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Nordschleife Zeitenjagd: PR-Krieg der Herstelller

McLaren P1 - Foto: McLaren

 

Erst waren es nur Sportwagen, doch längst beteiligen sich auch heiße Kompakte und nun sogar SUVs an der Bestzeitenjagd rund um den Nürburgring. Der PR-Krieg in der Eifel wird immer verbissener – obwohl es im Kampf um immer schnellere Runden keine einheitlich gültigen Spielregeln gibt. Von Thomas Imhof

Der Honda Civic trägt noch sein schwarz-weißes Tarnkleid. Die Zebrahaut weist ihn als Erlkönig aus und soll die Details der Serienversion vor neugierigen Fotographen-Linsen verbergen. Ein 1:01 Minuten langes You Tube-Video zeigt in eindrucksvollen, teils aus dem Helikopter gefilmten Szenen, wie Werksfahrer Gabriele Tarquini den mit dicken Spoilern und einem Vierrohr-Auspuff bestückten Fronttriebler über die Nürburgring Nordschleife scheucht. Dabei werden alle Mythen der Eifel bemüht – bis hin zu wolkenverhangenen Baumwipfeln. Tarquini, der erfahrene Vollprofi, treibt das Auto ans Limit. Denn die Botschaft ist klar: Hier trainiert der zwischen 280 und 300 PS starke neue Type-R, traditionell die schärfste frei erhältliche Dosis Civic. 2015 kommt der Kraftbolzen in Neuausgabe auch nach Deutschland. Und nichts würde dem Verkaufsstart besser tun, als ein neuer Rundenrekord für Kompaktsportler mit Frontantrieb.

 

Honda Civic Type-R bei Testfahrten auf der Nordschleife, Foto: Honda

Warm-up: Honda Civic Type-R bei Testfahrten auf der Nordschleife, Foto: Honda

„Als ‘Rennwagen für die Straße’ ist der neue Civic Type R für viele Fans ein Traum. Auf dem Nürburgring der Schnellste seiner Klasse zu sein, verstärkt den Mythos des Type R und den Traum. Dies sehen wir als den besten Image-Transfer für die Marke Honda“, ist Gerald Heinecke, Marketing-Leiter Honda Deutschland, überzeugt.

Mit dieser Meinung steht Heinecke längst nicht mehr allein da. Denn Zeiten von unter sieben für einen Sport- und unter acht Minuten für eine kompakte Limousine mit Frontantrieb kommen speziell bei asiatischen Kunden einem Ritterschlag gleich. Aber auch Hardcore-Fans in Europa sind beeindruckt. „Eine schnelle Runde auf dem Nürburgring ist entscheidend für die Glaubwürdigkeit einer Top Performance-Marke”, sagt Andy Palmer, bei Nissan oberster Produktplaner und Marken-Stratege. Und so zögerten seine PR-Kollegen auch keine Sekunde, als Werksfahrer Michael Krumm im letzten September mit einem GT-R Nismo eine 7:08,679-Minuten-Runde in die Berg-und-Talbahn gelegt hatte. Eine respektable Zeit für einen in relativ großen Stückzahlen gebauten Sportwagen, mit dem man problemlos auch mal zum Einkaufen fahren kann.

Neuer Nissan GT-R Nismo Erprobungsfahrzeug auf der Nordschleife, Foto: Nissan

Nissan GT-R Nismo: 7.08 Minuten mit Michael Krumm am Steuer – Foto: Nissan

Krumms Fahrt ist wie so viele andere Großtaten dieser Art auf dem You Tube Kanal real nacherlebbar. Aufgenommen von Onboard Kameras und in der Regel mit eingeblendeter Stoppuhr, die die Echtheit der Fahrt dokumentieren soll. Denn eine offizielle Zeitnahme gibt es in der Regel nicht.

