Scheunenfund in Frankreich: Doch kein geheimer Jahrhundert-Schatz?

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Auch Autogefühl berichtete vor wenigen Tagen ausführlich über den sensationellen Scheunenfund in Frankreich. Nun hat ein Beitrag im französischen Online-Medium “L’Automobile Ancienne” für mächtig Wirbel gesorgt. Das Märchen vom großen Schatz sei leider nur ein Märchen, behaupten die Oldtimer-Insider. Unter Experten sei die Baillon-Sammlung längst bekannt gewesen, die Entdeckung nur ein Werbe-Gag. Artcurial hingegen wehrt sich gegen den Vorwurf und spricht weiter vom sensationellsten Fund seit den Gebrüdern Schlumpf. Die Wahrheit liegt scheinbar irgendwo in der Mitte, so der Schluss von Thomas Imhof

Der Vorwurf ist hart: These: Die Sammlung Baillon sei längst nicht so geheim wie dargestellt, sondern Insidern der Branche durchaus bekannt. Der Scheunenfund in Frankreich sei daher kein Sensationsfund, sondern eher ein PR-Coup des Auktionshauses, um die für Februar 2015 in Paris angesetzte Versteigerung von 60 Autos aus den Baillon-Restbeständen anzuheizen. So behauptet es das französische Online-Portal „L’Automobile Ancienne AA“ – und schildert Fall und Aufstieg der zu Glanzzeiten rund 200 Fahrzeuge starken Sammlung des Transportunternehmers Roger Baillon nochmals in allen Details.

Baillons Karriere beginnt mit dem Umbau deutscher und amerikanischer Militär-Lkw zu zivilen Transportern
Roger Baillon, Unternehmer mit Karosseriebau-Betrieb, kauft nach dem Zweiten Weltkrieg die zurückgelassenen Militär-Lastwagen der Deutschen und auch solche der Amerikaner auf. Er baut sie zu zivilen Nutzfahrzeugen um, und vermietet sie an Gewerbetreibende rund um die Stadt Niort in Westfrankreich. Das Geschäft blüht und schon 1947 zeigt Baillon auf dem Pariser Salon ein von ihm selbst entworfenes Luxusauto. Doch dem “L’Oiseau Bleu” (“Blauer Vogel”), ist kein Erfolg beschieden. Ganz im Gegensatz zu “Micheline”, ein 1950 vorgestellter Lkw mit ebenfalls selbst entworfener Frontlenker-Kabine. Sie ist eine der ersten auf dem französischen Lkw-Markt und lässt sich prächtig verkaufen. In den 1960er-Jahren beschäftigt Baillon schon 200 Mitarbeiter.

Monopolstellung im Dienst einer Chemie-Fabrik
Dann gründet der umtriebige Unternehmer zusätzlich seine eigene Spedition – Transports R. Baillon. Und erfindet einen wasserdichten Tank-Auflieger zum Transport gefährlicher Chemikalien. Mit einer Chemie-Fabrik im unweit von Niort entfernten Melle schließt er einen Exklusiv-Vertrag. Nach und nach entwickelt sich die Chemielaster-Flotte zu einer der größten in der Region Poitou-Charantes, ja in ganz Frankreich. Bald befahren die rot/weiß-lackierten Laster von R. Baillon Transports die Fernstraßen bis hinunter nach Portugal.

Roger Baillon sonnt sich im Erfolg und will sein Geld in seinen großen Traum investieren: Ein Automuseum mit den faszinierendsten französischen Modellen, das er zusammen mit seinem Sohn Jacques aufbauen möchte. Schon in den 1950er Jahren beginnt er daher, ehemals teure Luxus-Autos zum Schrottpreis zu kaufen – darunter Bugatti, Delage und Fahrzeuge anderer gallischer Edelmarken. Nach und nach häuft er so an die 200 Fahrzeuge auf seinem Schlossgelände bei Niort an.

1978 muss Baillon Insolvenz anmelden
Doch die Spedition geht 1978 pleite, nachdem das Geschäft zuvor schleichend bergab gegangen war. Was war passiert? Baillon kaufte stets gebrauchte Lkw, doch die Chemiefabrik in Melle führte 1967 neue Sicherheitsstandards ein und verlangte eine Modernisierung des Fuhrparks. Baillon blieb keine andere Wahl, als seinen mit Abstand größten Kunden mit dem Kauf einiger brandneuer Unic-Fahrzeuge ruhig zu stellen, ergänzt von ein paar gebrauchten Büssing Anfang der 70er Jahre sowie weiteren neuen Berliet und Fiat Mitte der 70er Jahre. Doch das Verhältnis der beiden Geschäftspartner kühlte sich ab Mitte der 70er Jahre ab, und 1977 wurde der Speditions-Vertrag nicht mehr verlängert. Am Ende konnte Baillon seine Fahrer nicht mehr bezahlen, und musste am 18. Januar 1978 Insolvenz anmelden. So löste sich der Traum vom Museum in Luft auf, doch die auf dem Gelände von Schloss Gaillard im Dorf Échiré bei Niort (Département Deux-Sèvres) aufgebaute Sammlung blieb zunächst zusammen und wohl auch weitgehend geheim.

