Das Auto von Sarajevo – Doppelmord vor 100 Jahren

Der Gräf & Stift Doppelphaeton Baujahr 1910 - vollbesetzt mit sechs Personen - Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Am kommenden Samstag jährt sich das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand zum 100. Mal. Der Mord am österreichisch-ungarischen Thronfolger und seiner Gattin gilt als wesentliche Initialzündung für den ersten Weltkrieg. Doch in welchem Auto saßen die Hoheiten an jenem heißen Sommertag, und was ist aus ihm geworden? Das neue Buch “Das Auto von Sarajevo” erzählt jetzt die Geschichte und Technik des schicksalsschweren Modells. Von Thomas Imhof

Der 1910 gebaute Gräf & Stift Typ 28/32 PS hat noch das Verdeck nach hinten geklappt. Genau wie an jenem verhängnisvollen 28. Juni 1914. Neben dem Instrument, das den Stand der Kühlwassersäule angibt, ist eine Plakette mit dem heiligen Christophorus angebracht, den Schutzpatron der Automobilisten. Sie hat den Insassen des dreireihigen Cabriolets auf der letzten Dienstfahrt kein Glück gebracht.

Der Doppel-Phaeton der Wiener Autofabrik Graf & Stift steht heute vor einer blutroten Wand im Sarajevo-Trakt des Heeresgeschichtlichen Museums Wien. Es ist ein Standort mit hohem Symbolwert, denn das wohl geschichtsträchtigste Auto der Welt atmet geradezu Schicksal und Tragödie. Als der 19-jährige Attentäter Gavrilo Princip, Mitglied der geheimen Jugendorganisation Junges Bosnien („Mlada Bosna“), mit zwei Schüssen auf dieses olivgrüne Auto die Lunte zu einem globalen Pulverfass entzündete.

Ein Einschussloch ist in der rechten hinteren Tür zu sehen, unter der abgeblätterten Farbe schimmert das Aluminium der Karosserie hindurch. Es stammt von der ersten Kugel, die der Herzogin Sophie von Hohenberg tödliche Verletzungen im Unterleib zufügte. Unbeabsichtigt, wie Princip später bei der Vernehmung bekennen sollte. Die Frau habe er nicht töten wollen…..

Das "Auto von Sarajevo", hier mit aufgespanntem Verdeck, an seine heutigen Platz in einem Wiener Museum - Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Das “Auto von Sarajevo”, hier mit aufgespanntem Verdeck, an seinem heutigen Platz im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum – Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Den Gräf & Stift haben die beiden Historiker M. Christian Ortner (seit 2007 Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien) und Thomas Ilming (Leiter des Bereichs Waffen & Technik und stv. Leiter der Abteilung Sammlung& Aussstellung) im neuen Buch „Das Auto von Sarajevo“ zum „geschichtsträchtigsten Oldtimer der Welt“ erhoben. Schicksal und Tragödie, Geschichte und Technik „verschmelzen in ihm zu einem musealen Objekt ersten Ranges“.

Doch blicken wir 100 Jahre zurück: Es ist ein heißer Sommertag in der Hauptstadt der nach dem Berliner Kongress von 1878 unter österreichisch-ungarische Verwaltung gestellten Provinz Bosnien und Herzegowina. Die formale Annexion der einst osmanischen Gebiete durch die Habsburger Doppelmonarchie im Jahre 1908 hat die Spannungen speziell unter der anti-österreichischen Bevölkerungsgruppe der Serben nochmals erhöht. Ein schlechtes Omen kommt nun dazu: Denn der 28. Juni ist zugleich auch der serbische Nationalfeiertag (Veits-Tag). An dem sie der 1389 und zum Mythos überhöhten Niederlage gegen die Osmanen auf dem Amselfeld gedenken.

