Neue Biographie: Die sieben Leben des Niki Lauda

In einem neuen Lese-/Bilderbuch beleuchten 40 Weggefährten, Teamchefs wie Frank Williams (Foto oben), Fahrer-Konkurrenten und Journalisten den dreifachen Formel-1-Weltmeister Niki Lauda. Herausgekommen ist das Psychogramm einer facettenreichen und mitunter widersprüchlichen Persönlichkeit. Von Thomas Imhof

Seine roten Kapperln sind all die Jahre gleich geblieben. Nur die aufgedruckten Werbebotschaften wechselten, der „Kopf“ darunter jedoch blieb sich treu. „Ich habe sieben Leben“, hat Andreas Nikolaus „Niki“ Lauda, dreifacher Formel-1-Weltmeister, Unternehmer und Flugzeug-Pilot, mehr als einmal gesagt. Der bis heute nie aufgeklärte Unfall von 1976 am Nürburgring – brach etwas an der Hinterradaufhängung oder war es ein Fahrfehler? – im Streckenabschnitt „Bergwerk“ entrückte Lauda in den Mythos-Bereich. Zumal sein Leben auch danach immer wieder Brüche zeigte: 1977 der zweite Titel nach 1975 mit Ferrari, 1979 in Montreal der erste Rücktritt und 1984 der dritte Titel auf McLaren, mit nur 0,5 Punkten Vorsprung auf seinen Lehrling und Thronfolger Alain Prost. Selbst Hollywood mit Star-Regisseur Ron Howard hat sie nun für sich entdeckt – mit dem adrenalin-geladenen Film „Rush – Alles für den Sieg“ mit Daniel Brühl (als Lauda) und Chris Hemsworth (als James Hunt) in den Hauptrollen. Die Saison 1976, mit Laudas Comeback nach 33 Tagen „aus der Hölle“ und dem dramatischen Showdown in der Sintflut von Fuji ist der Stoff, aus dem Legenden erwachsen. Und immer mal wieder gute Bücher.

Das Duell 1976 - Lauda vs Hunt  - Foto: Kräling

Das Duell 1976 – Lauda vs Hunt – Foto: Kräling

Seit den 1970er-Jahren ist viel über Lauda geschrieben worden, in Österreich ist er so bekannt wie Mozart, auch in Deutschland erkennt ihn jedes Kind. Doch kennen wir mehr als nur den flapsig fabulierenden RTL-Reporter, der nach einem Grand Prix seine mitunter etwas dünnen Analysen der TV-Gemeinde preisgibt? Nein, meinte der langgediente Formel-1-Chronist Hartmut Lehbrink (über 500 Grand Prix). Und hatte die Idee, passend zum 65. Geburtstag seines Protagonisten am kommenden Samstag das Puzzle Lauda nochmals neu zusammenzusetzen. Dazu befragte er in einer Fleißarbeit 40 Freunde, Weggefährten, Konkurrenten, Teamchefs und Reporterkollegen des Österreichers nach ihren Erinnerungen und persönlichen Begegnungen.

