car2go in London: Briten als carsharing-Muffel

car2go in London - Foto: Daimler AG

Das 2009 mit einem Pilotprojekt in Ulm gestartete Carsharing-Unternehmen von Daimler kannte bislang nur Erfolge. 750.000 Kunden in weltweit 27 Städten – das kann sich sehen lassen. Doch nun blasen car2go und Partner Europcar erstmals zum Rückzug. Als Gründe für das einstweilige Aus in Großbritannien nennt Europa-Geschäftsführer Thomas Beermann „administrative Hürden“, mangelnde Anreize seitens der Kommunen und das innige Verhältnis der Briten zu ihrem Privatwagen. Von Thomas Imhof

Fast 11.000 – darunter rund 1.200 mit batterieelektrischem Antrieb- der blau-weiß lackierten smart hat car2go inzwischen weltweit im Einsatz – von sieben deutschen Großstädten über „grün“ gesinnte Metropolen à la Amsterdam bis zu 13 amerikanischen und kanadischen Metropolen. Über 700.000 Kunden stehen weltweit in den Buchungssystemen und jeden Monat werden weltweit über eine Million vollautomatische Mietvorgänge mit car2go absolviert. So sieht eine Erfolgsstory aus.

Was im März 2009 mit einem Pilotprojekt in Ulm begann, mündete vor drei Jahren in Hamburg in die erste Stadt, in der das Start-up-Unternehmen „unter Marktbedingungen“ ins Rennen ging. Zugleich wurde als Joint-venture mit dem Autoverleiher Europcar die car2go Europe GmbH gegründet. Die Zeichen standen nun endgültig auf Wachstum. Umso verwunderlicher nun der nach nur 18 Monaten Laufzeit bekanntgegebene Rückzug aus Großbritannien.

So hätten es sich die Macher gewünscht: Carsharing smart vor "Big Ben" und den Houses of Parliament - Foto: Daimler AG

So hätten es sich die Macher gewünscht: Carsharing smart vor “Big Ben” und den Houses of Parliament – Foto: Daimler AG

 

Kleinstaaterei à la London – belastendes Erbe aus der Ära Thatcher

Beim car2go in London sei man vor allem an den administrativen Hürden gescheitert, räumt Thomas Beermann, Geschäftsführer von car2go Europe, ein. „Es gibt dort 32 so genannte Boroughs, Stadtbezirke mit jeweils eigenem Bürgermeister. Eine Struktur, die Margaret Thatcher Ende der 70er Jahre durchgesetzt hat, um keine zu starke Zentralmacht in der Hauptstadt gegen sich aufkommen zu lassen.“ 32 Boroughs bedeuteten für jeden Newcomer 32 verschiedene Ansprechpartner, unter anderem für den für ein Car Sharing-Unternehmen vitalen Aspekt Parkraum. „Wir mussten mit jedem einzeln verhandeln – und hatten Ende 2012 nicht genügend Innenstadt-Boroughs beisammen.“

Die Londoner pochten also auf ein Gewohnheitsrecht. Und selbst der als Umwelt-Apostel bekannte Londoner Bürgermeister (Lord Mayor) Boris Johnson konnte daran zum Bedauern Beermanns nichts ändern. „Denn in den für uns wichtigen Fragen hat er keine Handlungsvollmacht gegenüber den Boroughs“, so Beermann. Doch gerade diese Form von Freiheit ist entscheidend, liegt doch der Charme des von car2go verfolgten „Free Float“-Konzepts im stationsunabhängigen Anmieten und Abstellen der Mietfahrzeuge.

Trotz der verworrenen politischen Gemengelage setzten sich car2go und Europcar noch einmal eine letzte Frist bis Ende Februar. „Wir hätten die zwölf zentralen Bezirke – darunter Westminster und Kensington – benötigt, um für unsere 450 Wagen starke Flotte ein zusammenhängendes Geschäftsgebiet zu schaffen. Das ist uns nicht gelungen“, bekennt Beermann. Am Ende schaffte es car2go nicht, über die zuvor mühsam „eroberten“ Stadtteile Islington, Sutton und Newham hinaus weitere Bezirke zu gewinnen.

smart von car2go auf der Tower Bridge - ene noch nicht tragfähige Konstruktion - Foto: Daimler AG

smart von car2go auf der Tower Bridge – eine noch nicht tragfähige Konstruktion – Foto: Daimler AG

