Das große Geschäft mit Ersatzteilen für Oldtimer

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Traditionsmarken wie Mercedes, Porsche, BMW oder Volkswagen scheuen weder Geld noch Mühen, die Ersatzteilversorgung ihrer Old- und Youngtimer-Kunden sicherzustellen. Das Geschäft mit Ersatzteilen floriert – und manches Neuteil ist sogar hochwertiger als das vergriffene Original. Von Thomas Imhof

Wenn sich am kommenden Mittwoch die Oldtimer-Szene zur 26. Techno Classica (26. – 30. März) in Essen trifft, tut sie dies in einer konjunkturellen Hochdruckwetterlage. Historisch wertvolle Automobile stehen mehr denn je hoch im Kurs – bei echten Liebhabern ebenso wie bei jenen Sammlern, die die „Schätzchen“ primär als stabile Wertanlage sehen. Die zehn teuersten bei Versteigerungen unter den Hammer gegangenen Oldies erzielten 2013 einen Gesamtwert von 100 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2012 brachten es die Top Ten gerade mal auf 63 Millionen.

Besser als im Original: Chromzierleisten für Mercedes-Heckflossen - Foto: Mercedes-Benz Classic

Besser als im Original: Chromzierleisten für Mercedes-Heckflossen – Foto: Mercedes-Benz Classic

Manche wiegen den Wert eines alten Sportwagens sogar in Gold auf. Bei einer Auktion in den Vereinigten Staaten vergangenen Monat wurde ein Porsche 718 RS 61 Spyder aus den 50er-Jahren für etwas mehr als zwei Millionen Euro versteigert. Oldtimerexperten errechneten daraus einen Kilopreis von 2.985 Euro, was wiederum etwa zehn Prozent des Preises entspräche, den zurzeit ein Kilo Gold am Bankschalter einbringt.

Sich um Old- und Youngtimer zu kümmern, poliert einerseits das Markenimage der Hersteller auf und ist für deren als eigene Profitcenter tätigen Klassik-Abteilungen auch ein zunehmend lukratives Geschäft. Nicht nur mit der Restaurierung seltener Modelle ist gutes Geld zu machen – auch das Geschäft mit Ersatzteilen für Oldtimer boomt seit Jahren.

Original-Radzierblenden sind nicht nur bei Daimler heiß begehrt - Foto: Mercedes-Benz Classic

Nicht nur bei Daimler heiß begehrt: Original-Radzierblenden – Foto: Mercedes-Benz Classic

Beispiel Mercedes Benz Classic: 2012 setzten die Schwaben über 130 Millionen Euro mit dem Vertrieb von aktuell knapp 40.000 Original-Teilen um – 2013 lag die Summe eher noch höher. Sind 15 Jahre nach Serienauslauf eines Modells vergangen, übernehmen bei Mercedes, aber auch bei VW und BMW, die jeweiligen Classic Center das Teilebusiness. Zuvor müssen die Verträge mit den Lieferanten neu abgeklärt werden. Was heißt: Verlängern oder bei Desinteresse einen neuen Partner überreden, in die Lücke zu springen. „Ein Teil bleibt so lange im Programm, wie es Nachfrage gibt und eine wirtschaftliche Wiederbeschaffung möglich ist“, sagt Mercedes Classic-Sprecher Manuel Müller zur generellen Praxis.

Bei einem Lieferantenwechsel oder verschlissenen Werkzeugen müssten Teile mitunter aber auch ganz neu aufgelegt werden. Wie zum Beispiel ganz aktuell die weltweit vergriffenen Trommelbremsen für den 300 SL-Flügeltürer. Wieder auf Lager sind auch die Chromzierstäbe für die Heckflossen-Modelle W110/111/112. Dank Alu-Vollmaterial seien sie sogar langlebiger als die aus Zink-Druckguss gefertigten Originale, betont Müller.

