Nokian Tyres: Erster Spikereifen mit ausfahrbaren Krallen

Einer von 150 ausfahrbaren Spikes - Foto: Nokian Tyres

Stehen wir vor einem Comeback der in Deutschland diskreditierten Spikereifen? Der finnische Winterreifenspezialist und –pionier Nokian Tyres bringt sie nun neu ins Gespräch. Mit einem Pneu, der seine Krallen nur bei Gefahr ausfährt – und damit nicht die Straße beschädigt. Von Thomas Imhof

Spikes sind zusätzlich in einen Winterreifen einvulkanisierte Stahl- oder Hartmetallstifte, die zwischen 1,5 und zwei Millimeter aus der Lauffläche herausragen. Auf einem Porsche Cayenne haben die Nordmänner nun Winterreifen vom hauseigenen Typ Nokian Hakkapeliitta 8 SUV mit je 150 Stahlstiften pro Pneu getestet. Das Besondere dieses Prototypen: Auf Knopfdruck fahren die harten Metallstifte in der Mitte des fest im Reifen verbleibenden Spikekörpers aus, damit der Pneu auch auf spiegelglatter Unterlage gut greift. Auf Kommando ziehen sich die Krallen aber auch genauso schnell wieder zurück. Mit dieser Innovation könnte Nokian den größten Makel des Spikereifens aus der Welt schaffen: seine zerstörerische Wirkung auf trockene Asphaltdecken. Dagegen würde sich im Gegenzug der Grip bei Eisglätte drastisch verbessern.

Konzeptreifen auf einem Porsche Cayenne - Foto: Nokian Tyres

Konzeptreifen auf einem Porsche Cayenne – Foto: Nokian Tyres

Noch möchten die kühlen Finnen nicht verraten, mit welcher Technik die Spikes aus- und einfahren. Die revolutionäre Technologie soll noch eine Weile ihr Geheimnis bleiben. Doch reizt eine Serienentwicklung: „Dieses einzigartige Spike-Konzept kann tatsächlich eines Tages Realität werden“, sagt Matti Morri, Leiter Kundenservice bei Nokian Tyres. „Als Pioniere der Winterreifen-Welt zeigen wir, dass es möglich ist, die Vorteile eines Spike-Winterreifens mit den Vorteilen eines Spike-losen-Winterpneus zu verbinden.“ Bis aber ein solcher Reifen die Freigabe für eine Straßenzulassung erhielte, könnten jedoch noch einige Jahre ins Land gehen.

Einer von 150 ausfahrbaren Spikes - Foto: Nokian Tyres

Einer von 150 ausfahrbaren Spikes pro Reifen – Foto: Nokian Tyres

Nokian Tyres mit Hauptsitz in der südfinnischen Stadt Nokia feiert in diesen Tagen den 80. Geburtstag des weltweit ersten Winterreifens. Der wurde 1934 unter dem Namen Nokian Kelirengas zunächst für Lkw entwickelt. Schon zwei Jahre später folgte dann auch eine verbesserte Version für Pkw. Nokian-Schnee-Hakkapeliitta nannten die Finnen ihre Neuentwicklung, die im bekanntlich strengen skandinavischen Winter sehr segensreich wirkte.

Saab-Team bei der Rallye Monte Carlo 1963

Saab-Team bei der Rallye Monte Carlo 1963. Vor den drei Saab 96 aufgestapelt: Fünf Satz Reifen, darunter zwei mit Spikes – Foto: unblog.fr

Legendären Ruf erwarb sich der bald weltweit exportierte Hakkapeliitta-Reifen aber bei der besonders schnee- und eisreichen Rallye Monte Carlo 1963. Denn sowohl der legendäre Schwede Erik Carlsson („on the roof“) mit seinem Saab 96 als auch die nach ihm ins Ziel gekommenen Finnen Pauli Toivonen (Citroen DS 19) und Rauno Aaltonen (Mini Cooper) genossen dank der erstmals eingesetzten gespickten Nokians entscheidende Traktionsvorteile.

In Deutschland genießen Spikes anders als im hohen Norden keinen allzu guten Ruf. Sie sind seit 1975 (mit Ausnahmen für Einsatzfahrzeuge) für Kraftfahrzeuge generell verboten (§ 36 Abs. 1 StVZO). Vor allem, weil sie die Fahrbahn beschädigten und speziell auf Autobahnen tiefe Spurrillen aushöhlten, die dann bei Regen schnell zum berüchtigten Aquaplaning führten. Zugleich boten sie bei trockener Fahrbahn weit weniger Haftung und machten auch durch wesentlich höhere Abrollgeräusche negativ auf sich aufmerksam.

Der erste Winterreifen (Kelirengas) von 1934, damals noch unter dem Namen Nokia - Foto: Nokian Tyres

Der erste Winterreifen (Kelirengas) von 1934, damals noch unter dem Namen Nokia ! – Foto: Nokian Tyres

Anders die Gesetzeslage in den Alpenländern: In Österreich sind Spikereifen von Oktober bis Mai für Kraftfahrzeuge auf Landstraßen bis zu einer Geschwindigkeit von 80 km/h erlaubt, auf Autobahnen sogar bis Tempo 100. Ähnliches Prozedere in der Schweiz: Hier sind die durch klackernde Geräusche schon von weitem gut vernehmbaren Spikes zwischen November und April und bis zu einer Geschwindigkeit von 80 km/h erlaubt. Ausgenommen sind lediglich die Autobahnen. Die Eidgenossen werden wissen, warum.

Text: Autogefühl, Thomas Imhof
Fotos: Nokian Tyres


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