VW in den USA: SUV-Boom verschlafen

VolkswagenConcept_America

Volkswagen – die müssen was tun. Nachdem in Nordamerika die Verkaufszahlen im Vergleich zu 2013 um zehn Prozent zurückgegangen sind, besteht dringender Handlungsbedarf. Das Ziel, bis 2018 dort 800.000 Autos verkaufen zu können, rückt so in immer weitere Ferne. Jetzt rächt sich die große und auch in Europa nicht wegzudiskutierende Lücke im SUV-Portfolio. Mit der auf der Detroiter Messe gezeigten Studie Cross Coupé GTE demonstrieren die Wolfsburger, dass sie das Problem erkannt haben. Doch die Serienversion des siebensitzigen Modells der 5,0-Meter-Klasse wird bis zum ersten Quartal 2017 auf sich warten lassen. Bis dahin droht eine lange Durststrecke, denn andere Verkaufsrenner sind nicht in Sicht. Von Thomas Imhof

VW in den USA – das ist zur Zeit eine der Baustellen im Volkswagen Konzern. Schuld daran ist die klaffende Lücke im SUV-Angebot. Sie tut sich auch in Europa auf, jedoch mit weit weniger gravierenden Konsequenzen. Denn hier hat die Marke mit Golf, Polo und Tiguan extrem starke Pfeiler, die die mangelnde Weitsicht der Produktplaner gut kaschieren. Fakt ist dennoch: zu beiden Seiten des Atlantiks ist man mit Tiguan und Touareg nur unterdurchschnittlich aufgestellt. Selbst die Premium Marken Mercedes und BMW bieten mit Modellen wie GLA und GLE Coupé oder X1 und X4/X6 inzwischen weitaus mehr Auswahl. Audi steht kurz davor, die Lücken zwischen Q3, Q5 und Q7 aufzufüllen, und sogar Ford und Opel bieten mit Modellen wie dem Ecosport, dem Kuga oder dem Mokka pfiffige Alternativen zu den konventionellen Limousinen.

Bis 2016 startet Wolfsburg eine gigantische SUV-Aufholjagd

Doch nun startet Wolfsburg eine bis 2016 terminierte Aufholjagd – nach dem Motto: Lieber spät als gar nicht. So wird auf der kommenden IAA der Tiguan der zweiten Generation debütieren. Neben der regulären Version mit fünf Sitzen (Länge zirka 4,50 Meter) sind ein siebensitziges XL-Derivat und ein Coupé fest eingeplant. Nach unten hin folgen wohl ebenfalls noch im Laufe des Jahres 2016 der Mini-SUV Taigun (auf Basis des up!) und ein SUV der 4,2-Meter-Klasse. Der als Studie T-Roc bereits auf dem Genfer Salon angeteaserte Wagen wird unter anderem gegen den erfolgreichen Mokka antreten.

Ein Deutscher für Amerika: Volkswagen Studie Cross Coupé GTE - Foto: Volkswagen

Ein Deutscher für Amerika: Volkswagen Studie Cross Coupé GTE, als Serienversion für das erste Quartal 2017 geplant – Foto: Volkswagen

Mehr Dampf auf dem SUV-Sektor ist aber vor allem in den SUV-verrückten Vereinigten Staaten das Gebot der Stunde. Seit die Benzinpreise dort auf ein neues Tiefstniveau gesunken sind, liegen dicke SUVs, Pick-ups und Muscle Cars wie der Shelby Mustang von Ford wieder voll im Trend. Volkswagen, noch vor drei Jahren mit dem in Amerika traditionell beliebten Jetta und dem eigens für die Amis verlängerten Passat eine echte In-Marke, wurde 2013 vom wetterwenderischen US-Autokunden kalt erwischt. Der Touareg ist ein Premium-Produkt und konkurriert gegen starke einheimische und ausländische Konkurrenz; der aus Europa importierte Tiguan ist vielen Amerikanern zu klein und dazu noch verlustbringend. Da tröstet die Wahl des Golf zum „North American Car of the Year“ kaum.

Zehn Prozent unter Vorjahr – das Fernziel 800.000 Autos bis 2018 scheint unerreichbar

Folge: Mit 367.000 verkauften Einheiten verfehlte VW in den USA 2014 das Vorjahresergebnis um zehn Prozent; das 2007 auf der IAA vom damaligen Volkswagen Nordamerika-Chef Stefan Jacoby ausgerufene Ziel von „800.000 Neuwagen bis 2018“ dürfte kaum noch zu erreichen sein.

Die auf der letzten Detroit Motor Show gezeigte Studie Cross Coupé GTE soll mit ihrer an amerikanische Designvorlieben angelehnten Formensprache zeigen, dass man in Wolfsburg die Zeichen der Zeit erkannt hat. „GTE“ steht bekanntlich für die Kombination eines TSI-Benziners mit einem Elektromotor, die Initialen zieren bereits den Passat und den Golf. Im Cross Coupé sorgen ein 3,6-Liter-V6-Benziner mit 280 PS und 350 Nm sowie zwei 40 kW/220 Nm (vorne) und 85 kW/270 Nm (hinten) starke Elektromotoren für eine Systemleistung von 265 kW / 360 PS. Der Verbrauch im US-Normzyklus liegt bei 70 mpg oder 3,4 Litern, der Sprint auf Tempo 100 soll laut Werksangaben in rund sechs Sekunden gelingen, die Höchstgeschwindigkeit beträgt knapp 210 km/h.