1973 im BRM - das Sprungbrett zu Ferrari - Foto: Kräling

1973 im BRM – das Sprungbrett zu Ferrari – Foto: Kräling

Der junge Lauda entsprach alles andere als dem Klischee Rennfahrer. „Er wäre in einer Bar der 99. von 100 Männern gewesen, den eine Frau angequatscht hätte“, sagt der Schweizer Roger Benoit, alter Formel-1-Hase im Dienst des Boulevard-Blattes BLICK. Und Dieter Quester, neben Marko Anfang der 70er Jahre Laudas Konkurrent um die Jochen Rindt-Nachfolge, erinnert sich. „Er sah aus wie ein Hänfling, ein kleines zartes Bürschchen. Aber er hatte es faustdick hinter den Ohren.“ Als Pennäler war Lauda eine Niete, sein Reifezeugnis – in Österreich Matura genannt – war sogar eine plumpe Fälschung. Trotzdem löste sich der aus einer der besten Familien Wiens stammende Niki in seiner – so Lehbrink – „privaten 68er-Revolution“ aus dem großbürgerlichen Umfeld: „Hinter der harmlosen Fassade brodelte es.“ Und wie: Der wegen seiner vorstehenden Schneidezähne von seinen Mitschülern als „Hase“ oder „Eichhörnchen“ verspottete Lauda startete mit extremer Zielstrebigkeit, analytischem Denken und hohem finanziellen Risiko steil in Richtung Formel 1. „Seit seinem 18. Lebensjahr war er immer einen Schritt voraus“, sieht es Peter Peter, ein früher Formel Vau-Teamkollege Laudas. Obwohl Lauda das Natur-Talent eines Emerson Fittipaldi fehlte – der Brasilianer hatte vor seinem ersten Formel-1-Test schon 30 Rennen gewonnen – und seine finanziellen Balanceakte einem Glücksspiel im Casino glichen, schaffte er das Unmögliche. Obwohl Anfang der 70er Jahre mit drei bis vier Millionen Schilling in der Kreide, nutzte er 1973 den schon im Niedergang begriffenen Rennstall BRM zum Sprungbrett gen Italien, wo er zusammen mit Luca di Montezemolo den schlafenden Riesen aus Maranello aufweckte.

1973 im BRM - das Sprungbrett zu Ferrari - Foto: Kräling

Mit Clay Regazzoni 1974 bei Ferrari – Foto: Kräling

„Lauda gehörte nicht zu jenen wenigen Männern, die der liebe Gott vom Himmel herabsteigen ließ, um auf der Erde einen Grand Prix-Rennwagen zu lenken. Aber in der schieren Energie und der kühlen Vorausplanung, mit der er ein einmal angepeiltes Ziel ansteuert, überragt er alle anderen“, sagt Teamchef und Formel-1-Urgestein Frank Williams. John Surtees, auf Ferrari 1964 Weltmeister, noch nüchterner: „Lauda schuf sich eine sehr eigene Nische. Er hatte eine Mission, und führte sie ungemein erfolgreich aus.“ Auch Helmut Zwickl, einer der profundesten Chronisten der Ära Rindt-Lauda, „zweifelte anfangs an seinem Talent. Er war eigentlich der harmloseste der drei potentiellen Jochen Rindt-Nachfolger, zu denen noch Marko und Quester zählten. Doch er hatte diese wunderbare Gier und die Fähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute für sich einzuspannen.“ Vor allem verstand sich Lauda stets als Kämpfer, der nie versuchte, Menschen mit Wiener Charme und Schmäh für sich zu gewinnen. „Er war begeistert davon, Ferrari zu fahren, aber bemühte sich niemals, besonders sympathisch aufzutreten“, erinnert sich Montezemolo. Selbst dem großen und extrem stacheligen Enzo Ferrari sei es nicht gelungen, Lauda ins Bockshorn zu jagen.

Gerhard Berger: "Er ist schon eine Type. Turnt vor dir herum, mit zwei fremden Nieren im Leib und dieser Haut auf dem Kopf" - Foto: Kräling

Gerhard Berger: “Er ist schon eine Type. Turnt vor dir herum, mit zwei fremden Nieren im Leib und dieser Haut auf dem Kopf” – Foto: Kräling

Dazu passte Laudas Attitüde, schon mal mitunter auch sarkastisch Klartext zu reden. Als 1973 Roger Williamson in Zandvoort qualvoll in seinem March verbrennt, entgegnet der BRM-Pilot auf die Frage, warum er nicht angehalten habe, um zu helfen: „Ich werde doch nicht fürs Parkieren bezahlt!“ Den Salzburgring kanzelt er einmal als „längste Pissrinne der Welt“ ab und seinen ersten Formel-1-Ausstieg begründet er mit dem legendären Ausspruch „Ich habe keine Lust mehr, im Kreis rumzufahren.” Was ihn nicht daran hindert, 1982 mit McLaren ein Comeback zu starten.

