Porsche 908/02 „Flunder“ für 2,8 Millionen verkauft

Porsche908_02

Bis Ende August war der Porsche 908/02 mit Langheck-Karosserie und Chassis Nummer 005 noch im Porsche Museum zu bewundern: Als eines von 20 Exponaten der Le Mans-Sonderausstellung „24 Stunden für die Ewigkeit“. Nun kam der wegen seiner extrem flachen Karosserie salopp „Flunder“ genannte 3,0-Liter-Sportprototyp der Saison 1971 bei Bonhams für € 2,78 Millionen Euro unter den Hammer. Von Thomas Imhof

Er ist das Paradebeispiel für einen Porsche-Prototypen von Anfang der 1970er Jahre. Wie aus einem Stück geformt und bis auf zwei vertikal stehende Heckfinnen auch ohne filigranen Flügelsalat ein aerodynamisches Meisterwerk. Bereit, auf die schnellsten Rennstrecken jener Zeit zu gehen – Monza, das (alte) Spa und natürlich Le Mans mit seiner noch nicht von Schikanen zerschnittenen Mulsanne-Geraden. Lackiert in den Farben des Martini International Racing Teams, mit dem Grundton Weiß und gelben sowie roten Farbtupfern an beiden Seiten. Der Fahrer sitzt leicht versetzt zur Mittelachse in einem mehr als spartanischen Cockpit, das kraft Reglement einen Notsitz für einen imaginären Beifahrer hat, und blickt auf einen schräg vor ihm auf die Karosserie drapierten Rückspiegel. Man nannte diese Langheck-908/02 allgemein nur die „Flunder“, weil sie sich flach wie der gleichnamige Plattfisch durch den Fahrtwind schoben.

Platz 3 in Le Mans 1971 hinter zwei Porsche 917

Der jetzt bei Bonhams in London für fast 2,8 Millionen Euro unter den Hammer gekommene 908/02 mit Chassisnummer 05 ist der wohl erfolgreichste seiner Gattung. Als sein persönliches Highlight gilt eindeutig das 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1971. Während Richard Attwood und Hans Herrmann im rot-weißen 917 Kurzheck von Porsche Salzburg endlich den längst überfälligen ersten Gesamtsieg für Porsche beim berühmtesten Langstreckenrennen der Welt sicherten, belegte die Langheck-Flunder hinter dem psychedelisch lackierten 917 LH von Martini Racing mit den Piloten Kauhsen/Larrousse den dritten Platz. Am Steuer zwei schnelle Österreicher: Rudi Lins und Dr. Helmut Marko, Le Mans-Sieger von 1971 (auf einem 917 mit Magnesium-Rohrrahmen) und heutiger Motorsportchef von Red Bull.

Flunder 8

Flunder 7

Flunder 5

Wie das Stuttgarter Fachmagazin „Motor Klassik“ vermutet, stammt das jetzt verkaufte Objekt aus der gleichen Sammlung wie ein 907 Langheck Baujahr 1968, der im März für fast schon unglaubliche 3,6 Millionen US-Dollar einen neuen Besitzer fand. Das spezielle Chassis (907-005) siegte mit den Werksfahrern Vic Elford, Jochen Neerpasch, Rolf Stommelen, Jo Siffert und Hans Herrmann bei den 24 Stunden von Daytona 1968, vor zwei weiteren 907. Kenner erinnern sich noch an das arrangierte Fotofinish des Trios in der Steilkurve…..

Mit dem 908 ging Porsche erstmals auf die Jagd nach Gesamtsiegen

Unter allen jemals von Porsche im Motorsport eingesetzten Modellen kommt dem mit einem luftgekühlten 3,0-Liter-Achtzylinder-Boxermotor bestückten „908“ eine ganz besondere Rolle zu. Denn anders als bei den in den 60er-Jahren eingesetzten Modellen Carrera 6, 910 oder dem mit einem 2,2 Liter großen Achtzylinder bestückten 907 ging der bis dato nur auf Klassensiege abonnierte Hersteller aus Zuffenhausen mit dem in der neuen Gruppe 6 konkurrierenden 908 erstmals auf die Jagd nach Gesamtsiegen und dem Gewinn der Markenweltmeisterschaft. Gegenüber dem 270 PS starken 2,2-Liter-Motor des zierlichen 907 legte der deutlich mehr nach echtem Rennwagen aussehende 908 noch einige Kohlen nach: genau 350 bei 8.400/min.



