: Audi

“Die deutschen Hersteller studieren zu sehr die Konkurrenz und weniger die Wünsche der Kunden” – Audi-Allroad-Shooting-Brake-Studie für Detroit – Foto: Audi

In Deutschland brumme die Autoindustrie trotzdem noch …, gab Fischer zu bedenken. Ja, so Gouedevert, aber weil Audi, BMW, Mercedes, Porsche und VW fast 90 Prozent des Anteils am weltweiten Premium-markt hielten, sonne man sich im Gefühl, ohne richtige Konkurrenz zu sein. Also lautete die Devise: Weitermachen. Zugleich,so Goudevert weiter, sollten sich die Deutschen weniger stark untereinander belauern, sondern auf die Kundschaft hören. “Denn die verändert sich: In der Pariser Innenstadt zum Beispiel haben nur noch 40 Prozent der Menschen ein Auto.”

Bei der Wahl des Antriebskonzepts fordert Goeudevert eine möglichst schnelle Abkehr von fossilen Brennstoffen. Zitat: “Öl und Gas sind endlich. Selbst wenn wir den heutigen Durchschnittsverbrauch halbieren könnten – eine enorme Leistung, für die es wahrscheinlich nochmal 20 bis 30 Jahre braucht – sind bis dahin nicht eine, sondern zwei Milliarden Autos in der Welt. Dann haben sie im Endeffekt für die Umwelt und für die Ölreserven gar nichts geleistet.” Daher, so Goeudevert, gehöre der E-Mobilität die Zukunft. Strom sei im Gegensatz zu Öl aus vielfältigen Quellen in unendlichem Ausmaß und an jedem Ort der Welt zu erzeugen: aus Wasser, Wind, Sonnenkraft, Gas, Kohle und auch aus Öl. “Allein in den Wüsten dieser Welt akkumuliert sich innerhalb von sechs Stunden so viel Energie aus der Sonne, wie die Weltwirtschaft in einem Jahr benötigt.”

i3 im Elektroauto-Mekka Amsterdam - Foto: BMW

i3 im Elektroauto-Mekka Amsterdam – Foto: BMW

Elektro-Sportwagen wie den Tesla Model S betrachtet der nie um ein offenes Wort verlegene Franzose als “Blödsinn”. Fast alle E-Auto-Hersteller arbeiteten mit Kriterien aus der Zeit des Verbrennungsmotors, wo Leistung, Beschleunigung, Geschwindigkeit und Reichweite an vorderster Stelle stünden. “Man sollte dem Kunden ins Gesicht sagen, dass ein Elektroauto einen ganz anderen Nutzwert als ein Wagen mit Verbrennungsmotor hat. Wenn es für die Stadt geschaffen ist, muss es Platz im Innenraum bieten, übersichtlich und einfach zu bedienen sein. Wir versuchen immer noch, beide Fliegen mit einer Klappe zu schlagen“, findet der auch als Talkshowgast gern verpflichtete Interviewpartner.

"Tesla ist ein Blödsinn" - Foto: Tesla

“Tesla ist ein Blödsinn” – Foto: Tesla

Auch das Thema Gewichtsspirale sprach Thomas Fischer an. Und auch hier sieht Goeudevert ebenso wie bei er Nutzung von Autos an sich einen gewissen Verzicht als wünschenswert. Zitat: “Wenn ich wieder in einer Firma wäre, würde ich eine Umfrage starten, welche Ausstattungsfeatures eines Autos innerhalb von fünf Jahren wirklich benutzt werden. Ich schätze, wie beim Handy werden 90 Prozent aller Optionen gar nicht gebraucht. Der ganze Ausstattungswahnsinn mit all den schweren Elektromotoren könnte um die Hälfte reduziert werden. Natürlich ist ein Massagesitz im Auto angenehm. Also warum nicht gleich noch eine Dusche und ein WC dazu.”

Ganz von selbst werde sich nichts zum Besseren wenden, ist Goeudevert überzeugt. Manchmal müssten erst Katastrophen wie das Reaktorunglück von Fukushima passieren, um eine Angela Merkel zur 180-Grad-Wende in der Energiepolitik zu bewegen. Oder der Gesetzgeber führe strengere Vorgaben ein, um die Industrie zu Fortschritten anzutreiben. Als dritten Druckfaktor sieht er den Wettbewerbs. “Die Autobauer müssen jetzt mit anderen Produkten diese Gesellschaft neu prägen.”

Auch als Buchautor macht der Ex-Auto-Manager von sich reden

Auch als Buchautor macht der Ex-Auto-Manager von sich reden

Deutschland als führende Auto-Nation sieht er da besonders in der Pflicht: “Das starke Deutschland ist kein Waggon, sondern eine Lokomotive. Man hört auf Deutschland: Am Tag, nachdem Merkel den Atomausstieg verkündet hatte, bin ich mit dem TGV durch Südfrankreich gefahren – eine stockkonservative Gegend. Dort hingen Transparente: “Merci Allemagne” – Danke Deutschland. So etwas habe ich in Frankreich noch nie gesehen.” Kraft solcher Erlebnisse wünschte sich Daniel Goeudevert am Ende dieses außergewöhnlichen Interviews dann nur noch: “Wenn das Auto neu erfunden wird, dann bitte in dem Land, wo es schon einmal erfunden wurde.”

Das komplette Interview können Sie hier bei auto motor und sport aufrufen.


2 Responses to Daniel Goeudevert: “Deutschland sollte das Auto neu erfinden!”

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