Die Stimmung in der Region ist entsprechend angespannt, es brodelt im Untergrund. An Warnungen vor Anschlägen fehlt es nicht, doch der eher als Serben-Freund und Kriegsbremser bekannte Thronfolger lässt sich dadurch nicht einschüchtern. Die Fahrt vom Bahnhof zum Rathaus Sarajevos soll der Abschluss einer zu Manöverbeobachtungen gedachten Bosnien-Reise sein. Für die erwartete Huldigungstour durch die Stadt war zunächst ein Mercedes mit starrem Verdeck vorgesehen, doch dank des guten Wetters erhält der zum Cabrio wandelbare Gräf & Stift aus dem Besitz des Grafen Franz Harrach den Vorzug. Der hatte als Mitglied des k.u.k. Österreichischen Freiwilligen Automobil-Korps sein am 15. Dezember 1910 geliefertes Auto mit dem amtlichen Kennzeichen A III-118 (A für Wien) in die Dienste der Monarchie gestellt. Und es persönlich bis nach Sarajevo hinuntergefahren.

Voll besetzt geht es auf die Fahrt durch Sarajevo - im Fond das Thronfolger-Paar - Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien

Voll besetzt geht es bei “Kaiser-Wetter” und gut gelaunt auf die Fahrt durch Sarajevo – im Fond das Thronfolger-Paar – Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien

Am 28. Juni ist sein Gräf & Stift voll besetzt. Vorn – wie bis 1938 in Österreich vorgeschrieben rechts – sitzt der Fahrer Leopold Loyka, neben ihm Hofkammerbüchsenspanner Gustav Schneiberg. Dahinter Feldzeugmeister und Landeschef Oskar Potiorek und Harrach, in Reihe drei schließlich das Thronfolgerpaar.

Es ist 10:10 Uhr, als die aus sechs Fahrzeugen bestehende Kolonne in den Appel-Kai einbiegt. Die Streckenführung war zuvor in den Zeitungen veröffentlicht worden, doch Sicherheitsvorkehrungen gibt es so gut wie keine – angeblich standen nur 40 Beamte bereit. In der Menge am Straßenrand steht einer von sieben Verschwörern, Nedeljko Cabrinovic. Er wirft ungehindert eine Zeitzünder-Handgranate auf das Auto mit der gelben Erzherzogstandarte. Doch sie prallt vom Heck des Cabriolets ab, fällt von dort auf die Straße und explodiert neben dem vierten Auto. Einer der Insassen, Erik von Merizzi, Flügeladjutant Potioreks, wird durch einen Splitter schwer verletzt.

Nach kurzer Unterbrechung wird die Fahrt zum Rathaus fortgesetzt. Dort bekommt der muslimische, aber den Habsburgern freundlich gesonnene Bürgermeister zunächst den Unmut des Erzherzogs zu spüren. „Da kommt man zum Besuch nach Sarajevo, und wird mit Bomben beworfen, das ist empörend!“ Am Ende geht man dennoch versöhnlich auseinander. Und eigentlich sollte der Besuch damit auch beendet sein. Doch nach kurzer Beratung wird entschieden, noch schnell den verletzten Merizzi im Garnisonsspital zu besuchen. Franz Ferdinand macht sogar noch auf Galgenhumor: „Heute werden uns noch ein paar Kugeln um die Ohren fliegen.“ Dennoch beschleicht ihn offenbar Sorge, denn er will seine Frau vorausschicken. Doch die lehnt ab, besteht auf der Mitfahrt…

Ankunft am Rathaus von Sarajevo. Eigentlich sollte es danach zurück nach Wien gehen, doch in letzter Sekunde entschließt man sich zu einer zweiten Fahrt durch die Stadt, um noch einen beim ersten Anschlag verletzten Offizier im Krankenhaus zu besuchen. Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien

Ankunft am Rathaus von Sarajevo. Eigentlich sollte es danach zurück nach Wien gehen, doch in letzter Sekunde entschloss man sich zu einer zweiten Fahrt durch die Stadt, um den beim ersten Anschlag verletzten Offizier Merizzi im Krankenhaus zu besuchen. Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien

Es ist 10:45 Uhr, und nun nimmt das Schicksal scheinbar unaufhaltsam seinen Verlauf. Zwar wählt die Kolonne diesmal eine nicht durch die Innenstadt führende Route, doch unterläuft dem Fahrer des ersten Wagens ein folgenschweres Missverständnis. Er biegt auf Höhe der am Fluss Miljacka liegenden Lateinerbrücke falsch nach rechts in die Franz-Joseph-Gasse ein, Wagen zwei und drei folgen. Als Potiorek den Fehler erkennt, lässt er den Gräf & Stift stoppen, um zurückzusetzen. Für zwei bis drei Sekunden steht der Wagen still. Es ist die unverhoffte Chance für den dort zufällig noch in der Menge stehenden Princip. Aus weniger als drei Metern zielt er mit einer Selbstladepistole auf den von den Serben gehassten Potiorek. Doch verfehlt diesen das neun-Millimeter-Projektil knapp, durchschlägt stattdessen die Bordwand und trifft die Herzogin in den Unterleib. Die zweite Kugel erwischt den Thronfolger am Hals, wo sie die Halsschlagader und den Kehlkopf durchschlägt. Franz Ferdinand von Österreich-Este erstickt an seinem eigenen Blut. Es ist etwa 11:00 Uhr – der Countdown zum Ausbruch des Weltkriegs hat begonnen.

Sekunden vor dem tödlichen Anschlag. Der Gräf&Stift auf dem ungesicherten Appelkai; die Räder sind schon leicht nach rechts eingeschlagen, gleich geht es falsch ab in die Franz-Joseph-Gasse - wo einer der Attentäter mehr durch Zufall noch steht...Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien

Sekunden vor dem tödlichen Anschlag. Der Gräf&Stift auf dem ungesicherten Appel-Kai; die Räder sind schon leicht nach rechts eingeschlagen, gleich geht es (falsch) ab in die Franz-Joseph-Gasse – wo einer der serbischen Attentäter mehr durch Zufall noch steht…Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien

Nach Abschluss der gerichtlichen Untersuchungen zeigt sich Graf Harrach an der Rückgabe seines kaum beschädigten Wagens wenig interessiert. Er hatte zur zweiten Ausfahrt seinen Sitzplatz verlassen und auf dem linken Außentrittbrett Aufstellung genommen – wohl um aus einer bösen Vorahnung mit seinem Körper den Erzherzog zu schützen. Doch nützte es nichts, denn im Augenblick des Attentats stand der lebende Schutzschild so auf der „falschen“ Seite…

Wohl noch unter dem Eindruck der Ereignisse schenkt er das Auto daher dem greisen Kaiser Franz Joseph. So gelangt der Gräf & Stift schon im August 1914 zurück nach Wien – und dort direkt ins k.u.k. Heeresmuseum. Wo er als stummer Zeuge jener dramatischen Momente bis heute zu besichtigen ist. Ein Auto wie ein Mahnmal.

Das Einschussloch, durch das die erste Kugel die Karosserie durchschlug und die Herzogin von Hohenberg tötete - Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Das Einschussloch, durch das die erste Kugel die Karosserie durchschlug und die Herzogin von Hohenberg tötete – Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Bis 1914 war Gräf & Stift bereits zum exklusiven Lieferanten des Kaiserhauses und des europäischen Hochadels avanciert. Auch der letzte Kaiser der Doppel-Monarchie, Karl, nahm 1918 bei seiner Emigration in die Schweiz einen Gräf & Stift im Zug mit. Der 40/45 PS Baujahr 1914 wurde nach seiner Auffindung in Luzern zurück nach Österreich gebracht und steht heute in der Wagenburg des Kunsthistorischen Museums in Schloss Schönbrunn.