Zu Beginn (1968) traten die Porsche 908 noch als geschlossene Coupés auf, doch setzte das Porsche-Werk ab 1969 dann vorzugsweise offene Spyder mit Kurz- und – vor allem für Le Mans – Langheckkarosserien ein. Im Vergleich zum Coupé brachte der offene 908/02 gut 100 Kilo weniger auf die Waage, doch lief die Saison zunächst nicht reibungslos an. Bei den 24 Stunden von Daytona sah keiner der drei Werks-Spyder das Ziel, in Sebring staubte ein Ford GT40 den Sieg ab, nachdem die Porsche Probleme bekamen. Als dann auf dem Genfer Salon der neue 917 mit seinem anfangs 4,5 Liter großen 12-Zylinder-Boxer-Motor vorgestellt wurde, schienen die Tage des 908/02 bereits gezählt. Doch sollte es noch einige Zeit dauern, bis der mächtige 917 überhaupt gefahrlos zu fahren war. Und so kam doch noch die große Stunde der 3,0-Liter-Sportprototypen ohne Dach: Dreifachsieg beim BOAC 1000-km-Rennen in Brands Hatch und Deklassierung der neuen Werks-Ferrari 312 P V12. Gefolgt von weiteren Triumphen 

bei der Targa Florio, in Spa und am Nürburgring, wo Porsche sogar ein Fünffach-Sieg (!) gelang.

Erste Flunder 1970 als Werkswagen für Siffert/Redman in Le Mans

Nur in Le Mans klappte es (noch) nicht. In einem der knappsten 24-Stunden-Rennen aller Zeiten verpassten Hermann/Larrousse in einem 908 LH Coupé den Sieg gegen Jacky Ickx im Ford GT40 um nur 120 Meter. Derweil zeigte die vom dritten Startplatz aus gestartete Starpaarung Jo Siffert/Brian Redman, was in einer erstmals von Porsche vorbereiteten „Flunder“-Version mit Langheck steckte. Leider fiel der grün/weiß lackierte Spyder mit Getriebeschaden aus, sollte aber bei seiner Rückkehr 1970 um so eindrucksvoller zurückschlagen. Dennoch endete die Saison 1969 für Porsche mit einem großen Erfolg – sorgten doch die Erfolge der 908 für den Gewinn der Marken-WM.

Flunder 4

Flunder 3

Flunder 2

Doch nun zum Bonhams Los Nummer 23: Dem 908/02-005. Er begann seine Laufbahn relativ unscheinbar. Als Werkswagen mit herkömmlicher Spyder-Karosserie und Startnummer 30 beim 12-Stunden-Rennen von Sebring am 22. März 1969. Beim Langstreckenklassiker in Florida reichte es für Vic Elford und Richard Attwood nur für Platz sieben.
Danach schlüpfte das Auto nur noch in die Rolle eines Ersatz- und Trainingsautos für Elford. Es sollte bis zum Saisonfinale am 10. August auf dem damals neuen Österreichring bei Zeltweg dauern, ehe das Auto wieder Rennluft schnuppern durfte. Dort wurde es von Porsche an das deutsche BG Racing Team ausgeliehen. Dessen Chef, Hans-Dieter Dechent, teilte sich den Einsatz mit Gerhard Koch, ohne jedoch die Zielflagge zu sehen. Danach ging 908/02-005 in den Besitz von Dechent über, der ihn in den Stall seines neu gegründeten Martini International Racing Teams aufnahm.

1970 in den Farben des Martini International Racing Teams

1970 kam der Spyder dann ab dem zweiten WM-Lauf in Sebring bei allen WM-Läufen zum Einsatz. Platz sieben in Florida mit Koch/Attwood/Larrousse folgten ein sechster Platz in Brands Hatch und Platz 14 in Monza, wo Larrousse erstmals Rudi Lins als neuer Partner zur Seite stand. Nach einem mageren 13. Platz bei der Targa Florio zeigte die Formkurve endlich nach oben: Platz 9 in Spa und P6 auf dem Nürburgring. Und dann das schon eingangs erwähnte Husarenstück Le Mans. Für das 24-Stunden-Rennen teilte sich Gérard Larrousse den poppig lackierten 917 Langheck mit dem Porsche Werksfahrer Willi Kauhsen aus Aachen. So spannte Lins erstmals mit seinem Landsmann Helmut Marko zusammen, ein Grazer Schulfreund von Österreichs Formel-1-Hero Jochen Rindt, Doktor der Jurisprudenz und zusammen mit einem gewissen Niki Lauda auf dem Sprung in die Formel 1. Lange behaupteten die beiden Österreicher den zweiten Platz, nur um am Ende wegen einer Kleinigkeit – bei einem Boxenstopp klemmte eine Radmutter – noch auf Platz drei zurückzufallen. Nach einem siebten Platz beim amerikanischen Lauf in Watkins Glen holte Lins – nun wieder mit Larrousse – beim Finale auf dem Österreichring mit Platz drei erneut einen Podiumsplatz.

