Chevrolet Corvette Stingray C7 Testbericht – Dramatik pur

Die Corvette Stingray, oder auch Corvette C7 (wegen der 7. Generation) bleibt der amerikanischen Sportwagenseele treu. Brutale Optik, brutale Power und ein brutales Fahrverhalten. Eben all das, was Corvette-Fans so schätzen. Dabei ist die Corvette Stingray C7 so ganz anders als alle anderen Chevrolet-Modelle. Von Thomas Majchrzak

Kaum ein anderes Auto kann auf ein solches Erbe zurückblicken: Die Geschichte der Corvette begann mit der 1. Generation C1 Anfang 1953. Mit der C3 wurde erstmals der Beiname Stingray eingeführt, der Stachelrochen in Anlehnung an die Gefährlichkeit und das flache aggressive Design. Der Vorgänger C6 war von 2005 bis Anfang 2013 erhältlich, bis er dann von der neusten C7 abgelöst wurde.

Coupé mit Targadach oder Cabrio mit Stoffdach

Die Preise für die neue Corvette Stingray C7 starten bei 69.990 Euro für das Coupé mit abnehmbarem Hardtop oder 72.990 Euro für das Cabrio mit vollelektrischem Stoff-Verdeck, das erst seit kurzem hierzulande ausgeliefert wird. Das Cabrio ist ein vollwertiges Cabriolet mit flachem Heck, das Verdeck verschwindet völlig unter einer Abdeckung. Das Coupé dagegen hat nur ein kleines Stück Dach zur Herausnehmen, so dass im offenen Zustand klassischerweise ein Targa entsteht.

Coupé mit herausnehmbarem Dach
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Cabrio mit elektrischem Stoff-Verdeck
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Gemeinsam haben beide Versionen den V8-Motor mit 6,2 Liter Hubraum und 466 PS (bei 630 Newtonmetern). Der offizielle Verbrauch liegt bei 12 l kombiniert auf 100 km. Geschaltet wird grundsätzlich mit einer manuellen 7-Gang-Schaltung, ab Herbst 2015 wird dann auch eine 8-Stufen-Automatik in Deutschland verfügbar sein. Der Vorwärtstrieb erfolgt natürlich immer über die Hinterräder, von 0 auf 100 km/h geht es dann in 4,2 Sekunden.

Als Reichweite stehen knapp 430 km im Display bei vollem Tank. Der Verbrauch pendelt sich so etwas bei 13 l / 100 km ein und liegt damit einen guten Liter über der offiziellen Angabe. Klar, dass man von solch einem Auto keine Sparkünste erwarten kann obwohl wir durchaus schon sparsamere V8 Motoren gefahren sind. Schließlich hängt man für den Spaßfaktor hier deutlich häufiger am Gas. Lässt man nur rollen, ist übrigens sogar eine Zylinderabschaltung aktiv und die Corvette läuft nur auf vier Pötten.

Exterieur

Wer nicht auffallen will und eher auf Understatement setzt, ist hier völlig verkehrt. Die Corvette ist ein Hingucker. Manchen ist das vielleicht sogar ein bisschen zu viel des Guten, und genau das ist die Voraussetzung zur Bildung einer starken Fangemeinde. Gerade in den USA hat die Corvette eine eingeschworene Gemeinde, für die es nur ein einzig wahres Auto gibt. Ruhig ist das Design keineswegs, an jeder Ecke und Kante offenbaren sich neue Windungen, nur eines ist ausgeschlossen: runde Elemente. Und möglichst flach soll sie natürlich sein. Um der Corvette eine noch dramatischere Optik zu verleihen, sind die Felgen hinten größer als vorne: Alu 19 Zoll vorne und 20 Zoll hinten. Am Heck dominiert die vierflutige Auspuffanlage, die entgegen der klassischen Anordnung 2×2 direkt nebeneinander in einer 4er-Reihe steht.

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Serienausstattung und Interieur

Die Corvette Stingray C7 kommt im Gegensatz zu den Sportwagen der deutschen und asiatischen Konkurrenz mit einer umfangreichen Serienausstattung. Im serienmäßigen so genannten Z51-Performancepaket ist zum Beispiel die Magnetic Selective Ride Control enthalten, ein adaptives Stoßdämpfersystem. Ferner gehört ein elektronisches Sperrdifferential hinzu. Nur in den USA kann man die Corvette auch “nackter” bekommen, dafür liegen die Einstiegspreise dort auch bei 50.000 bzw. 60.000 US-Dollar (40.000 / 47.000 Euro), was hier unfassbar günstig wäre.