Die vom Fahrrad gekommenen Brüder Carl, Franz und Heinrich Gräf galten als Pioniere des österreichischen Automobilbaus. 1900 bauten sie das erste Auto der Welt mit Frontantrieb und lenkbaren Vorderrädern. Eine technische Meisterleistung, mit der die Gräfs der Zeit weit voraus waren.

1901 kam Wilhelm Stift mit ins Boot. Mit ihm als Investor gründeten die Brüder 1904 in Wien-Döbling Gräf & Stift, ab 1907 dann die Wiener Automobilfabrik A.G., vorm. Gräf & Stift. Schon ab 1905 lieferte man erste Limousinen für das Habsburger Kaiserhaus und Busse. Darunter den elfsitzigen Dolomitenbus für die Strecke Wien-Bozen.

Vierzylinder Motor mit 5,88 Litern Hubraum, 32 PS und paarweise gegossenen Zylindern - Foto: Heeresgeschichtliche Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Vierzylinder Motor mit 5,88 Liter Hubraum, 32 PS und paarweise gegossenen Zylindern – Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

“Das Auto von Sarajevo” hat nicht – wie sonst fast die Regel bei Gräf & Stift – eine Karosserie von Armbruster, sondern einen Doppel-Phaeton-Aufbau von Czerny (Wien). Es gehörte zu einer Reihe von Modellen mit Hubräumen zwischen 4,2 und zehn Litern. Im zweiten Teil des in der Edition Winkler-Hermaden neu herausgegebenen Buches “Das Auto von Sarajewo“ ist das mit wunderschöner Patina gesegnete Modell vom Typ 28/32 PS in allen Details fotografiert. Der Vierzylinder schöpfte aus seinen 5.880 cm3 32 PS, wozu sich die Kurbelwelle gemächliche 1.400 Mal in der Minuten drehen musste. Die paarweise gegossenen Zylinder waren auf einem Kurbelgehäuse aus Alu montiert, der Kühler ging auf ein Mercedes-Patent zurück und die riesigen Karbid-Scheinwerfer steuerte Carl Zeiss bei. Das dazugehörende Ethin-Gas musste in einem sogenannten „Entwickler”, der sich in einer der Holzkisten auf den Trittbrettern befand, erst erzeugt werden. Über Leitungen gelangte es zu den riesigen Funzeln, in denen es dann verbrannte und mithilfe von Reflektoren ein für damalige Verhältnisse akzeptables Licht spendete.

Dick belederte Sitze im Stil von Clubsesseln - hier mit hochgeklappten Einzelsitzen in Reihe zwei - Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Dick belederte Sitze im Stil von Clubsesseln – hier mit hochgeklappten Einzelsitzen in Reihe zwei – Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Trotz altmodischer Holzspeichenräder und noch an den Kutschenbau erinnernden Verzierungen und Griffen finden sich weitere technische Finessen. Mit einem Seilzug konnte der Fahrer zum Beispiel eine Stütze herablassen, die ein Zurückrollen an einer Steigung verhinderte – eine Frühform der heutigen Berganfahr-Assistenten. Eine Klappe im Auspuff, das „Kracherl“, erhöhte die Leistung und auch die Lautstärke bei Fahrten über Land – Vorläufer der heute speziell bei Sportwagen so salonfähigen aktiven Auspuffanlagen. Und bei langen Bergabfahrten floss über eine Kupferleitung Kühlwasser zu den Bremsen.

Andererseits musste der Fahrer sich erst umständlich durch die linke Tür bis zum Fahrersitz vorrobben. Denn die rechte Seite war eine durchgehende Wand, voll belegt mit der Handbremse, der Schaltung und zwei Reservereifen. Im Fußraum warteten gleich fünf aufrecht stehende Pedale auf den Chauffeur: rechts das Gaspedal, daneben zwei für Kardan- und Hinterrad-Bremse, weiter links das Kupplungspedal und schließlich, nochmals leicht schräg nach links und hinten versetzt, der Treter fürs “Kracherl”.