„In neun Monaten aus dem Stand 110.000 Kunden in Rom und Mailand“

Erschwerend hinzu kamen die schlechten Buchungsraten der als Car Sharing Muffel geltenden Engländer. Um profitabel zu sein, benötige man sechs bis acht Buchungen pro Auto und Tag, beziffert Beermann. Davon sei man aber weit entfernt gewesen. „Nur zum Vergleich: In anderthalb Jahren haben wir in London und Birmingham knapp 11.000 Kunden gewonnen; in Italien in neun Monaten und ebenfalls zwei Städten dagegen 110.000.“ Obwohl man in den Midlands anders als in der Hauptstadt einen zentralen Ansprechpartner hatte, kam auch die dortige Flotte von 150 smarts nicht auf einen grünen Zweig. „Das Verhältnis des Engländers zum eigenen Auto ist halt deutlich stärker ausgeprägt als anderswo in Europa“, meint Beermann die Ursache für die auch hier festzustellende Reserviertheit der Kunden zu kennen.

Sandra Green vom Car Sharing-Unternehmen Co-wheels sieht das etwas anders: „Ich denke, dass car2go den Fehler gemacht hat, mit einem fertigen Konzept hier anzutreten, ohne die Leute zuvor nach ihren wahren Bedürfnissen zu fragen. Der smart wurde als hippe Fortbewegungsform im Citybereich angepriesen – doch in den meisten Fällen konnte man die Kurztrips auch mit dem Taxi, öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Rad erledigen. Denn 25 Prozent aller Fahrten in der Innenstadt von Birmingham sind kürzer als 3,5 Kilometer.“

Vor der spanischen Treppe in Rom - in Italien ist car2go ein Renner und inzwischen auch in Mailand und Florenz vertreten - Foto: Daimler AG

Vor der spanischen Treppe in Rom – in Italien ist car2go ein Renner und inzwischen auch in Mailand und Florenz vertreten – Foto: Daimler AG

Co-wheels verfolge laut Green einen anderen Ansatz und fokussiere sich auf Einsätze, bei denen ein Auto wirklich sinnvoll sei: wie beim Transport von Kindern oder zum Einkaufen. „In England hängen die Leute vielleicht wirklich etwas mehr an ihrem Privatauto, aber wenn sie für Fahrten, die sie weder mit dem Fahrrad oder Bus erledigen können, eine gute Alternative bekommen, machen sie bei Car-Sharing mit.“

James Finlayson, Geschäftsführer des unabhängigen und mit 17 Städten größten Car Sharing-Unternehmens Englands, dem City Car Club, sieht ebenfalls Chancen für gute Geschäfte: „Wir verzeichnen seit fünf Jahren steigende Mitgliederzahlen. Anders als bei car2go müssen unsere Autos wieder zum Ort der Abholung zurückgebracht werden, was aber den Erfolg nicht schmälert. Oft kommen Leute zu uns, die nur einen Wagen im Haushalt haben und nur ab und zu einen zweiten brauchen. Und wir füllen ihnen dann die Lücke.“

Auch BMW und Sixt trauen sich mit DriveNow noch nicht nach London

car2go-Manager Beermann weiß zumindest für London von anderen Erfahrungen. Leider befände man sich da in guter Gesellschaft. DriveNow, der zu je 50 Prozent von BMW und dem Autovermieter Sixt betriebene Konkurrent, habe schon vor den Olympischen Spielen in London rege Aktivitäten entfaltet, sei aber bislang trotz guter Bande zur Politik an der Themse noch nicht eingestiegen. Und der lokale Anbieter Zip Car schreibe weiterhin Verluste.

Wer in Großbritannien und speziell London Erfolg haben will, brauche vor allem eines: ausreichenden Parkraum. Sagte kein Geringerer als BMW-Vertriebschef Ian Robertson: „London ist ein schwieriger Markt für Carsharing. Wenn es nicht genügend Parkplätze gibt, müssen diese geschaffen werden. Sonst fahren die Leute dort lieber Taxi. car2go hat nicht ausreichend Parkmöglichkeiten zur Verfügung gestellt“, urteilte Robinson gegenüber der Automobilwoche. Ohne jedoch den politischen Flickenteppich der Riesenstadt anzusprechen. Sein eigenes Car Sharing-Baby, DriveNow, habe im Übrigen gerade die Gewinnschwelle erreicht, gab der Brite auf einer Veranstaltung der britischen Handelskammer in München stolz bekannt. Im Vergleich zu car2go steckt DriveNow jedoch noch in den Kinderschuhen: Bis auf San Francisco ist man bislang nur in München, Berlin, Düsseldorf, Köln und Hamburg vertreten.