Im Innenraum kommen handgefertigte Materialien zum Einsatz. Chevrolet betont, dass Mittelkonsole, Armaturenträger und Türverkleidung fließend ineinander übergehen, ohne große Spaltmaße also. Das können wir nur bestätigen. Entgegen dem, was man sonst von Chevrolet-Modellen kennt, selbst vom Camaro, hat man das Gefühl, hier ist eine ganz andere Marke am Werk. Obwohl die Corvette C7 deutlich günstiger ist als andere vergleichbare Sportwagen mit so viel PS, handelt es sich hierbei keineswegs um eine Billig-Variante. Alles wirkt high class. Die Übergänge von den Türen zum Armaturenbrett sind tatsächlich fließend. Der Beifahrersitz wird von einer stylischen Halterung für den Beifahrer abgetrennt, die von innen mit gebürstetem Aluminium bezogen ist und von außen mit Leder. Das Lenkrad ist mit Alcantara überzogen und vermittelt sowohl Komfort als auch Racing-Attitüde. Weil sich über den 8-Zoll-Bildschirm die meisten Funktionen steuern lassen, bleibt das Cockpit angenehm aufgeräumt. Besonders interessant ist hier das Finish im Detail, für das sonst nur deutsche Hersteller bekannt sind. So fühlen sich zum Beispiel selbst die Knöpfe am Multimediasystem (Kurzwahlen für Home, Radio und Media) extrem hochwertig an, vom Klick-Geräusch als auch von der Haptik.

Serienmäßig sind auch die perforierten Ledersitze, die direkt mit Sitzheizung und Sitzbelüftung kommen. Keyless Entry, BOSE Soundsystem mit 10 Boxen, 2-Zonen-Klimaautomatik und eine Rückfahrkamera vervollständigen die umfangreiche Ausstattung. Der Klang ist dementsprechend brilliant. Der Geruch des Leders erinnert an einen Jaguar XK mit Portfolio-Ausstattung. Da könnte ein ähnlicher Zulieferer oder ein ähnliches Imprägnier-Mittel am Werk gewesen sein?

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Der Kofferraum existiert auf den ersten Blick quasi nicht, selbst in der Hardtop-Version, die wir testen. Eine flache Ablage ist das dort hinten, mehr nicht. Hohe Einkäufe müssen eher in den Fußraum des Beifahrers. Um allerdings den minimalen Platz hinten doch noch zu nutzen, sind mehrere Gepäcknetze verfügbar – etwa ein kleines für Krimskrams direkt am vorderen Kofferraum-Ende. Und wenn man den Kofferraum dann doch mal konkret nutzt, merkt man, dass ein Rucksack immerhin doch aufrecht hineinpasst und man auch einen Koffer, der nicht allzu tief ist, waagerecht hineinlegen kann. Solange das Dach also fest verbaut ist, kommt man im Alltag mit der kleinen Ablage durchaus noch zurecht.

Da die Türen sich erst einmal nur elektrisch öffnen lassen (sowohl von außen als auch von innen), gibt es im Fußraum und im Kofferraum zwei Nothebel – falls mal die Elektrik ausfällt.

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Sonderausstattungen

An erwähnenswerter Sonderausstattung stehen zum Beispiel noch zur Verfügung:

Sportschalensitze: 1.850 Euro (Die normalen Seriensitze heißen “Luxury GT”)
Nappa-Lederausstattung: 2.500 Euro (andere Leder-Art)
Felgen schwarz: 500 Euro
Felgen in Chromfarben: 1.850
Navi: 1.500 Euro

Bei allem Umfang der Ausstattung bleibt das Navi also extra. Ein Hinweis darauf, dass das Auto nicht zum Navigieren gedacht ist. Mit der Corvette Stingray bahnt man sich seinen eigenen Weg.

Fahrverhalten

Wir fahren die 7-Gang-Schaltung, bei der die Kupplung recht spät kommt. Dementsprechend Gewöhnung erfordert das Schalten in der Corvette. Der Schalthebel ist sportlich kurz und ebenfalls mit Alcantara umkleidet, ein herrliches Detail. Die Schaltwege sind knackig kurz, der Widerstand jedoch auch sportlich. Die Gänge fliegen also nicht widerstandslos ein, sondern erinnern eher an einen älteren Rennwagen.

In den Kurven gibt es kaum eine Beschreibung für die Lage des Fahrzeugs, denn die Corvette C7 steuert wie in einem Arcade-Computerspiel, scheint sich die Schienen jeweils vorweg zu legen. Die Sportlichkeit wird durch die Gewichtsverteilung von 50:50 zwischen Vorder- und Hinterachse unterstützt. Um die Vorderachse leichter zu machen, besteht die Motorhaube zum Beispiel aus Kohlefaser. Das Übermaß an Power führt leicht dazu, dass Schlupf am Heck entsteht, selbst, wenn man eben nur mal “zügig” anfährt.

