Traumauto-Ausstellung: Museum in Atlanta zeigt 17 Dreamcars

Das High Museum of Art in Atlanta zeigt in einer Traumauto-Ausstellung 17 amerikanische und europäische Konzeptstudien mit Kultcharakter. Vom Anfang der 1930er Jahre bis zum Beginn unseres Jahrhunderts reicht die phantastische Reise durch die Geschichte des Automobil-DesignsVon Thomas Imhof

Das kugelige Ding auf drei Rädern wirkt wie der Vorläufer der BMW Isetta aus den 1950er Jahren. Mitten im Paris der deutschen Besatzungszeit, im Jahr 1942, hat es der erfindungsreiche Tüftler Paul Arzens konzipiert. Weil Benzin rationiert war, betrieben viele Franzosen ihre Citroens und Renaults mit Holzkohle. Arzens jedoch wählte einen Elektro-Antrieb, den er mit einem Plexiglas-Dach und einer seitlich offenen Aluminium-Hülle mehr schlecht als recht verkleidete. Mit Batterien wog das 2,1 Meter kurze Wägelchen nur 350 Kilogramm – und soll es mit maximal 70 km/h auf einen Radius von 100 Kilometer gebracht haben. Mit dem L’Oeuf électrique („das elektrische Ei“) wollte der auch als Maler und Eisenbahnkonstrukteur erfolgreiche Arzen das Fahrrad abzulösen. Doch der Urahn des modernen smart ED blieb ein Einzelstück.

L'Oef Electrique

L’Oeuf Eléctrique von 1942 – früher Vorläufer des smart ED – Foto: Michel Zumbrunn/Urs Schmid

Das Überraschungsei aus Paris ist eines von 17 „Dream Cars“, die das High Museum of Art in Atlanta (Georgia) zu einer sehenswerten Ausstellung zusammengetragen hat. Sie ist noch bis zum 7. September geöffnet. „Das Konzept sah zunächst nur US-Traumautos der 1950erJahre vor”, sagt Kuratorin Sarah Schleuning. „Doch dann entschieden wir uns, das Thema auf die 1930er Jahre und zusätzlich Europa auszudehnen.“

Gezeigt werden in der Traumauto-Ausstellung entweder nur als Unikat oder als Kleinstserie konzipierte Konzeptstudien. Sie verkörpern die Visionen von Designern, die sich zunächst in den USA überhaupt als solche bezeichneten. 1937 nannte sich die 1927 gegründete Art and Colour Section von General Motors auf Betreiben des charismatischen Chefstilisten Harley J. Earl in Styling Section um. Nun war klar: Nie mehr sollten Ingenieure das Konzept eines Autos allein bestimmen können.

Chrysler Thunderbolt

Chrysler Thunderbolt von 1941 – stilvolle amerikanische Badewanne – Foto: Michael Furman

Der durch diese Aufwertung auch bald bei Ford und Chrysler spürbare Kreativitätsschub nahm zwar in den an „Raketen auf Rädern“ erinnernden Firebird-Studien von GM oder dem Cadillac Cyclone groteske Formen an. Doch schenkte sie der Autowelt auch zeitlos schöne Entwürfe. Der Chrysler Thunderbolt von 1941 steht exemplarisch für diese Hochblüte
des US-Designs: Glatte, windschnittige Außenhaut mit verschalten Rädern, versenkte Scheinwerfer und ein einteiliges, elektrisch betätigtes Metall-Hardtop machen den für seine Zeit ungewohnt flach auf der Straße kauernden Donnerschlag zum Traumauto. Zumal er bis auf zwei Blitz-Embleme in den Türen ohne jegliche Schnörkel auskommt.

Ghia

Ghia Gilda von 1955 – pfeilförmige Keilform in Reinnatur – Foto: Michael Furman

Ein selbst bald 60 Jahre nach seinem Debüt noch immer beeindruckendes Modell ist auch der Chrysler (Ghia) Streamline X “Gilda“. Seinen Beinamen verdankte das 1955 bei Ghia in Auftrag gegebene Modell dem damaligen Sex-Symbol Rita Hayworth. Die im gleichnamigen Film aus Hollywoods Schwarzer Serie die Hauptrolle spielte. Bis heute eindrucksvoll am Gilda ist die konsequent durchgezogene Keilform. Mit Heckfinne fein austariert im Windtunnel des Turiner Polytechnikums.

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Buick Centurion von 1956 – erstes Auto mit einer Rückfahrkamera – Foto: Michael Furman

Dream Cars verhießen eine bessere, progressivere Zukunft. Viele Innovationen von heute – wie Rückfahrkameras, Sitzheizung, elektrische Klappscheinwerfer oder Fensterheber – nahmen sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt vorweg. Der Le Sabre XP-8 von 1951 besaß zum Beispiel Feuchtigkeitssensoren, die das Cabriodach zum automatischen Schließen oder Öffnen veranlassten.

Scout Scarab

Scout Scarab von 1936 – Urvater aller Familien-Vans – Foto: Michael Furman

Der Scout Scarab 1936 gilt sogar als Vorläufer der erst fast 50 Jahre später ausgereiften Fahrzeuggattung Mini-Van: Er hatte sieben Sitze, manche davon drehbar, eine stromlinienförmige Karosserie und einen V8-Motor im Heck. Die Alu-Karosserie war auf einem Rohrrahmen aus Stahl montiert. Mit 5.000 Dollar war der Scarab leider zu teuer, sodass nur sieben, nach manchen Quellen nur neun Autos entstanden.