In seine 4893 Einzelteile zerlegter Käfer von 1964 - Foto: Volkswagen

In seine 4.893 Einzelteile zerlegter Käfer von 1964 – Foto: Volkswagen

Genaue Umsatzzahlen hüten die Klassikabteilungen der Autobauer wie einen Schatz, offenbar soll nicht der Eindruck entstehen, als wolle man sich an der Oldtimer-Leidenschaft der Kunden bereichern. Bei Volkswagen Classic Parts sprechen sie nur von einem „positiven Umsatz mit Ersatzteilen in den vergangenen Jahren“. Auf die Oldtimer-Sparte der Wolfsburger rollt eine große Aufgabe zu, wenn die nächsten Golf-Reihen 15 Jahre nach der Auslaufzeit in ihre Zuständigkeit fallen. Beim Golf IV seien es noch eher Schmuckdetails wie Schaltknaufe oder der Schlüsselanhänger des R32, beim Golf III dagegen schon große Blechteile, der Stoßfänger des GT oder ein GTI-Schriftzug, sagt Sprecher Jörn Schwieger. Auch in Wolfsburg werden „fahrbereitschaftsrelevante“ Teile noch 15 Jahre nach Auslauf einer Baureihe weitergebaut. Zierleisten oder die nur begrenzt lagerbaren Sitzbezüge liefen dagegen schon früher aus, so Schwieger.

Mit dem aus fast 4.900 Einzelteilen bestehenden Käfer hat VW noch immer den beliebtesten Oldtimer Deutschlands: 50.000 Käfer mit H-Kennzeichen tuckern über die Straßen der Republik. Aber selbst für den 21,5 Millionen Mal verkauften und erst 2002 vom Golf überholten Bestseller heißt es nun vorzusorgen – zumal auch die Qualität der gelieferten Ersatzteile immer stärker schwankt. Kein Wunder,spuckt doch das letzte Käfer-Werk – Puebla in Mexiko –  nun schon seit elf Jahren keine Krabbeltiere mehr aus. Daher handelt VW gerade neue Verträge aus – und freut sich nebenbei über ein durch Zufall aufgespürtes Teilelager des lokalen Importeurs in Paraguay. Dessen Arsenal an Teilen für primär luftgekühlte, aber auch frühe wassergekühlte Modelle haben die Wolfsburger den Südamerikanern ohne großes Zaudern abgekauft und bereits per Schiff in zwei Ladungen nach Deutschland spediert. Auch solche Funde helfen, den Käfer-Nimbus vom „Er läuft, und läuft und läuft“ weiter mit Leben zu füllen.

Unverhoffte Fundgrube: Teillelager in Paraguay - Foto: Volkswagen

Unverhoffte Fundgrube: Teillelager in Paraguay – Foto: Volkswagen

Es gibt nichts, was es nicht gibt – das gilt auch für BMW. 40.000 Positionen hat BMW Classic laut Sprecher Stefan Behr auf Lager, jährlich kämen 500 neue dazu, aktuell jene für den 15 Jahren nach Produktionsstopp ins „Rentenalter“ gekommenen 3er der Reihe E36. Oldie-Fans der Weiß-Blauen dürfen sich zum Frühjahr über viele Remakes freuen: wie die einzigartige Neonrückleuchte des Z8, den Z1-Blinker, den Turbolader und Zylinderkopf des legendären 2002 turbo oder ein eher profanes Teil wie ein Wasserventil für die Heizung des 3er-Typs E30.

Mittlerweile ist das Geschäft mit den elementaren Bestandteilen eines Autos so ausgeweitet worden, dass ganze Modelle auf Wunsch komplett und allein aus Original-Ersatzteilen nachgebaut werden können. Wie etwa der im Original von 1971-1975 gebaute BMW 2002 tii, den BMW Classic zu Demo-Zwecken in elf Monaten und mit Hilfe von rund 4.000 Einzelkomponenten neu zusammensetzte. Selbst vor exotischen Nachbauten wird nicht zurückgeschreckt, wie beim Getriebe für den Vorkriegs-Dauerrennsieger 328. Mit Hilfe des Zulieferers ZF wurde die als anfällig bekannte Original-Box von Hurth in einer Auflage von 75 Stück reproduziert. Die 20.000 Euro pro Getriebe seien gut angelegt, versichert BMW-Mann Behr. „Denn unter anderem hat es jetzt dickere Wandstärken.“

