Neuer Formel-1-Fotoband

Miquel Liso und sein fotografisches Auge gehen den größtenteils todfotografierten Mikrokosmos Formel 1 aus erfrischend neuer Perspektive an. Der neue Fotoband mit einer Auswahl der besten Fotos des Katalanen überrascht durch ungewöhnliche Ausschnitte, Verfremdungen und Kontraste. So erweitert er die Motive um eine neue Dimension. Wohlformulierte Texte von Hartmut Lehbrink leiten zum jeweils nächsten der neun thematisch gegliederten Kapitel über. Bernies Zirkus einmal ganz anders – ein optischer und literarischer Leckerbissen. Von Thomas Imhof

Formel-1-Fotografen von heute haben es nicht leicht. Anders als ihre Berufskollegen der 70er- oder auch noch 80er-Jahre arbeiten sie unter zunehmend restriktiveren Bedingungen. Die Fahrer sind nicht mehr so leicht zugänglich wie zu Zeiten eines Jochen Rindt oder Jackie Stewart, die Autos als Folge der riesigen Auslaufzonen weiter entfernt denn je, viele Strecken als Konsequenz der sterilen Einheits-Architektur des Deutschen Hermann Tilke austauschbar und Fotoplätze an der Strecke streng limitiert. In seinem Beruf sei Langeweile eingekehrt, klagt Miquel Liso, der 1969 in Manresa (Provinz Barcelona) geborene Nonkonformist unter den Formel-1-Knipsern. “Da lassen sich 200 Leute in Shuttles um die Strecke karren, und fast alle machen dieselben Bilder.”

Doch Liso nahm vor etwa acht Jahren den Kampf gegen die Uniformität der Bilder auf, beschränkte sich nicht nur auf die bloße Berichterstattung, sondern unterfütterte seine Motive durch eine zusätzliche, tiefergehende Dimension. Als Hartmut Lehbrink, mit über 500 Grand Prix einer der dienstältesten und tiefgründigsten F-1-Reporter deutscher Zunge, erstmals 2012 Bilder von Liso auf einer Ausstellung in Barcelona sah, war er sofort hin und weg. Und ermunterte den Verlag Delius Klasing zu einem opulenten Formel-1-Fotoband mit “Best of”-Motiven Lisos, ergänzt um von ihm selbst verfasste Zwischentexte und ein Vorwort von Mercedes-Pilot Nico Rosberg.

Eine kolumbianische Familie aus Valancia lässt sich beim Mittagessen nicht vom Ferrari stören - Foto: Liso

Eine kolumbianische Familie aus Valencia lässt sich beim Mittagessen nicht vom Ferrari stören – Foto: Liso

“Lisos Fotos sind erfrischend anders”, sagt Lehbrink, der schon Juan-Manuel Fangio 1954 und 1957 live am Nürburgring hat siegen sehen. “Sie erzählen hintergründig Geschichten, machen nachdenklich und rücken Proportionen zurecht, die in Schieflage geraten sind.” Manchmal ließe sich sogar so etwas wie Sozialkritik aus Lisos kleinen Meisterwerken herauslesen, dann erhielte der funkelnde Lack der eitlen Vorzeige-Firma Formel 1 plötzlich einen Kratzer”, so der Verfasser von über 30 Büchern, davon 23 aus dem Genre Formel 1.

Mitunter sozialkritischer Touch - Szene aus Valencia mit Schumi-Mercedes als Nebendarsteller - Foto: Viso

Mitunter sozialkritischer Touch – Szene aus Valencia mit Schumi-Mercedes als Nebendarsteller – Foto: Viso

In der Tat kontrastiert Liso den Mikrokosmos Formel 1 durch Bilder wie jenes einer kolumbianischen Familie, die sich auch vom vorbeidonnernden Ferrari nicht vom Mittagessen abbringen lässt. Oder durch jenes Motiv, auf dem ein  heruntergekommenes Haus – ebenfalls am Rande des inzwischen nicht mehr genutzten Stadtkurses von Valencia – fast das ganze Bild dominiert. Und den Silberpfeil von Michael Schumacher zum Statisten degradiert.

Wie überhaupt Liso die Manege und ihre Raubtiere gern in einen größeren Rahmen setzt, sie praktisch an den Rand des Geschehens verbannt. Wie im nächtlichen Singapur, wo schlafende Hochhausriesen und hochgeständerte Stadtautobahnen die Optik dominieren. Und nur ganz unten links in der Ecke ein kleines erhelltes Stück Asphalt samt eines winzigen Autos das gerade laufende Mega-Event andeutet. Damit will Liso sagen: Das (normale) Leben geht trotzdem weiter, selbst die Formel 1 ist am Ende auch nur Teil eines größeren Ganzen.

Augen lügen nicht: Vettel und Alonso - Foto: Viso

Augen lügen nicht: Vettel und Alonso – Foto: Viso

Zur Hochform läuft Liso auf, wenn es zum Stadtkurs von Monaco und zu den Nachtrennen in Singapur und Abu Dhabi geht. Gern geht er dazu in die Höhe, auf Häuser und Balkone, oder schießt wie in Monaco durch die Auslagen eines Uhrengeschäfts auf die Strecke. Auf einem ebenfalls im Fürstentum aufgenommenen Bild spiegelt sich die durch die Reflexion in der McLaren Hospitality verzerrt wiedergegebene Hochhauslandschaft wie auf einem Bild von Hundertwasser. Ein paar Seiten später verengt Liso die Einfahrt in den berühmten Tunnel von Monaco zu einem Nadelöhr.