Auch die Amis - hier in Washington D.C. -  fahren auf die smarts ab - ohne oft zu wissen,um welche Marke es sich überhaupt handelt.... - Foto:  Daimler AG

Auch die Amis – hier in Washington D.C. – fahren auf die smarts ab – ohne oft zu wissen,um welche Marke es sich überhaupt handelt…. – Foto: Daimler AG

car2go-Chef: „Wünsche mir frei Parken und Öffnung der Taxi- und Busspuren“

Smart-Kollege Beermann will derweil nach dem Motto „never say never“ ein Comeback in der Hauptstadt des UK nicht ausschließen: „London ist immer eine zweite Chance wert, aber nur, wenn die politischen Voraussetzungen und die Infrastruktur dazu geschaffen werden.“ Wenn er drei Wünsche frei hätte, welche wären das? Beermann: „Zunächst eine generelle Parkregelung, die für alle Londoner Boroughs gilt. Mit freiem Parken für Elektroautos und gebührenpflichtigem Parken für Modelle mit Verbrennungsmotor. Als Zweites die kostenfreie Einfahrt mit CarSharing-Fahrzeugen in die ‚Congestion Zone‘, die Londoner Umweltschutzzone. Und schließlich die Öffnung von Taxi- und Busspuren für Elektrofahrzeuge.“

In Mailand wurde der Verkehr in der Innenstadt um 30 Prozent reduziert

Anreize dieser Art würden anderswo schon erfolgreich greifen, weiß Beermann. Und verweist auf Mailand, wo car2go seit August 2011 mit 600 Autos vertreten ist. „Nach Einführung der so genannten ‚Zone C‘ konnte dort der Verkehr im Innenstadtkern um 30 Prozent gesenkt werden. Und zu den Fahrzeugen, die dort noch hineinfahren dürfen, gehören die der dort tätigen Car Sharing-Firmen car2go, Enjoy und Twist.“

Da es in Deutschland neben den bereits beschickten nicht mehr allzu viele Städte mit über 500.000 Einwohnern gäbe, läge die Expansion von car2go künftig eindeutig auf Europa, blickt Beermann voraus. Madrid, Barcelona, Stockholm…da sagt er nicht spontan „Nein“. Als „Renner“ im Programm nennt er Berlin und Hamburg mit je 70.000 Mitgliedern, während Italien weiter die größten Wachstumsraten verzeichne. Aber auch Wien laufe zur vollsten Zufriedenheit – erst jüngst wurde die Flotte dort auf 700 Fahrzeuge aufgesteckt. Ökologisch am vorbildlichsten sind Stuttgart (500), Amsterdam (300) und San Diego (350) – an allen drei Orten besteht der gesamte Fuhrpark aus elektrisch betriebenen smart ED.

Stuttgart gehört neben Amsterdam und San Diego zu jenen car2go-Städte mit reiner Elektro-Flotte - Foto: Daimler AG

Stuttgart gehört neben Amsterdam und San Diego zu jenen car2go-Städten mit reiner Elektro-Flotte – Foto: Daimler AG

Bis 2020 ergreift London radikale Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung

Elektroautos könnten denn auch das Comeback von car2go in Großbritannien möglich machen, ja geradezu erzwingen. Denn bekanntlich will das speziell von den Diesel-Abgasen wie keine andere europäische Großstadt gebeutelte London bis 2018 zunächst seine gesamte Taxiflotte auf Zero Emission-Betrieb umstellen. Und ab 2020 dann den Innenstadtbereich zur weltweit ersten Ultra Low Emission-Zone erklären – in die dann zum Beispiel nur noch ein smart Electric Drive hineinfahren dürfte.

Text: Autogefühl, Thomas Imhof

Fotos: Daimler AG/car2go

 


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