Aus Original-Ersatzteilen in elf Monaten neu aufgebaut: BMW 2002 tii - Foto: BMW

Aus Original-Ersatzteilen im gläsernen Kasten und in elf Monaten neu aufgebaut: BMW 2002 tii – Foto: BMW

Auch Jaguar kümmert sich – wenngleich mit reichlich Verzögerung – nun intensiver um seine rührige Oldtimer-Klientel. Schon 2013 hatten die Briten mit einem 22.000 Teile starken Onlinekatalog die Teileversorgung neu geordnet; nun geht zur Techno Classica 2014 die neu gegründete Sparte Jaguar Heritage noch zwei Schritte weiter. 20 speziell ausgestattete Autohäuser sollen künftig den Service der in Deutschland registrierten Veteranen übernehmen und auch Restaurierungen anbieten. Geplant sind darüber hinaus eine Mobilitätshilfe und – zusammen mit der Allianz – eine Versicherung für über 30 Jahre alte Raubkatzen.

Bei Porsche übernimmt ebenso wie bei Jaguar schon nach zehn statt 15 Jahren die Klassikabteilung die Betreuung der alternden Sportwagen. Darunter fallen ergo nun auch die 2004 ausgelaufenen Typen 996 – der Neunelfer mit Spiegeleischeinwerfern – und der erste Boxster 986. Philipp Salm ist als Leiter Vertrieb & Marketing Porsche Classic Herr über ein Sortiment von 52.000 Original-Teilen, die von 1.000 Lieferanten beigesteuert werden. Ganz neu sind zwei zusammen mit dem Entwicklungscenter Weissach entwickelte Motorenöle für luftgekühlte Boxer. In geschmackvoll von Porsche Style entworfenen Ein- und Fünf-Liter-Dosen gibt es sie als 20W-50-Mehrbereichsöl für 356, 914 und 911 bis zum 2,7-Liter-„G“-Modell sowie als synthetischen Schmierstoff 10W-60 für alle Boxer ab 3,0 Liter Hubraum mit Trockensumpfschmierung.

Eigens angemischte Öle für Porsche Klassiker - Foto: Porsche

Eigens angemischte Öle für Porsche Klassiker – Foto: Porsche

Wenn es um den sicheren Erhalt ihres historischen Erbes geht, scheuen die Zuffenhausener aber auch sonst keine Mühe. In einem spektakulären Fall transportierte Porsche 2011 beim insolvent gegangenen Karosseriebauer Karmann verstaubende Presswerkzeuge in 70 (!) Lkw-Fahrten von Osnabrück ins 500 Kilometer entfernte Stuttgart. Wo sie ein „kleiner Prototypenbauer“ erst einmal einer Generalrevision unterzog. Nach der umfangreichen Überarbeitung aller Werkzeuge liefern sie laut Salm „eine bessere Qualität als früher: Wir sparen sechs bis acht Stunden Einbauzeit und können erstmals sogar Dünnblechteile für den 911 2.7 ‚Bürzel‘ bauen. Die gab es nur einmal in der Serienproduktion 1972/73 und bringen gestern wie heute zehn Kilo Gewichtsersparnis ein.“

Keine Nachschubprobleme (mehr) - neue Bleche für alte 911er - Foto: Porsche

Keine Nachschubprobleme (mehr) – neue Bleche für alte 911er – Foto: Porsche

Präzisionsarbeit wie sonst nur beim Uhrmacher: Herstellung von Porsche-Haubenwapen - Foto: Porsche

Präzisionsarbeit wie sonst nur beim Uhrmacher: Herstellung von Porsche-Haubenwappen – Foto: Porsche

Über solche Husarenstücke freut sich ein Enthusiast wie Salm ebenso wie über ein neu aufgelegtes Haubenwappen: „Das war seit 30 Jahren vergriffen, zum Kummer von Besitzern eines 356 und 911 „F“, weiß er. Die an Feinmechanik erinnernde Arbeit erledigt für Porsche ein kleiner Betrieb im Saarland, der unter anderem auch Olympiamedaillen fertigt. Eine wahrlich goldene Lösung für ein detailgetreues Elementarteilchen!

Text: Autogefühl, Thomas Imhof

Fotos: Hersteller


2 Responses to Das große Geschäft mit Ersatzteilen für Oldtimer

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