Voisin

Voisin C25 Aerodyne 1934 – trotz Art Déco-Elementen nicht schön, aber anders – Foto: Michael Furman

Der Mega-Trend der Vorkriegszeit darf auch nicht fehlen: Die Stromlinie. Alles musste schnell aussehen. Autos, Züge, Schiffe, Stühle – sogar Bleistiftanspitzer! Das Aerodynamik-Primat ins Extreme trieben Tropfenformen wie die des Panhard Dynavia von 1948. Sein cw-Wert von 0,26 ist kaum schlechter als die 0,22 des modernen Mercedes CLA.

Der C-25 Aérodyne von 1934 ist ein typisches Werk des dem Art Déco-Stil verpflichteten Flugzeugkonstrukteurs Gabriel Voisin. Viele Promis der 30er, wie Harry Houdini, Rudolph Valentino und Josephine Baker, aber auch Stararchitekt le Corbusier, fuhren Voisin. Das Exponat von Atlanta trägt die geflügelte Kühlerfigur Cocotte – „kleine Henne“ – und ähnelt einem Flugzeug ohne Flügel. Mit zwei großen, perfekten Kurven, eine als Betonung der Dach- und die untere als Akzentuierung der Gürtellinie. Kleine Technik-Gags sind ein elektrisches Schiebedach und klappbare Rücksitze.

 

Bugatti

Bugatti Aerolithe 1935 – originalgetreuer Nachbau eines nur zwei Mal gebauten Juwels – Foto: Joe Wiecha

War ein Voisin eher bizarr als klassisch schön, gilt das T57S Compétition Coupé Aerolithe von Bugatti von 1935 als makellos. Das gezeigte Modell wurde in fünfjähriger Arbeit in Kanada nach Bildern und einem Ölgemälde (!) originalgetreu nachgebaut – weil die beiden einzigen Originale nicht mehr existieren. Es trägt wie diese die stilbildende, wie ein Rückgrat das Auto überziehende Mittelfinne samt Nieten. Die auf den Kotflügeln wiederholten Verstärkungen waren Folge einer schwer schweißbaren Magnesium/Aluminium-Legierung und wurden am Nachfolger T57 – obwohl technisch nicht mehr erforderlich – beibehalten. Als Stilikone halt…

Lancia Zero

Lancia Stratos Zero von 1970 – der Keil von Bertone – Foto: Michael Furman

Auch Italiens Design-Erbe wird in Atlanta gebührend gefeiert: wie in Gestalt des mittleren von drei B.A.T.-Modellen (für Berlinetta Aerodinamica Tecnica) von Bertone. B.A.T. 7 rollte 1954 auf die Messen und vereinte wie seine Kollegen die aggressive Power eines Jets und die fragile Eleganz eines Vogelflügels. Ebenfalls von Bertone stammt der extremste Keil der Designgeschichte – der Lancia Stratos HF Zero. Nur 83 Zentimeter hoch, bietet das Projektil der Luft minimalsten Widerstand.

Tasco

Tasco, Design Gordon Buehrig, von 1948 – mit vollverkleideten Rädern und bereits T-bar-roof mit herausnehmbaren Dachelementen – Foto: Peter Harholdt

Passenderweise mit einem US-Designer, nämlich Chris Bangle (Ex-BMW) endet die Traumreise. Mit dem GINA Light Visionary Model stellte das enfant terrible der Designergilde 2001 die provokante Frage: „Muss ein Auto zwangsläufig aus Blech sein?“ Heraus kam ein Modell mit wasserabweisender, transparenter Textilhaut, die sich dank eines beweglichen Rahmens aus Aluminium und Kohlefaser an die Geschwindigkeit und äußeren Bedingungen anpassen konnte.

Im hochwertigen Ausstellungskatalog – zu bestellen über http://museumshop.high.org/ – werden auch Autos gezeigt, die nur noch als Zeichnungen und Fotos existieren. Wie der pfiffige Runabout von GM aus 1964, ein elektrisches Dreirad für Hausfrauen aus der amerikanischen Vorstadt. Sein Clou: ein integrierter, für den Einkauf abnehmbarer Einkaufswagen!

Cadillac

Cadillac Cyclone XP-74 von 1959 – als Autos wie Raketen aussahen – Foto: Peter Harholdt

Oder der legendumwobene Chrysler Norseman von 1956. Aufgebaut bei Ghia in Turin, wurde er zur Rückreise im Bauch des Oceanliners Andrea Doria verfrachtet. Doch zur Enthüllung in den USA kam es nie – am 26. Juli 1956 sank der Luxusdampfer nach einer Kollision – und mit ihm ein Stück großen Automobildesigns.

Ein Hot Rod der 30er-Jahre - Ford Speedster 3 von 1932

Ein Hot Rod der 30er-Jahre – Ford Speedster 3 von 1932 – Foto: Steve Petrovich

Zugang zur Website des Museums über http://www.high.org/

Text: Autogefühl, Thomas Imhof

Fotos: mit freundlicher Genehmigung von/courtesy of The High Museum of Art, Atlanta, Georgia, USA

 

 


One Response to Traumauto-Ausstellung: Museum in Atlanta zeigt 17 Dreamcars

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