Am spannendsten sind denn auch jene Psychogramme des neuen Buches, die Laudas facettenreiche Persönlichkeit differenziert betrachten und auch vor – wenn auch milder – Kritik nicht zurückschrecken. Attila Dogudan, Caterer für über 60 Airlines, sieht Lauda als Qualitätsfanatiker, Egoisten und totalen Opportunisten. Er habe ein simples, produktbezogenes Gemüt. Das zeige sich schon an der Wortwahl zu einer seiner beiden Nieren-Transplantationen. „Ich muss jetzt eine neue Niere einbauen.“ Privat habe er dagegen ein Herz und eine Seele.“ Den dicken Schutzpanzer, den sich Lauda nach all den Nackenschlägen seines bald 65 Jahre langen Lebens zugelegt hat, sieht auch Hans Mahr. Der Ex-RTL-Chefredakteur und Ex-Sportchef des Pay-TV-Senders Premiere will erkannt haben. „Menschen wie er sind getrimmt darauf, einsam zu sein, bewusst einsam. Er hat sechs Beine am Boden und war nicht immer der Beliebteste, wie die Spitznamen Ratte oder Superratte zeigten. Jochen Rindt gab sich anders, und dann kam der Lauda: Wortkarg, mit verkniffenem Blick, schnodderig, sarkastisch.“ Kein Wunder: Lauda sei digital wie ein Computer. Selbst wenn er über seinen Unfall spreche, klinge das so, als sei er einem Dritten Widerfahren. „Und seine Verletzungen hat er einfach ignoriert.“ Dennoch sei Lauda tief in seinem Inneren ein sehr emotionaler Zeitgenosse. Aber durch die äußere Schutzschicht komme kaum jemand durch.

"Strietzel" Stuck: "Der Niki lässt sich von niemandem verbiegen"

“Strietzel” Stuck: “Der Niki lässt sich von niemandem verbiegen”

Trefflich auseinander gehen in der neuen Biographie die Meinungen über Laudas offenbar extreme Knickerigkeit. Mahr: „Im Prinzip ist er ein Geizhals, da ist er richtig stolz drauf. Als er mal meine Söhne im Flugzeug mitnahm, habe er zur Auflage gemacht, dass sie nicht aufs Klo gehen durften. Als einer dann doch mal musste, verlangte der Niki von ihm, in eine Mineralwasserflasche zu pinkeln. So konnte er die Kosten für eine Reinigung sparen.“ Die prekären Finanzen zum Beginn der Lauda-Karriere mögen ein Grund dafür sein, dass so jemand den Taler lieber zweimal umdreht. Heute habe der in finanziellen Dingen immer extrem geschickte Niki angeblich ein Vermögen von 200 Millionen Euro angehäuft, schreibt Lehbrink. Lauda selbst sieht sich dagegen als bescheidenen Menschen, der sich als einzigen Luxus ein Privatflugzeug leiste.

Am Ende der alphabetisch geordneten und mit Bildern von Ferdi Kräling illustrierten Beiträge glaubt der Leser, den komplexen Menschen Niki Lauda endlich durchblickt zu haben. Um dann doch wieder zu zweifeln. „Als faszinierend, offen und schroff“ beschreibt der Mexikaner und langjährige McLaren-Mitarbeiter Jo Ramirez Lauda. „Dennoch ein Rätsel, unheimlich schwer zu lesen. Du weißt nie, wie er reagieren wird.“ Formel-1-Reporter Benoit stimmt zu: „Niki hat mir und uns in all den Jahren viele Rätsel aufgegeben. Das unerklärlichste erleben wir momentan: Als Diplomat wieder Willen in der Doppel-Rolle als RTL-Kommentator und Aufsichtsratschef beim Mercedes AMG-Formel 1-Team.

In der Tat ist in der Compliance-Welt eines Niki Lauda weitaus mehr Luft als in der eines Christian Wulff. Niemand nimmt Lauda krumm, pro GP-Wochenende von RTL laut Lehbrink 70.000 Euro einzustreichen und zugleich auf der Mercedes-Gehaltsliste zu stehen. Eine Doppel-Rolle, die sich höchsten noch Franz Beckenbauer beim Fußball leisten kann. Längst hat RTL Nikis Vertrag bis 2015 verlängert. Ein Lauda-Statement gilt noch immer als Gesetz, und er selbst hat schon verkünden lassen, „auch weiter brutal meine Meinung zu sagen.“

"Ein alter Lufthansa-Pilot mit 30.000 Stunden Flugerfahrung kann es nicht besser. Wir haben noch nie einen Piloten wie Lauda ausgebildet, vor allem keinen mit einer solchen Simultan-Kapazität" (Chefpilot von Boeing)