Verschiedene Fahrmodi wählt man mit einem Drehknopf in der Mittelkonsole. Die Modi reichen von Eco (Spritsparen) über Winter (Normal und Sport bis zu Track/Racing. Einfluss genommen wird auf Gasannahme, Lenkwiderstand, Traktionskontrolle und Sperrdifferenzial. So nimmt die Corvette im Winter-Modus später Gas an und die Traktionskontrolle regelt frühzeitig vor Schlupf an den Hinterrädern. Im Racing-Modus lässt die Corvette C7 dem Fahrer dagegen freien Lauf, was nur für geübte Fahrer zu empfehlen ist. Eine gewisse Sicherheit hat man immer noch im Sportmodus.

Doch selbst im Tour-Modus kann ein gewisser Wheelspin auftreten, nichts für Weicheier also. Mit der Corvette ist immer Vorsicht geboten, denn ihre Heimat ist die Rennstrecke.

Lediglich bei Schritt-Tempo und ganz eingeschlagener Lenkung fiel uns auf, dass von vorne aus dem Radkasten komische Geräusche hervortreten – zusammen mit einem Schieben über die Vorderräder. Woran das lag, konnte von Seiten Chevrolet bis heute nicht geklärt werden.

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Corvette C7 Abmessungen

Länge: 4.48 m
Breite: 1.87 m
Höhe: 1.23 m

Die Corvette C7 ist kein Monstrum, auch wenn die Optik so dramatisch ausfällt. Denn die Abmessungen bleiben kompakt, sowohl von der Länge als auch von der Breite. Das heißt, dass es kein Problem darstellt, in eine engere Tiefgarage zu fahren.

Wettbewerb

Betrachten wir Länge und PS, so käme ein Porsche 911 Carrera GTS in Betracht. Die Länge beträgt 4,49 m und die PS-Zahl 430. Auch die Beschleunigung ist vergleichbar. Nur der Preis nicht, der mit 117.500 Euro mal eben 47.500 Euro über der Corvette liegt. Ähnlich verhält es sich mit dem Jaguar F-TYPE R Coupé, 550 PS ab 103.700 Euro. Nur leicht günstiger im nächsten Schritt, da gibt es beim Nissan GT-R 550 PS für 96.400 Euro. Ferner wäre da noch ein BMW M4 Coupé mit 4,67 m Länge, 431 PS ab 72.200 Euro, das liegt schon eher im Bereich. Man sieht: Preislich kann man die Corvette C7 mit dem M4 vergleichen, aber das Fahrzeugkonzept des ultraflachen Sportwagens wird nirgendwo sonst in dieser Preisklasse verfolgt.

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Wem der 6,2 Liter Sauger mit 466 PS übrigens nicht genug ist, der kann ab Anfang 2015 auch in Deutschland die neue Corvette Z06 erhalten (nicht verwirren lassen, es ist eine Corvette C7 der aktuellen Generation mit dem Zusatz Z06, nicht etwa die vorherige Generation). Die Z06 vollzieht eine Turboaufladung des Motors und schöpft daraus dann 650 PS. Anstatt in 4,2 Sek. geht es dann in 2,95 Sek. von 0 auf 100 km/h.

Fazit: Die Chevrolet Corvette Stingray C7 erregt mit ihrem Äußeren überall Aufmerksamkeit und zählt wohl zu den am dramatischsten designten Fahrzeugen auf dem Markt. Dabei wirkt sie allerdings trotzdem stilsicherer als gewisse schwarz-befelgten und bescheibten Mittelklasse-Kracher. Die Corvette C7 bleibt ein Auto für Individualisten, die das Besondere schätzen und die extreme Sportlichkeit wünschen. Der Komfort im Alltag bleibt da schnell auf der Strecke. Immerhin sind einige Elemente so durchdacht, dass die Alltagstauglichkeit nicht komplett verloren geht. So reicht die Stoßstange locker über die meisten Bordsteine an Ende von Parkboxen. Gerade das Interieur ist ausgezeichnet und extrem hochwertig und so untypisch für die Marke Chevrolet. Wenn man sich in die Corvette setzt, erhält man sofort das Gefühl: This is something special.

Autogefühl: *****

Text: Autogefühl, Thomas Majchrzak
Fotos & Video: Autogefühl, Michel Weigel
Fotos USA: Chevrolet


2 Responses to Chevrolet Corvette Stingray C7 Testbericht – Dramatik pur

  1. […] Chevrolet Corvette Stingray C7 Testbericht ? Dramatik pur, gefunden bei http://www.autogefuehl.de (0.1 Punkte) […]

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