Historische Renn-Volvos

Vom Sieger-Buckel der Safari-Rallye 1965 über die Replica einer Amazone bis zum schnellsten Schuhkarton und Bäckerwagen der Welt reicht die Volvo Präsentation klassischer Rennwagen für die Techno Classica 2014. Von Thomas Imhof

Das Schweden-Aufgebot für die am 26. März in Essen startende Leitmesse der Classic Car Szene umfasst fünf historische und ein aktuelles Modell –  den S60 Polestar aus der Saison 2013. Zur Techno Classica erwarten die Veranstalter wieder über 200.000 Besucher aus über 40 Ländern. Volvo ist zum bereits elften Mal mit von der Partie und stellt unter dem Motto “Volvos at Speed” historische Renn-Volvos aus, die eine Zeitspanne von bald 50 Jahren umspannen.

Hauptattraktion am Stand der Schweden ist sicherlich das Siegerfahrzeug der East African Safari Rallye von 1965, ein “Buckel”-Volvo vom Typ PV544. Gefahren vom legendären, im vergangenen Jahr verstorbenen Inder Joginder Singh (“Der Fliegende Sikh”), der zusammen mit seinem Bruder Jaswant Singh für sein Gastland Kenia antrat.

Joginder Singh und der siegreiche PV544 "Buckel" - Foto: Volvo

Joginder Singh und der siegreiche PV544 “Buckel” – Foto: Volvo

Singhs Auto war bereits in den Jahren 1963 und 1964  vom schwedischen Top-Piloten Tom Trana über insgesamt 67.000 Rallye-Kilometer geprügelt worden. Mit diesem Gebrauchtwagen fuhren die beiden Inder der Konkurrenz in Gestalt der Werksteams von Citroen, Mercedes und Saab um die Ohren.

Der Sieg brachte Singh weitere Volvo-Einsätze in Europa ein –  darunter in Schweden, bei der RAC in England und – auf ihm vertrauterem Terrain – der Akropolis. Es war denn auch in Griechenland, wo er mit Platz neun die beste Leistung ablieferte.

1964 hatte Volvo mit dem “Buckel” und dem damals sehr bekannten Tom Trana bereits die Akropolis Rallye in Griechenland gewonnen. 1965 machte es ihm sein Landsmann Carl-Magnus Skogh nach. Jedoch diesmal auf einem 122 S Amazone, dessen exakte Replica in Essen zu sehen ist. Mit dieser Stufenhecklimousine ließ er illustre Konkurrenz in Gestalt von Saab-Legende Eric Carlsson, René Trautmann (Lancia Fulvia), Åke Andersson und Gunnar Palm in einem weiteren Saab 96 und das deutsche Duo Dieter Glemser und Martin Braungart auf einem Mercedes 230 SL “Pagode” hinter sich.

Volvo 240 turbo 1986 bei einem Rennen in Hockenheim - Foto: Volvo

240 turbo mit Granberg/Olofsson beim EM-Lauf 1986 in Hockenheim vor einem Holden Commodore und den späteren Siegern Cecotto/Lindström auf dem zweiten RAS-Volvo –  Foto: Volvo

Sprung in die 80er Jahre. Die in drei Hubraumklassen ausgetragene Tourenwagen-EM wird nach den Regeln der Gruppe A ausgefahren. Nach zarten Anfängen in der Saison 1983 steigt Volvo 1984 in voller Stärke mit dem kastenförmigen 240 turbo in die von Jaguar XJ-S V12, BMW 635 CSi und später auch Rover 3500 Vitesse beherrschte Serie ein. Zwar nie als Werksmannschaft, aber als eifriger Förderer diverser Privatteams. Das schwedische Volvo Magnum Racing Team erweist sich im ersten vollen Jahr als Speerspitze der Skandinavier und holt im September 1984 in Zolder mit den Piloten Ulf Granberg und Robert Kvist den ersten Sieg in einem EM-Lauf. Die Ehre des Premieren-Sieges eines solchen rasenden Schuhkartons gebührt jedoch einem anderen Schweden: Per Stureson, der bereits im Mai 1984 bei einem Lauf zur deutschen Produktionswagen-Meisterschaft (dem Vorläufer der DTM) in Mainz-Finthen ganz nach vorne gefahren ist. 1985 lässt er – ebenfalls auf Volvo – dann sogar die Meisterschaft folgen.

1985 geht Volvo mit dem erfahrenen Team des Schweizers Ruedi Eggenberger zusammen. Und prompt holen der Italiener Gianfranco Brancatelli und der Schwede Thomas Lindström gegen die Rover 3500 V8 des Teams TWR den Titel. 1986 wechselt Eggenberger zu Ford, und das belgische RAS Sport Team übernimmt den Staffelstab als inoffizielles Volvo-Werksteam. Man dominiert auch das Geschehen, nur um nach Protesten des gegnerischen TWR-Teams zwei Siege und damit den sicher geglaubten Titel aberkannt zu bekommen. Die Weltmotorsportbehörde FISA überführte Volvo, beim Heimrennen in Anderstorp illegal mit 99-Oktan-Sprit gefahren zu sein und in Zeltweg mit einem zu großen Tank unterwegs gewesen zu sein. Die Schweden fühlen sich ungerecht behandelt und ziehen sich Ende 1986 ebenso wie Rover zurück. In Privathand sind die Autos aber noch bis 1988 weltweit in Aktion zu sehen und heute begehrte Renngeräte bei Classic Car-Events.