“Ein alter Lufthansa-Pilot mit 30.000 Stunden Flugerfahrung kann es nicht besser. Wir haben noch nie einen Piloten wie Lauda ausgebildet, vor allem keinen mit einer solchen Simultan-Kapazität” (Chefpilot von Boeing)

Diese Brutalität und Janus-Köpfigkeit ist eine von Laudas Eigenschaften, die Jochen Mass, zu Laudas Ferrari-Zeiten Teamkollege von James Hunt bei McLaren – in seinem ungemein kritischen Beitrag besonders aufstößt. „Mich stört, dass er sich selbst als Maß aller Dinge betrachtet. Das Motto heißt: So sehe ich die Angelegenheit, so ist sie folglich. Er steht absolut im Zentrum seines Universums.“ Denkt er an die gemeinsame Tourenwagen-Zeit – Lauda auf BMW, Mass auf Ford Capri – zurück, kommen Mass folgende Assoziationen: „Er war total selbstbezogen, immer irgendwie auf dem Sprung. Er war okay, aber nicht jemand, mit dem man gern einen Abend verbracht hätte. Hatte wenig übrig für Smalltalk oder für irgendein Philosophieren. Beim Niki lief immer alles vernünftig und sehr schnell ab. In eigener Sache verhält er sich jedoch durchweg opportunistisch und ist dann auch sehr wendig.“

Der Perfektionist Lauda wurde nach dem Ende seiner Rennfahrerkarriere zum mutigen, leider aber nicht immer erfolgreichen Geschäftsmann und Formel-1-Manager. Als Jean Todt als Teamdirektor zu Ferrari kam, legte sich der zwischen 1993 und 1995 als Berater für die Roten tätige Lauda in ungewohnter Schärfe mit dem Franzosen an. „Der Mann war Rallye-Beifahrer, ich dreifacher Weltmeister.“ Auch sein zweijähriges Intermezzo als Rennleiter des Jaguar Formel 1-Teams war nicht von Erfolg gekrönt.

Der kühle Analytiker - zum dritten Mal Weltmeister mit McLaren - Foto: Kräling

Der kühle Analytiker – zum dritten Mal Weltmeister mit McLaren – Foto: Kräling

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Lauda wurde sein Lebenswerk nicht in den Schoß gelegt, er hat sich alles hart erarbeitet, mit einer fast übermenschlichen Energie seinen eigenen Unfall, einen Sturz mit einem Traktor auf seinem Grundstück in Hof bei Salzburg und den grausamen Absturz seiner Lauda Air-Boeing 767 „Mozart“ 1991 in Thailand mit 223 Toten überwunden. Damals gab Lauda – der Perfektionist – nicht eher Ruhe, bis die Unfallursache definitiv feststand: eine im Flug aktiv gewordene Schubumkehr. Sein heroischer Kampf mit der Lauda Air gegen die monopolistische Austrian Airlines war von vornherein zum Scheitern verurteilt, sagt Lehbrink – trug ihm aber allerorten Riesenrespekt ein. Doch blieb Lauda immerhin von 1979 bis zum November 2011, als er sich aus dem Vorstand der NIKI zurückzog, im Fluggeschäft. Steherqualitäten bewies er auch bei seinen beiden Nieren-OPs. 1997 spendete ihm sein Bruder Florian das erste, 2005 seine (spätere) zweite Frau Birgit das zweite Organ. „Schlimme Dinge, an denen andere zerbrochen wären“, sagt Dieter Quester voller Respekt.

Am kommenden Samstag (22.2.) nun wird Niki Lauda 65 Jahre alt – und geht garantiert nicht in Rente. Schließlich wartet doch schon eine weitere Formel-1-Saison auf den Mann mit den sieben Leben, der von sich behauptet, „keine Freunde, höchstens gute Bekannte“ zu haben. „Gemma“ wird er wie immer standardmäßig sagen – denn Stillstand gibt es für einen wie ihn nicht.

Niki Lauda – von außen nach innen Von Hartmut Lehbrink mit Fotos von Ferdi Kräling 160 Seiten, 56 Farbfotos, 21 S/W Fotos, Format 21,9 x 28,8 cm, gebunden mit Schutzumschlag, Delius Klasing


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