Auf diesem Foto wird die clevere Konstruktion der nur auf einem Bein stehenen Klappsitze  sichtbar - Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Auf diesem Foto wird die clevere vernickelte Konstruktion der nur auf einem Bein stehenden Klappsitze sichtbar. An den Seiten: große Kartentaschen für Manöverfahrten  – Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Die dick bepolsterten Ledersitze wirkten sehr kommod, doch innovativ waren vor allem die beiden Klappsessel in Reihe zwei. Sie stehen nur auf einem Bein, was den Fond-Passagieren besonders viel Beinfreiheit gewährte.

Während der Attentats-Wagen bereits sein bis heute andauerndes Museums-Dasein antrat, erwarb sich Gräf & Stift in den Jahren zwischen den Weltkriegen den Ruf eines österreichischen Rolls-Royce. Die Modelle SR2/SR3/SR4 der Jahre 1921-28 hatten einen 7,8 Liter großen Sechszylinder mit 110 PS, doch als Krönung gelten die Achtzylinder SP8 und SP9, die in den 1930er Jahren aus sechs Litern 125 PS schöpften. Der 2,5 Tonnen schwere C12 mit einem V-12 von Lincoln aus den USA blieb jedoch ein Einzelstück. Denn nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich endete 1938 die Produktion von Pkw. Zugunsten von Lkw und wohl auf eindeutiges Geheiß „von oben“.

 

Ein SP5 von 1931 - man merkt den Hang zur Aristokratie - Foto: Wikipedia, unbekannt

Ein SP5 von 1931 – der Löwe als Kühlerfigur steht für Stolz und den aristokratischen Anspruch der vornehmen Wiener Marke – Foto: Wikipedia, unbekannt

 

Ein Rolls-Royce Österreichs - ein Gräf&Stift SP8 von 1936 - Foto: unbekannt

Ein Rolls-Royce Österreichs – der auch für hohe Regierungsvertreter gedachte Gräf & Stift SP8 von 1936. Nur zwei Jahre später war es vorbei mit der Herrlichkeit – Foto: Wikipedia, Fotograf unbekannt

In den 1950er Jahren gelang Gräf & Stift nach schweren Kriegszerstörungen mit Lastwagen, Autobussen und auch O-Bussen – unter anderem für die deutschen Städte Solingen und Eberswalde – ein Comeback. Doch bis 1964 sackte die Produktion von Lkw auf 165 Einheiten jährlich ab. 1971 fand sich in MAN ein Retter, der 1988 an der Stelle des Ex-Stammwerks eine neue Fabrik baute. Heute ist das MAN-Werk von Rheinmetall in Wien-Liesing auf fünf- und sechsachsige Fahrzeuge spezialisiert, meistens für kriegerische Einsatzzwecke.

An die Gründer der einstigen Luxusmarke erinnert seit 1988 nur noch der Gräfweg in Wien-Döbling (19. Bezirk). Und die Kilometer-Zähler des Harrachschen Gräf & Stift – der eine im Tacho, der zweite in der rechten Vorderradnabe – sind bei „8596“ stehen geblieben. Der Stand vom 28. Juni 1914, dem Tag des Attentats. Seitdem ist das “Auto von Sarajevo” keinen Meter mehr gefahren.

Cover des neuen Buches.  Etwas langatmige militärhistorische Einleitung, aber schöne Farb-Fotos vom Auto und ein informatives Kapitel über die Geschichte der Marke Gräf&Stift, die nach dem 1. Weltkrieg zum Rolls-Royce Österreichs aufstieg.  Mit 24,95 Euro fair gepreist - Foto: Heeregeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Cover des neuen Buches aus Österreich. Etwas langatmige militärhistorische Einleitung, aber schöne Farb-Fotos vom Auto und ein informatives Kapitel über die Geschichte der Marke Gräf & Stift von etwa 1900 bis in die 1970er Jahre. Mit 24,95 Euro fair gepreist – Foto: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Zum Buch: Das Auto von Sarajevo, von Christian Ortner und Thomas Ilming, Format 23,5 x 20 cm, 126 Seiten, rund 40 s/w- und 95 Farb-Fotos, Edition Winkler-Hermaden in Zusammenarbeit mit dem Heeresgeschichtlichen Museum Wien, ISBN 978-3-9503611-4-8, Euro 24,95 Euro.