Ferrari 250 GT California SWB et Maserati A6G 2000 berlinetta Grand Sport Frua

Ferrari 250 GT California SWB und Maserati A6G 2000 Berlinetta Grand Sport Frua – Foto: Artcurial

60 Autos werden 1979 für 1,285 Millionen Franc versteigert
Seltsame Bewegungen zwischen den Konten der 1966 von Baillon gegründeten AG und seiner Transportfirma rufen dann auch noch die Steuerfahnder auf den Plan. Folge: Der Unternehmer landet wegen Steuerhinterziehung vor dem Kadi und wird zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt. Noch bevor er seine Immobilien verflüssigen kann, pfänden die Konkursrichter gegen den heftigen Widerstand Baillons einen Teil seiner Autosammlung. Am 23. und 24. Juni 1979 werden 60 Fahrzeuge für zusammen 1.285.300 Francs versteigert. Darunter vier Delahaye, sechs Peugeot, vier Salmson, vier Talbot/Lago, zwei Delage, zwei Amilcar, ein Jaguar E-Type Cabrio, ein Lancia Flavia, frühe Franzosen von De Dion Bouton, Chenard-Walcker und Panhard & Levassor, dazu drei Unic, zwei Maserati GT 3500, ein Citroen 5CV, ein Ford Model T, ein Facel Vega, ein Ford V8, ein Bentley Mk VI, drei Renault – darunter ein Vivaquatre, ein Alfa Romeo 6C 2500 SS Cabrio und ein BMW Cabrio 327/8 – um nur die wichtigsten Exemplare zu nennen.

1985: Zweite Versteigerung von 32 Museumsstücken 
Am 20. Oktober 1985 kommt es dann erneut in Niort zu einer zweiten Versteigerung, diesmal von 32 Fahrzeugen, die zusammen 2.557.600 Francs einbringen. Nun bleiben, wie die Lokalpresse zu berichten weiß, noch an die 80 Fahrzeuge auf dem Gelände verborgen. Und man fragt sich in der westlichen französischen Provinz, wann wohl auch noch diese unter den Hammer kommen werden. Heute kennen wir die Antwort: Im Februar 2015.

Doch wie kam nun der Rest der Märchensammlung ans Tageslicht? Roger Baillon starb Anfang der 2000er Jahre, die Familie behielt die verbliebenen Fahrzeuge aber weiter. Bis auch sein Sohn Jacques im Oktober 2013 verstarb. Schon damals sollen sich die Hinterbliebenen an Artcurial gewandt haben. War die Sammlung also wirklich so geheim? Eigentlich nicht – die Lokalpresse wusste zum Zeitpunkt der zweiten Auktion bereits, dass ein Teil der Sammlung bei Roger Baillon verblieben war und dass es sich um knapp 80 Fahrzeuge handelte, von denen einige besonders wertvoll wären.

Delahaye GFA 148 L et Talbot Lago Baby cabriolet von Guillore - Foto: Artcurial

Delahaye GFA 148 L und Talbot Lago Baby Cabriolet von Guillore – Foto: Artcurial

 

Markenclubs hatten schon die Fährte aufgenommen 
Außerdem hatten Marken-Clubs die Fährten einiger Wagen aufgenommen, darunter Ferrari-Experten und die “Amicale Facel-Vega”: Ihr war bekannt, dass sich ein Facel-Vega Excellence irgendwo im Département Deux-Sèvres befinden müsse. Darüber hinaus tauchten 2010 in einem großen Internet-Forum Fotos auf, die jemand über eine Mauer geschossen hatte und dazu erklärte, dass sich “in Deux-Sèvres eine vergessene Sammlung befinde”. Die Fotos sorgten für einigen Wind, verschwanden aber schnell wieder aus dem Netz. 2012 dann veröffentlichte Peter M. Larsen in seinem Buch “Talbot-Lago Grand Sport – The Car from Paris” die Geschichte des T26 aus der Baillon-Sammlung. Seine Informationen erhielt er von – Jacques Baillon! Fazit: Ganz unbekannt war die Sammlung also nicht mehr, aber sie blieb zunächst unerreichbar und ihre genaue Zusammensetzung unbekannt.

Heute wissen wir, dass nicht 80, sondern sogar noch an die 95 Fahrzeuge in einem mehr oder weniger guten Zustand auf dem Gelände vor sich hingammeln. 60 von ihnen fand Artcurial würdig genug, zur Versteigerung bei der Rétromobile zugelassen zu werden, darunter den an sich völlig zerstörten Talbot Lago T26 Grand Sport Coupé Saoutchik (Titelfoto), der offenbar als eine Art “Kunstwerk” angeboten werden soll. Was aus Massenmodellen wie einer Renault Dauphine, einem Renault 12, einem Peugeot 604 und 204 oder einem Opel Diplomat und Ford Taunus werden soll, ist völlig offen. Ein Mitarbeiter von Artcurial teilte auf Anfrage mit, dass die nicht auktionierten Fahrzeuge im Besitz der Erben verbleiben würden. Andere Fahrzeuge seien in einem so schlechten Zustand, dass eine Restaurierung nicht mehr lohne.

Artcurial sei dank des internationalen Medien-Echos ein enormer Publicity-Coup gelungen, monieren weiterhin Kritiker wie jene von “L’Automobile Ancienne”. Man habe durch die breite Coverage in fast allen Medien mehr Aufmerksamkeit erzielt, als normale Werbung je eingebracht hätte. Leider bliebe das Märchen vom einzigartigen Scheunenfund also offenbar ein Märchen.

Artcurial bleibt bei seiner kommunizierten Darstellung: “Die Sammlung blieb bis zuletzt geheim!”
Doch Rebecca Ruff, Artcurial Sprecherin aus dem Londoner Büro der Franzosen, weist alle Vorwürfe der Manipulation weit zurück. In einer Mail an Autogefühl (wir belassen sie der Authentizität wegen in Englisch) teilte sie uns mit:

“Artcurial has released to the press the full and accurate story of the discovery of this collection, a collection that has been kept private by the family until now. It has not been in the public domaine and many of the marque specialists and clubs thought that cars in the collection had been lost or destroyed.

If one or two private individuals knew that certain of these cars did exist, they kept the details private – as requested by the family, and it was certainly not widely known about until now.

Matthieu Lamoure and Pierre Novikoff, as I have already told you, were contacted by the family, on 30 September, and visited the property without having any idea of the scale, range and value of the cars stored there. This is a truly fantastic discovery, and as a motoring journalist, I would expect you to be celebrating that.”

Facel Vega Excellence und Talbot Lago T26 Cabriolet Saoutchik ex-König Faruk - Foto: Artcurial

Facel Vega Excellence und Talbot Lago T26 Cabriolet Saoutchik ex-König Faruk – Foto: Artcurial

Franz Rother von der “Wirtschaftswoche” spottet: “Die Weihnachtsente aus Frankreich”. Doch die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Denn das Geschäft mit Oldtimern hat sich für die Auktionshäuser von Bonhams, Coys, RM, Gooding & Company bis Artcurial längst zu einem Millionen-Geschäft entwickelt – allein in Pebble Beach wurden in diesem Jahr Autos im Wert von 400 Millionen Dollar versteigert, ein Ferrari 250 GTO ging bei Quail Lodge, Carmel, für unfassbare 28,5 Millionen Euro über den Tisch. Daher verwundert es nicht, wenn auch in Bezug auf eine Sammlung wie die in West-Frankreich nicht immer alles ganz transparent gemacht wird und manches im Geheimnisvollen bleibt. Denn das Geschäft mit Classic Cars ist inzwischen viel zu aufgeheizt und grenzt mitunter – siehe die Preise für fast jeden halbwegs seltenen Ferrari – ans Irrationale. Am Ende sollte es uns als erklärte Bewunderer klassischer Schönheiten fast egal sein, was nun genau Dichtung und was Wahrheit ist. Hauptsache, die Preziosen finden neue Besitzer, die sie der Nachwelt in Museen oder bei Concours d’Élegances zeigen. In alter (oder aufgefrischter) Schönheit, gegenwärtigen und kommenden Generationen von Liebhabern exquisiten Designs zur Freude!

Text: Thomas Imhof, Autogefühl

Fotos: Artcurial


2 Responses to Scheunenfund in Frankreich: Doch kein geheimer Jahrhundert-Schatz?

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