Schon immer wurden am Nürburgring zeitliche Barrieren niedergerissen. Fiel mal wieder eine Minuten-Grenze, brannte sich die neue Bestzeit ins kollektive Gedächtnis der Motorsport-Fans ein. 1936 unterbot Bernd Rosemeyer im Auto Union erstmals die 10-Minuten-Marke, 1939 ließ Hermann Lang im Mercedes mit 9,43,1 Minuten eine Zeit folgen, die erst 1957 von Juan-Manuel Fangio im Maserati (9.17 Minuten) unterboten wurde. 1961 riss Phil Hill im „Haifischmaul“-Ferrari die Neun-Minuten-Mauer nieder, Jacky Ickx gelang 1969 mit 7.45,9 locker der Sprung unter acht Minuten. Noch mal sechs Jahre später schaffte Niki Lauda (Ferrari) als einziger eine Runde in unter sieben Minuten: 6.58,6 Minuten. Zwar „nur“ im Training, aber ebenso ein Rekord für die Ewigkeit wie jene 6:11,13 Minuten, die Stefan Bellof 1983 in den inzwischen von 22,835 auf 20,8 Kilometer verkürzten Kurs zauberte – ein Schnitt von knapp über 200 km/h im Porsche 956.

Porsche-918-Spyder-Rekordfahrt - ist das schon das letzte Wort? - Foto: Porsche

Porsche-918-Spyder-Rekord von unter sieben Minuten  – ist das schon das letzte Wort? – Foto: Porsche

Der Mythos der „grünen Hölle“ und die Nordschleife Zeitenjagd haben sich längst in den Bereich der Serienmodelle verlagert. Immer mehr Hersteller haben den Werbewert einer neuen Bestzeit auf der Nordschleife erkannt – und nutzen dieses Werkzeug immer konsequenter und öfter. Als erstes kreuzten exotische Sportwagen die Klingen – lange standen die 2009 von einem Gumpert Apollo erzielten 7.11,57 Minuten in den nur in Fankreisen bekannten Bestenlisten ganz oben. Bis Ferrari-Testfahrer Raffaele De Simone im April 2011 mit einem 599 XX eine Runde von 6.58,16 Minuten in die Bahn hämmerte – laut Ferrari ein Rekord für Rennboliden mit Serienbasis.

Nordschleife Höhenprofil, Foto: Stefan Bogner / Delius Klasing Verlag

Nordschleife Höhenprofil, Foto: Delius Klasing Verlag

Im vergangenen Jahr schließlich übertrumpfte Porsche sogar noch diese Fabelzeit: Werksfahrer Marc Lieb stieß mit dem voll straßenzugelassenen Hybrid-Supersportler 918 in neue Sphären vor: 6.57 Minuten – das war 14 Sekunden schneller als die Uralt-Bestmarke des Gumpert und hätte 1983 beim letzten 1000-km-Rennen für Startplatz neun gereicht. „Du hast vor jeder Kurve 30 km/h mehr drauf als in allen anderen Straßenautos, die ich je hier gefahren bin”, erzählte Porsche Testfahrer Timo Kluck, dem ebenso wie Rallye-Legende Walter Röhrl Runden von knapp über sieben Minuten gelungen waren. „Ich kam mir vor wie in einem Film, der im Schnellvorlauf abläuft.”

Während Insider nun fast täglich auf eine Replik seitens Ferrari mit dem neuen LaFerrari warten, tut der dritte Mitbewerber, McLaren, auf geheimnisvoll. Mit dem inzwischen ausverkauften, über 900 PS starken P1 sei Testfahrer Colin Goodwin 2013 wie geplant unter sieben Minuten geblieben, gaben die Briten bekannt. Doch die genaue Zeit bleibt bis heute unter Verschluss. Ein Eingeständnis, die Porsche-Zeit nicht geknackt zu haben? Oder eher britisches Understatement? Immerhin tauchte in einer Präsentation für chinesische Kunden ein Bild auf, in dem eine bei 6.33,26 Minuten stehen gebliebene Stoppuhr gezeigt wird. Und dahinter ein Nürburgring-Motiv…

 

Seat Leon Cupra 280 mit Performance Pack - nur für kurze Zeit Rekordhalter - Foto: Seat

Seat Leon Cupra 280 mit Performance Pack – nur für kurze Zeit Rekordhalter – Foto: Seat

Weniger verschlossen geben sich da die Hersteller der bis zu 300 PS starken Kompakten mit Frontantrieb. Für sie liegt die Messlatte eine Stufe tiefer – sprich bei acht Minuten. Renault setzte 2008 mit einem Mégane R26.R eine erste Richtzeit von 8:17 Minuten, um sie 2011 mit einem Mégane R.S. Trophy auf 8:08 Minuten zu verbessern. Den Sprung unter die acht Minuten-Schallmauer schaffte jedoch Seat. Im Zebra-Tarnkleid stanzte der Tourenwagen-Profi und Seat-Werksfahrer Jordi Gene eine Zeit von 7.58,4 Minuten in die Berg-und-Talbahn. Ein Quantensprung, der noch vor kurzem allein Hochleistungssportwagen vorbehalten war. Bis auf ein auch von Kunden bestellbares Performance Pack mit Hochleistungs-Bremsanlage von Brembo, speziellen 19-Zoll-Leichtmetallrädern und Michelin Pilot Sport Cup 2-Reifen gab sich der im schnellsten Abschnitt „Tiergarten“ mit 242 km/h gemessene Leon serienmäßig. Zumindest oberflächig.