Mitunter etwas zäh zu lesende, weil zu wissenschaftlich abgefasste Texte, die das Auto in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang setzen und die politische Großwetterlage am Vorabend des großen Krieges nachzeichnen. Deutlich zu langes Einleitungskapitel, das am Ende viel zu tief in militärgeschichtliche Feinheiten abdriftet. Am spannendsten zu lesen die minutiöse Chronologie des Attentats, am schönsten anzuschauen die zahlreichen und bis in die Details gehenden Farbfotos  des Museumsautos. Sie zeigen, dass auch schon 1910 die Techniker durchaus findige Lösungen auf Lager hatten. Das etwas unterkühlte Kapitel zur Geschichte von Gräf & Stift hätte man wohl lieber einem kompetenten Automobilhistoriker überlassen – die Entwicklung zum Rolls-Royce unter Österreichs Autobauern wird nur angedeutet und die Luxus-Wagen der 20er und vor allem der 30er Jahre nicht genügend gewürdigt. Dennoch für den Preis ein faires Angebot und daher empfehlenswert. Wer sich für Weltgeschichte und alte Autos gleich stark interessiert, wird am meisten Freude an dem kleinen Buch haben.

automobiles Lesegefühl: ***

Text: Autogefühl/Thomas Imhof

Fotos: Heeresgeschichtliches Museum Wien/Edition Winkler-Hermaden/Hans Schubert

Sarajevo mon amour

Eine schöne Ergänzung zum rezensierten Werk über das “Auto von Sarajevo” ist das ebenfalls in der Edition Winkler-Hermaden herausgegebene Buch “Sarajevo – Tatort Lateinerbrücke” (ISBN 978-3-9503611-5-5, € 24,95). Erich Pello begibt sich 100 Jahre nach dem Attentat auf eine spannende Spurensuche. Der Autor zeichnet noch einmal die Strecke nach, die das österreichische Thronfolgerpaar am 28. Juni 1914 zurücklegte, dann geht Co-Autor Alen Velagic auf die 450 Jahre unter den Osmanen ein, ehe der schön bebilderte Band die osmanischen, habsburgischen und modernen Stadtteile dieser schicksalsschweren Stadt beschreibt. Herausgekommen ist eine Liebeserklärung an Sarajevo und dessen Menschen sowie – im hinteren und dann im Stil eines Reiseführers gehaltenes Teils – ein Blick auf die Umgebung der Stadt und die landschaftliche Vielfalt Bosnien-Herzegowina.

 

Die 300.000 Bewohner Sarajewos nennen ihre Stadt das “Jerusalem Europas”. Moscheen mit ihren Minaretten, Kirchen und Synagogen stehen hier eng beieinander. Wie zerbrechlich der Frieden aber ist, zeigte die 1400 Tage lange Belagerung der Serben im 1992 vom Zaun gebrochenen  Balkankrieg.  10.000 Menschen starben, viele auf der “Snipers Alley”, auf der Scharfschützen-Salven einschlugen. Bei den Gedenkfeiern zum 100. Jahrestags des Attentats wurde deutlich, dass 1914 für die bosnischen Serben noch immer nicht Vergangenheit ist. Einen Tag vor dem Jubiläum, am 27. Juni, weihten sie eine Statue des Attentäters ein. Denn für sie ist Gavrilo Princip bis heute ein Volksheld geblieben.

 

 

 

 

 


One Response to Das Auto von Sarajevo – Doppelmord vor 100 Jahren

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