Müder Abgesang 1971 im Team Auto Usdau

1971 sah dann den Abgesang des stolzen Modells, das vom deutschen Privatteam Auto Usdau und dessen Leiter Hans-Dieter Weigel in der Marken-WM eingesetzt wurde. Nach mehr oder weniger erfolglosen Starts in Buenos Aires, Brands Hatch, Monza und auf dem Nürburgring kam die 908/02 „Flunder“ noch einmal in Le Mans zum Einsatz: Doch diesmal kam das Auto nicht sehr weit: Schon nach 18 Runden mussten der Schweizer Claude Haldi und Hans-Dieter-Weigel mit einem Schaden am Getriebegestänge aufgeben.

Jo Siffert verlieh den Wagen an Steve McQueen Filmteam für „Le Mans“

Etwa um die Zeit des Le Mans Rennens von 1971 ging der Wagen dann in den Besitz des Schweizer Formel-1- und Porsche-Werksfahrers Jo Siffert über. „Seppi“ lieh den 908 dann an die Filmgesellschaft Solar Productions aus, die das Auto für die Dreharbeiten zum Kinostreifen „Le Mans“ mit Steve McQueen nutzte. Im Film ist er denn auch in mehreren Szenen und in der Martini Lackierung von 1970 zu sehen. Nach dem tragischen Tod von Siffert bei einem zum Ausklang der Saison 1971 ausgetragenen Formel 1-Rennen in Brands Hatch gelangte der Porsche in die Hände des Schweizer Sammlers Hans Grell, der ihn neben 120 weiteren Modellen in seinem privaten Museum zur Schau stellte. Nächster Besitzer war ein weitere Eidgenosse: Peter Monteverdi, Hersteller exklusiver Sportwagen und zeitweiliger Formel-1-Rennstallbesitzer.

Von ihm ging Chassis „05“ dann in den Besitz des Classic-Car-Rennfahrers, Sammlers und internationalen Uhrenhändlers Ernst Schuster, der mit dem Porsche unter anderem in Goodwood und bei den Monterey Historics auftauchte. Schuster verkaufte den Wagen dann weiter an den Porsche Sammler Julio Palmaz aus Napa (Kalifornien), wo wo aus er dann den Weg zu jenem Besitzer fand, der ihn nun bei Bonhams zur Auktion anmeldete.

1a-Restaurierung bei Willison Werkstatt in Florida

Die „Flunder“ erstrahlt in ihrer lupenreinen Langheck-Konfiguration für das Le Mans Rennen von 1970 und steht damit für ein absolut klassisches Porsche Design jener Jahre. Noch im Besitz von Ernst Schuster erhielt der Wagen von der auf Porsche spezialisierten Firma „Willison Werkstatt“ in West Palm Beach (Florida) eine sehr professionelle Rundumerneuerung verpasst. Die Bugpartie, der Unterboden, die Türen und noch viele andere Teile sind angeblich alle noch original, nur das „Langheck“ wurde neu angefertigt. Der in der Endausbaustufe gut 370 PS starke Motor wurde vom bekannten Ex-Werksmechaniker Gustav Nietsche quasi wieder in den Neuzustand versetzt.

So hat einer der charismatischsten und optisch zeitlosesten Porsche Prototypen ein neues zuhause gefunden – und die Oldtimer Szene kann sich hoffentlich bei den kommenden Events über einen spannenden neuen Farbtupfer freuen. Speziell die Organisatoren der alle zwei Jahre stattfindenden „Le Mans Classique“, auf deren Strecke die „Flunder“ ein kleines Kapitel Porsche Rennsportgeschichte geschrieben hat.

Text: Thomas Imhof, Autogefühl
Fotos: Bonhams

1970 Le Mans 24 hours.


2 Responses to Porsche 908/02 „Flunder“ für 2,8 Millionen verkauft

  1. […] AutogefühlPorsche 908/02 „Flunder“ bei Bonhams für fast 2,8 Millionen Euro verkauftAutogefühl – das Auto Blog! http://www.autogefuehl.de Bis Ende August war der Porsche 908/02 mit Langheck-Ka… […]

  2. […] Porsche 908/02 ?Flunder? bei Bonhams für fast 2,8 Millionen Euro verkauft, gefunden bei http://www.autogefuehl.de (0.003 Punkte) This entry was posted in Lesestoffe and tagged 1300ccm.de, 20832.com, blog.mercedes-benz-passion.com, motor-inside.com, http://www.autogefuehl.de, http://www.motoreport.de, http://www.smartpit.de. Bookmark the permalink. […]

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *