Ford GT 2016: Blasser Abglanz einer Legende

Die Ansicht von oben zeigt, wie deutlich der neue GT von seinen Vorgängern abweicht - Foto: Ford

Mustang Shelby 350-R, F-150 Raptor und als Krönung ein weiteres Remake des legendären GT: Als gäbe es kein morgen, setzt Ford auf der noch bis zum nächsten Wochenende gehenden Detroit Motor Show auf eine PS-Orgie sondersgleichen. Der 2016 in limitierter Stückzahl für ausgewählte Märkte auserkorene Nachfahre des GT40 soll an 1966 erinnern, als das “blaue Oval” in Le Mans erstmals gegen den langjährigen Abonnementsieger Ferrari gewann. Doch leider distanziert sich der neue Ford GT 2016 im Design weit stärker vom Mythos als das erste GT Remake von 2004 – und auch das Antriebskonzept verwundert auf den ersten Blick, findet Thomas Imhof

Er war zugegeben eine der großen Überraschungen der North American International Auto Show im kalten Detroit. Bis zum Schluss erfolgreich geheim gehalten, ist er die Krönung einer Ford-Leistungsshow, bei der anders als bei General Motors traditionelle amerikanische Ingenieurswerte im Vordergrund standen. Und zumindest aus Sicht der Amis ging das Kalkül auch auf – der Ford GT 2016 wurde nicht nur in US-Medien als einer der großen Stars der Messe gefeiert. Doch verdient er dieses Prädikat wirklich?

Nun, zuerst muss man das Auto in einen größeren Zusammenhang stellen. Bis 2020 will Ford mehr als zwölf neue Sportwagen oder sportliche Modellvarianten vorstellen, entwickelt von einem eigens dazu neu gegründeten „Ford Performance“-Team. Deren erste Produkte sind der kommende Focus RS, der Mustang Shelby GT 350 sowie die ebenfalls in Detroit präsentierten Testosteron-Multiplikatoren F-150 Raptor und Mustang Shelby GT 350 R. Und dann der neue Ford GT 2016, der wie vor 50 Jahre Ferrari wieder das Fürchten lehren soll. Von einem veritablen Gegner für den Chevrolet Volt oder Teslas Model S hört man dagegen aus der Konzernzentrale in Dearborn nichts.



Original-Ford GT40 - Dreifachsieg in Le Mans 1966 - Foto: Ford

Original-Ford GT40 – Dreifachsieg in Le Mans 1966 – Foto: Ford

Diese seltsam rückwärts gewandte, weil einseitig PS-dominierte Produktstrategie begründet CEO Mark Field damit, „dass unser Unternehmen seine wichtigsten ersten Schritte nicht im Labor, sondern auf der Rennstrecke gemacht hat“. Und verweist auf einen Sieg, den Konzerngründer Henry Ford 1901 in einem von ihm selbst konstruierten Rennwagen erzielte. „Wir lieben es, Innovationen mithilfe von Hochleistungs-Fahrzeugen voranzutreiben und dabei die Herzen der Menschen höher schlagen zu lassen“, so Fields.

Die offizielle Message hinter dem neuen Ford GT 2016 liest sich denn auch so: Er soll die in einem Fiesta oder Focus mit drei Zylindern beginnende EcoBoost-Motorentechnologie auf einen neuen Mount Everest führen, innovative Aerodynamik-Tricks ausloten und mit einer Kohlefaser-Konstruktion die Potenziale des Leichtbaus aufzeigen. Hybridantrieb wie bei Porsche oder vielen anderen? Gar reiner E-Antrieb wie beim – im zweiten Anlauf – Audi R8 e-tron? Nein, sagt Ford, bringt alles zu viel Gewicht ins Auto, wir präferieren die reine Lehre des Verbrennungsantriebs.

Dazu kommt wie bereits angedeutet die historische Komponente: 2016 jährt sich der erste Ford-Erfolg in Le Mans zum 50. Mal – errungen gegen den langjährigen Abonnementsieger Ferrari mit dem Original-Ford GT40 (mit 7,0-Liter-V8) und den Fahrern Chris Amon und Bruce McLaren. Gefolgt von zwei weiteren GT. Es sollte der Auftakt zu einer Serie von vier Siegen sein, die erst 1970 von Porsche beendet wurde.

Erstmals vor zehn Jahren hatte Ford mit einem Remake des Ford GT dieses stolze Le Mans-Erbe beschworen. Als Teil der „Living Legends“-Reihe, in der Ford-Legenden wie der Thunderbird oder der lange vernachlässigte Mustang wieder auflebten. Angetrieben wurde das bildschöne Modell von einem stilgerechten 5,4-Liter-V8, der es dank eines Lysholm-Kompressors auf 550 PS und ein maximales Drehmoment von 774 Nm brachte. Mit 330 km/h war der GT das zu jener Zeit schnellste Ford-Serienfahrzeug und zoomte die Zeitspanne von 0 auf 100 km/h auf 3,9 Sekunden zusammen. Der Namenszusatz „40“ verschwand übrigens aus zwei Gründen: Zum einen hatte sich Ford die Namensrechte am GT40-Label seinerzeit nicht gesichert, zum zweiten war das im Design eng an das Original angelehnte Modell nicht mehr 40, sondern 43 Zoll hoch. Zwischen August 2004 und September 2006 baute Ford genau 4.038 Exemplare des auch im Motorsport (u.a. FIA-GT-Serie) erfolgreichen Modells. 101 Stück zum Preis von je 177.000 Euro kamen auch nach Europa.

Unter der Heckscheine schimmert der 3,5-Liter-V6 mit Bi-Turbo-Anlage hindurch - Foto: Ford

Unter der Heckscheibe schimmert der 3,5-Liter-V6 mit Bi-Turbo-Anlage hindurch – Foto: Ford

Der neu vorgestellte Ford GT 2016 entfernt sich nun optisch wie technisch sehr weit vom Original und vom Remake aus 2004. Oder positiv gedreht: Er emanzipiert sich von ihnen. Es beginnt beim Design: Bis auf die Frontscheinwerfer und die Bugpartie erinnert das Auto im Dach- und Heckbereich jetzt eher an einen Ferrari oder einen anderen Exoten von südlich der Alpen. Das Heck setzt mit riesigen runden Rückleuchten und zwei Ofenrohr-großen Auspuffschloten auf eine betont machomäßige Optik; die Flanken sind sehr unruhig gestaltet und irritieren das Auge durch Strebebögen, die vom hinteren Kotflügel zum Dach hoch ziehen. Unter ihnen kann die im Bereich der Türen kanalisierte Luft vermutlich sehr strömungsgünstig frei nach hinten durchziehen.

Überraschung auch beim Motor: Weder ein inzwischen bei Supersportwagen fast schon obligatorisches Hybridsystem noch ein V8-Sauger sitzt hinter der Fahrerkabine. Stattdessen ein 3,5-Liter-V6, dessen Bi-Turbos die Leistung auf über 600 PS puschen. Dieser „stärkste serienmäßige EcoBoost-Motor aller Zeit“ (Ford) habe seine Feuertaufe 2014 schon im Motorsport erlebt, lehrt uns Ford. Bei Rennen der IMSA Tudor United SportsCar Championship (USCC) und bei den 24 Stunden von Daytona. Schon in seiner Debüt-Saison habe der V6 für drei Siege und sieben Podestplätze gesorgt und insgesamt fast 25.000 Rennkilometer abgespult.

Eine technische Feinheit ist laut Ford auch die neu entwickelte Gemisch-Aufbereitung. Sie vereine die Vorteile einer Saugrohreinspritzung mit jenen einer Direkteinspritzung, wodurch das Ansprechverhalten direkt profitiere. Ein Ventiltrieb mit Schlepphebeln und Stützrollen senke zugleich die interne Reibung. Seine Kraft überträgt der Twin-Turbo über ein in Transaxle-Bauweise ausgeführtes Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe auf die Hinterräder.

Nur von vorn erinnert der Ford GT an das Original aus den 1960er Jahren - Foto: Ford

Nur von vorn erinnert der Ford GT noch an das Original aus den 1960er Jahren – Foto: Ford

Leichtbau war ein weiteres Thema bei der Konstruktion des neuen Supersportlers aus den USA. Was heißt: Verbundwerkstoffe und Kohlefaser für maximale Steifigkeit und minimales Gewicht. Zusätzlich werden die Fahrwerkskomponenten des Ford GT 2016 vorne wie hinten an Aluminium-Hilfsrahmen geführt, wodurch das (leider von Ford noch nicht kommunizierte) Leistungsgewicht noch besser ausfallen wird. Auch die Passagiere werden von einer Sicherheitszelle aus Karbon geschützt.

Eine adaptive Aerodynamik soll den neuen Ford GT 2016 auch in extrem dynamischen Fahrsituationen möglichst widerstandsarm durch die Luft schießen lassen – und ihn sicher an den Boden drücken. Variable Luftleitelemente stellen sich adaptiv auf die Fahrsituation ein; der hohe Anpressdruck sichert vor allem bei höheren Geschwindigkeiten maximale Fahrstabilität und kombiniert sie mit geringstem Luftwiderstand. Eine zentrale Bedeutung kommt dem aktiven Heckspoiler zu. Er lässt sich sowohl in der Höhe als auch im Anstellwinkel verstellen.

Die Ansicht von oben zeigt, wie deutlich der neue GT von seinen Vorgängern abweicht. Die Windschutzscheibe ist im Stil eines Motorradhelms weit um die Ecken gezogen - Foto: Ford

Die Ansicht von oben zeigt, wie deutlich der neue GT von seinen Vorgängern abweicht. Die Windschutzscheibe ist im Stil eines Motorradhelms weit um die Ecken gezogen – Foto: Ford

Beim Fahrwerk des Ford GT 2016 griff Ford ebenfalls ins Motorsport-Kontor: Pushrod-Aufhängungen mit in der Höhe verstellbaren Schubstreben und aktivem Stabilisator. Für optimalen Grip sollen High-Performance-Reifen des Typs Michelin Pilot Super Sport Cup 2 sorgen. Sie werden auf mehrteilige 20-Zoll-Leichtmetallräder aufgezogen; Karbon-Keramik-Bremsen von Brembo verzögern das Kraftpaket.

Wie es sich für einen Ford GT gehört, erfolgt der Zugang zum eng geschnittenen Zweimann-Cockpit durch nach oben öffnende Türen. Die Sitzschalen tragen keinen eigenen Rahmen, sondern sind direkt in das Karbon-Monocoque integriert – so sparte Ford weiter Gewicht und lässt Fahrer und Chassis gleichsam zu einer Einheit verschmelzen. Dank einstellbarer Pedalerie und des ebenfalls verstellbaren Lenkrads sollten Fahrer jeder Statur eine gute Sitzposition finden.

Zweisitziges Cockpit mit horizontal gegliedertem Instrumententräger - Foto: Ford

Zweisitziges Cockpit mit horizontal gegliedertem Instrumententräger und klobigem Lenkrad – Foto: Ford

Am sehr kantig geformten und streng horizontal gegliederten Armaturenträger angebracht ist ein etwas klobig wirkendes Lenkrad. Es trägt eine Fülle von Bedienknöpfen und die Schaltwippen für das Doppelkupplungsgetriebe. Das zentrale Digital-Display ist frei programmierbar und zeigt alle relevanten Informationen im direkten Blickfeld des Piloten an.

Fazit: Der 50. Jahrestag des ersten von vier Le Mans-Siegen ist für Ford ein triftiger Grund, etwas zum Thema GT oder GT40 auf die Räder zu stellen. Und der Konkurrenz zu zeigen, dass Ford wieder einen Supersportwagen anbietet. Doch weder brilliert der Ford GT 2016 durch ein für einen Ford GT authentisches Design, noch durch wirklich revolutionär neue Techniken, die später auch den Focus und Mondeos dieser Welt zugute kommen könnten. Porsche, Audi, BMW, Mercedes, Honda mit dem neuen NSX – sie alle sind schon mit Hybrid-Supersportwagen auf dem Markt (oder kommen demnächst), manche kündigen sogar rein elektrische Versionen an. Auch Nissan plant, die nächste Generation des legendären GT-R teilweise zu elektrifizieren. Ford hingegen geht nach dem Motto: Let’s do it the good old way. Sorry, aber hätte es dann nicht doch besser ein guter alter V8-Sauger getan? Wenn schon, dann doch richtig!

Raj Nair, Ford-Vizepräsident globale Produktentwicklung, ist sich sicher, dass der Ford GT 2016 genau in die Zeit passt: „Er verkörpert den ultimativen Supersportwagen für Enthusiasten. Mit dem GT treiben wir Innovationen und Technologien voran, die in Zukunft auch der übrigen Produktpalette zugute kommen. So heben wir die Messlatte für High-Performance-Fahrzeuge an, während wir zugleich die Entwicklung unserer Großserienmodelle positiv beeinflussen“.

Text: Thomas Imhof, Autogefühl

Fotos: Ford


2 Responses to Ford GT 2016: Blasser Abglanz einer Legende

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