Allzu lange freuen konnten sich die Seat PR-Strategen jedoch nicht. Denn nur drei Monate später schlug der alte Rekordhalter – Renault – zurück. 7.54,36 Minuten brauchte ein unbekannter französischer Testfahrer mit einem 273 PS starken Mégane R.S. Trophy-R. Doch das europaweit auf 250 Fahrzeuge limitierte Modell glich eher einem verkappten Markenpokalrenner denn einem handelsüblichen R.S.-Modell. Um 100 Kilo Gewicht zu sparen, rissen die Ingenieure kurzerhand die Rückbank heraus, setzten zwei Recaro-Rennsitze mit Polycarbonatschale ein und tauschten die normale Batterie gegen einen Lithium-Ionen-Akku aus. Auch alles überflüssige Dämm- und Isoliermaterial flog heraus. Auch ein Titan-Auspuff mit einem Endrohr aus Kohlefaser, Federn aus Verbundmaterial an der Vorderachse und verstellbare Rennsportdämpfer des schwedischen Spezialisten Öhlins zählten zu den exklusiven Technik-Feinheiten.

Renault-Megane-RS-Trophy-R - mehr Renn- als Serienwagen - Foto: Renault

Renault-Megane-RS-Trophy-R – mehr Renn- als Serienwagen – Foto: Renault

Während bei Renault der Champagner floss, wollte Seat den Fehdehandschuh erst einmal nicht wieder aufnehmen: „Uns reicht erstmal die mit dem Leon Cupra erzielte Zeit; sie ist für unsere Fahrwerksingenieure eine tolle Bestätigung ihrer Arbeit. Wenn man anfängt, zum Beispiel die Rückbank auszubauen, muss man sich fragen, ob da nicht irgendwann eine Grenze überschritten wird“, sagte ein Seat Sprecher angesäuert.

Die Verführung, es zu tun, bleibt jedoch groß. Die Autohersteller testen im Rahmen des Industriepools ohnehin von März bis Oktober ihre neuen Fahrzeuge auf der anspruchsvollsten Teststrecke der Welt. Keine Piste deckt Schwächen am Fahrwerk, den Bremsen oder der Karosserie so gnadenlos auf wie die Nordschleife mit ihren 73 Rechts- und Linkskurven, Steigungen von bis zu 18 Prozent, maximal elf Prozent Gefälle und einem Höhenunterschied von rund 300 Metern. Der Aufwand ist schon so immens: allein für die Entwicklung des Leon Cupra verwandte Seat 90 Tage, in denen die Testfahrer 450 Runden mit 9.000 Kilometern abspulten. Warum dann nicht zum krönenden Abschluss einer Entwicklungsreihe die Techniker mit einer Fabelzeit belohnen? Und diese dann noch PR-trächig ausschlachten? Ein legitimer Wunsch, gäbe es bei der ganzen Rekord-Hatz nicht eine nicht gerade kleine Grauzone.

Die Nordschleife ist die schönste und schwierigste Rennstrecke der Welt - Foto: Stefan Bogner / Delius Klasing Verlag

Die Nordschleife ist die schönste und schwierigste Rennstrecke der Welt – Foto: Stefan Bogner / Delius Klasing Verlag

Marcus Schurig ist Chefredakteur jener Stuttgarter Monatszeitschrift, die mit ihrem „Sport Auto“-Supertest schon 1997 die Nordschleife als ultimatives Testfeld entdeckte. Zehn Mal im Jahr läuft dieser extrem aufwendige Test, immer mit dem identischen Fahrer, um so trotz wechselnder Tagesform und wechselnden Wetterverhältnissen eine gewisse Vergleichbarkeit herzustellen.