Volvo 240 turbo 1986 beim Rennen in Monza vor einem Rover Vitesse - Foto: Volvo

Volvo 240 turbo 1986 beim Rennen in Monza vor einem Rover Vitesse – Foto: Volvo

Die Leistung der von einem großen Garrett-Lader angefachten B21-Motoren (2,1 Liter große Vierzylinder mit nur zwei Ventilen pro Zylinder ) betrug in letzter Ausbaustufe rund 350 PS. Damit waren die zur Kühlung der Auslassventile mit einer zusätzlichen Wassereinspritzung ausgestatteten Renn-Koffer bis zu 260 km/h schnell.  Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h wurde in rund sechs, die von 0 auf 200 km/h in rund 20 Sekunden erledigt. Das Fünfganggetriebe lieferte Getrag, die Kupplung Borg&Beck, die Dämpfer Bilstein. Die Lenkung (ohne Servounterstützung) und die Hinterachse samt Sperrdifferential waren hauseigene Anfertigungen. Bei einem Rennen in Estoril setzte Volvo auch eine elektronische Traktionskontrolle ein.

Neben den Europameistern von 1985 steuerten auch weitere anerkannte Tourenwagen-Asse wie Eje Elgh, Ulf Granberg, Johnny Cecotto, Mauro Baldi, Pierre Dieudonné, Sigi Müller jr. und Didier Theys die schnellen und aufreizend leise vorbeidüsenden Kastenwagen.

1994 eroberte ein extrem untypisch erscheinender Renntourenwagen die Herzen der Fans in England: Der vom einstigen Volvo Erzgegner Tom Walkinshaw Racing (TWR) eingesetzte 850 Kombi. Er litt zwar unter der im Vergleich zu einer 850 Limousine schlechteren Drehsteifigkeit, bescherte aber Volvo dank der beherzten Fahrweise der beiden Top-Piloten wie Jan Lammers und Rickard Rydell eine gewaltige PR- und Sympathie-Welle.

Auf dem Genfer Salon 1994 hatte Volvo zur großen  Überraschung den Einsatz des Renn-Kombis in der britischen Tourenwagen-Serie BTTC bekanntgegeben. Erst eine Woche vor dem ersten Rennen wurden erste Testkilometer abgespult. Im Vergleich zum Serien-850 erhielt die Rennversion ein spezielles Getriebe. Es erlaubte eine tiefere und zurückversetzte Einbaulage des Motors, der nun hinter der Vorderachse lag. Auch der Fahrer saß tiefer und zentraler im Auto.

Der rasende Volvo 850 Kombi mit Jan Lammers - Foto: Volvo

Der rasende Volvo 850 Kombi mit Jan Lammers – Foto: Volvo

Obwohl er angeblich dank des längeren Dachs mehr Anpressdruck auf der Hinterachse aufbaute als eine Limousine, kam der Volvo 850 Kombi nicht über einen fünften Platz als bestes Ergebnis hinaus; in der Teamwertung landete TWR/Volvo auf Platz sechs. Immerhin eroberten Lammers und Rydell im Training zweimal den dritten Startplatz. Das Experiment endete dann auch nach nur einem Jahr. 1995 trat Volvo erneut, nur diesmal mit einer 850 Stufenhecklimousine, an. Und prompt gewann Rydell vier Rennen und belegte im Endklassement Platz drei.

Nur drei Volvo 850 Kombis in Rennversion wurden gebaut. Das erste Modell ging für kurze Zeit nach Australien, ehe es nach Schweden zurückkehrte, dort in Original-Farben restauriert und eingelagert wurde. Auto Nummer 2 fand direkt einen Platz im Volvo Museum in Göteborg, während das dritte Chassis in eine Limousine verwandelt wurde und vor der Saison 1995 als Testauto Verwendung fand.

Dafür hielt sich Volvo 1998 in der BTTC schadlos – und gewann mit Rydell und einem S40 die zu jener Zeit besonders prestigeträchtige britische Tourenwagenserie vor dem Nissan Primera Piloten Antony Reid.

Die Brücke in die Neuzeit schlägt auf dem Essener Messestand ein Volvo S60 Polestar – einer der Siegerwagen der letztjährigen skandinavischen Tourenwagen-Meisterschaft. 2013 setzte Polestar im hohen Norden fünf dieser S60 ein, gesteuert von Robert Dahlgren, Fredrik Ekblom, Thed Björk, Linus Ohlsson und Prinz Carl Philip, Herzog von Värmland.

S60 Polestar - Foto: Volvo

S60 Polestar – Foto: Volvo

Statt in die Tourenwagen-WM zog es Polestar 2014 nach Australien, wo man zwei von Garry Rogers Motorsport für die V8 Supercars Championship präparierte S60 für Dahlgren and Scott McLaughlin einsetzt. Gleich beim allerersten Einsatz auf dem Ex-Grand Prix-Kurs von Adelaide reichte es für Volvo zu einem sensationellen zweiten Platz.

Historische Renn-Volvos – in jedem Fall ein “Muss” für jeden Besucher der Techno Classica 2014 in Essen.

Text: Autogefühl, Thomas Imhof

Fotos: Volvo


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