Neben einer kurzen Bildstrecke mit “Vor- und Unfällen” ziehen ungewöhnliche Porträts von Formel-1-Größen wie Bernie Ecclestone, Sir Frank Williams, Flavio Briatore sowie Piloten wie Fernando Alonso, Sebastian Vettel oder Lewis Hamilton den Betrachter in den Bann. Da sehen wir “Seb” nach einem Frusterlebnis hinter einem Zaun mal nicht als Sonnyboy – und blicken Chef-Zampano Ecclestone direkt ins Poker-Auge. Immer wieder schneidet Liso Porträts auch so an, dass nur die Augenpartien zu sehen sind. Weil die nicht lügen können?

Grid Girls - Foto: Liso

Eine Überdosis Erotik – Grid Girls treten an – Foto: Liso

Weitere Kapitel widmen die Macher des Buches auch den Boxencrews, der Champagner-Spritzerei auf dem Siegerpodest und den Grid Girls. Beim Text über die langbeinigen Schönen läuft dann auch Lehbrink, ohnehin ein Meister der blumigen Metapher, zu höchster Fabulierkunst auf. Wenn er von der “heranstöckelnden Beauty-Brigade” spricht, die betreut wird wie Kita-Kids. Jede für sich eine Königin, nur dass dieses Übermaß an Majestät sogar den sorglosen Betrachter überfordert.”

So bedient der Formel-1-Fotoband am Ende doch noch ein Klischee über den Rennzirkus – wobei Liso auch bei den Grid Girls keineswegs voyeuristisch, sondern immer mit dem Focus auf den ungewöhnlichen Blickwinkel vorgeht. Als hielte er eine gewisse Distanz zu dieser Scheinwelt, die nach ihren eigenen Gesetzen zwei Drittel des Jahres lang kreuz und quer durch die Welt düst und dabei Unmengen von Geld verpulvert. Und auch kein Problem damit hat, in Ländern wie Bahrain zu starten, in denen elementare Menschenrechte missachtet werden.

Gerne von oben, und immer mit ungewöhnlichem Anschnitt, hier

Gerne von oben, und immer mit ungewöhnlichem Anschnitt, hier Singapur – Foto: Liso

Es gibt in der von der Lehbrinkschen Prosa immer trefflich unterbrochenen Bilderflut drei Fotos, die mir aus dem nie langweiligen Formel-1-Fotoband besonders in Erinnerung bleiben: der Vorstart zum GP in Abu Dhabi in der untergehenden Abendsonne, ein Mitzieher in Spa, von Liso aus dem Wald mit verwischenden Bäumen im Vordergrund heraus fotografiert und ein Foto von Felipe Massa in Bahrain. Auf dem wirkt der flirrende rote Ferrari wie eine Fata Morgana, inmitten einer mondartigen Wüstenlandschaft.

Wie eine Fata Morgana - Massa-Ferrari - Foto: Viso

Wie eine Fata Morgana – Massa-Ferrari – Foto: Viso

Das ist Fotokunst auf höchstem Niveau, ebenso wie das Cover mit dem Benetton-Renault und einem rot-weißen Randstein, der Assoziationen zu Bildern von Lisos katalanischem Landsmann Joan Miró zieht. Man kann nur hoffen, dass Miquel Liso in der überreglementierten und auf political correctness gedrillten Welt der Formel 1 auch künftig genügend Freiräume bleiben, seinen Inspirationen zu folgen.

Wer noch mehr über Lisos Oeuvre erfahren will, kann dies auf seiner Homepage www.lisophotographer.com tun. Dort zu sehen sind auch Liso-Bilder von Rallye- und Tourenwagen-WM-Läufen oder Rennen der Seat Supercopa. Auch bei diesen Arbeiten – ja selbst bei Industrie-Aufträgen für Seat oder Land Rover – wird seine unverwechselbare Bildsprache sofort deutlich.

Alonso in Monaco - eine Komposition wie von Miró - Foto: Liso

Alonso in Monaco – eine Komposition wie von Miró – Foto: Liso

Miquel Liso/Hartmut Lehbrink
Formel 1/Formula 1/Fórmula 1 – Bilder mit einer Botschaft/Pictures with a message/Imágenes con un Mensaje
176 Seiten, 89 Fotos, dreisprachig (deutsch/englisch/spanisch), Format 27 x 29 cm, € 39,90, Verlag Delius Klasing, Bielefeld

Text: Thomas Imhof, Autogefühl
Fotos: Miquel Liso


3 Responses to Neuer Formel-1-Fotoband

  1. […] AutogefühlNeuer Formel-1-Fotoband: Den Zirkus einmal anders ins Bild gesetztAutogefühl – das Auto Blog! http://www.autogefuehl.de Miquel Liso und sein fotografisches Auge gehen den grö… […]

  2. Ein sehr schöner Bericht und auch ein sehr schönes Buch.
    Gleich nach dem lesen haben wir das Buch bestellt und sind absolut begeistert von dem Werk.
    Es liegt jetzt bei uns im Pausenraum und wird auch gerne von unserem Personal durchblättert.

    • Autogefühl says:

      Hallo!

      Vielen Dank für das Lob, das freut uns. Das ist bei euch ja dann sicher thematisch gut aufgehoben :-)

      Viele Grüße

      Die Redaktion

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir zur Optimierung Ihres Lesegenusses Cookies verwenden. mehr

Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir zur Optimierung Ihres Lesegenusses Cookies verwenden. Aus rechtlichen Gründen müssen wir Sie an dieser Stelle darauf hinweisen. Mehr Details gibt es auch in unseren Datenschutzbestimmungen: http://www.autogefuehl.de/impressum/datenschutzerklarung/

Schließen