Ring-Kenner Schurig bemängelt, dass es bei den von der Industrie inszenierten Wettfahrten weder einheitliche Spielregeln, noch eine technische Kontrolle noch eine offizielle Zeitnahme gäbe. „Niemand weiß, welche Reifen wirklich gefahren wurden und wieviel unterm Blech verändert wurde – zum Beispiel bei Dämmmaterialen.“ Seine Forderung: Ein Kriterienkatalog und Kommissare, die die Einhaltung der Serientauglichkeit überprüfen. Denn im Grunde seien die Möglichkeiten der Manipulation fast unbegrenzt. „Andernfalls ist eine Vergleichbarkeit – und die ist ja letztlich Sinn und Zweck der Ermittlung von Rundenzeiten auf der Nordschleife – überhaupt nicht mehr gegeben“, gibt er zu bedenken.

Eine weitere Unschärfe liegt zudem in den verschiedenen Rundenzeit-Messungen. Nicht immer wird die Zeit am Start/Ziel-Punkt an der Tribüne T13 genommen, denn die Strecke exklusiv zu mieten kostet rund 30.000 Euro pro Tag. So weichen viele in den Touristenverkehr aus. Doch da die öffentliche Auffahrt zum Ring an der Döttinger Höhe liegt, ist dann keine komplette fliegende Runde möglich. Folge: Die gezeitete Strecke schrumpft auf nur noch 19,1 Kilometer, weil Brücken oder Gerüste, die als Werbebanner die Strecke überspannen, als Start- und Zielpunkte dienen.

Jetzt gehen auch schon SUVs wie der Range Rover Sport SVR auf Bestzeitenhatz - Foto: Land Rover

Jetzt gehen auch schon SUVs wie der Range Rover Sport SVR auf Bestzeitenhatz – Foto: Land Rover

Dass die Rekordhatz längst nicht mehr auf Sportwagen und heiße Hatchbacks beschränkt ist, zeigte ganz aktuell Land Rover. Ebenfalls noch im Tarnkleid legte ein Prototyp des 550 PS starken Range Rover Sport SVR einen neuen SUV-Rundenrekord auf die Bahn. Das trotz Voll-Alu-Bauweise noch 2,2 Tonnen schwere Gefährt war mit 8:14 Minuten über 40 Sekunden schneller als der Vorgänger – der hatte noch eine Stahlkarosserie und einen klassischen Leiterrahmen. Für Land Rover gilt die Zeit als ein Beleg dafür, dass sich das Auto trotz des hohen Schwerpunkts auf der Straße Sportwagen-like bewegen lasse. Sie stelle auch keinen Widerspruch zu den Markenwerten dar, da die vollen Offroad-Fähigkeiten ja gewahrt blieben. Sprich: Selbst wenn der Abschnitt Fuchsröhre des Nürburgrings einmal nach Starkregen volllaufen sollte, käme der Rekordjäger dank 85 Zentimeter Watttiefe noch problemlos durch.

„Der Rekord-Hype hat mittlerweile surreale Höhen erreicht, die Nordschleife ist zum PR-Schlachtfeld der Hersteller verkommen“, wettert derweil Marcus Schurig in einem Editorial von Sport Auto. Dass die Nordschleife Zeitenjagd noch in diesem Jahr weitergeht, wird aber auch er kaum verhindern können: Fast wöchentlich wird mit einer Attacke von Ferrari auf den Porsche-Rekord gerechnet. Und wann legt McLaren die Karten wirklich auf den Tisch? Der Honda Civic Type R greift demnächst nach dem Renault Rekord, und vielleicht findet ja Porsche Gefallen an der Idee, mit einem besonders pfeffrigen Cayenne den noch frischen Range Rover-Rekord auszuradieren? Nichts scheint mehr ausgeschlossen bei der PR-Schlacht in der grünen Hölle. Denn – so lautet ein geflügelter Spruch der dortigen Szene: „Jeder lobt, was Nürburgring erprobt.”

Text: Autogefühl, Thomas Imhof

Fotos: Hersteller, Bogner


2 Responses to Nordschleife Zeitenjagd: PR-Krieg der Herstelller

  1. […] AutogefühlNordschleife Zeitenjagd: PR-Krieg der HerstelllerAutogefühl – das Auto Blog! http://www.autogefuehl.de   Erst waren es nur Sportwagen, doch längst bete… […]

  2. […] – was schätzungsweise 150.000 km auf der Straße entspricht. Top-Rundenzeit: 8:45 Minuten. Die ewige Rekordjagd hatte da auch mit Kia mit dem pro_cee’d GT […]

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