Ebenso wie die Anfang 2014 ebenfalls in Detroit gezeigte und fast fünf Meter lange Studie CrossBlue gibt auch das Cross Coupé GTE einen Einblick in die geplante Midize-SUV-Baureihe von Volkswagen, die auf dem Modularen Querbaukasten (MQB) basiert. Die Produktion eines großen SUV für Nordamerika soll Ende 2016 im Werk Chattanooga anlaufen – wozu dort 2.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Breit gezogene Rückleuchten und eine Sicke, die an den Jeep Cherokee erinnert - Foto: Volkswagen


Breit gezogene Rückleuchten und eine seitliche Sicke, die an den Jeep Cherokee erinnert – Foto: Volkswagen

“Wir müssen schneller sein” (VW Nordamerika-Chef Michael Horn)

„Wir müssen schneller sein. Und das werden wir in Zukunft auch“, betonte VW-Amerika-Chef Michael Horn am Vorabend der Detroiter Messe. Dafür müsse auch das Verständnis der Kundenwünsche noch besser werden, mahnte er an. Auch VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh sieht noch Nachholbedarf: „Es nützt nichts, wenn unsere Autos besser sind, als die der Konkurrenz. Wir müssen auch stärker gucken, auf welchem Niveau wir die Produkte starten“, fasste er die Situation in den USA zusammen.

Wenn der als Siebensitzer-SUV der Fünf-Meter-Klasse konzipierte Midsize-SUV anläuft, ist er nahezu zum Erfolg verdammt. Daher biedert sich das Design auch bis zur Schmerzgrenze dem amerikanischen Massengeschmack an. Vor allem an der Front gibt sich das viertürige Coupé betont aggressiv. Die markante Sicke, die von den Rückleuchten über die Radhausausschnitte und die Türpartie bis in den vorderen Kotflügel zieht, würde man so tief bei einem Europa-Modell wohl kaum einkerben. Sie erinnert im Übrigen auch stark an die Flanken eines Jeep Cherokee. „Mit dem wuchtigen Kühlergrill lassen sich, wenn nötig, nicht nur Fliegen, sondern auch Rinder erlegen. Man muss schon zweimal hinschauen, um sicher zu sein, dass das noch ein Volkswagen ist“, unkte denn auch das Fachmagazin auto motor und sport. 22 Zoll Räder mit 285/40er-Schlappen sind zwar typische Concept Car-Attribute, verdeutlichen aber ebenso wie die breit gezogenen Rückleuchten und die dicken Auspuffrohre den Macho-Anspruch. Ein stilistisches Highlight sind dagegen zweifellos die zwischen den Lamellen des Kühlergrills hervorlugenden LED-Scheinwerfer.

Wertiges Interieur mit Infotainmentanleihen vom neuen Passat - Foto: Volkswagen

Wertiges Interieur mit Infotainmentanleihen vom neuen Passat. Typisch für VW: die strenge horizontale Gliederung – Foto: Volkswagen

Der Innenraum kommt dagegen sehr deutsch und sehr VW-artig herüber. Das heißt: Betont horizontale Gliederung und statt Plastikknöpfen hochwertige Aluminium-Applikationen. Dazu digitale Instrumente und Displays, die an die im neuen Passat eingeführten Infotainmentsysteme anknüpfen.

Seit 15 Jahren erlebt VW in den USA ein ständiges Auf und Ab

In den letzten 15 Jahren erlebte Volkswagen in den USA ein ständiges Auf und Ab. Mitte der 2000er-Jahre wurden die Modelle noch aus Deutschland importiert – und waren damit nicht gewinnabwerfend. 2006 meldete die Volkswagen Gruppe einen Verlust für Nordamerika von 828 Millionen Dollar. Vor allem als Folge ungünstiger Wechselkursbedingungen (schwacher Dollar, starker Euro).

Premiere der SUV-Studie auf der Detroit Show Anfang Januar - Foto: Volkswagen

Premiere der SUV-Studie auf der Detroit Show Anfang Januar – Foto: Volkswagen

Für die Chefs in Wolfsburg war klar: Man müsse die Autos in den USA selbst bauen, und damit auf Augenhöhe gegen Toyota und Honda konkurrieren. Der neue Passat, lokal gebaut, wurde bereits zum „Toyota Camry fighter“ und VW als „intelligente Alternative“ zu den Japanern und Koreanern aufgebaut.

2008 kam mit dem Tiguan erstmals ein SUV in die Staaten, doch weiter aus Europa verschifft und damit unprofitabel. 2010 folgte aus Mexiko ein neuer Jetta. Er kostete 2.000 Dollar weniger als sein noch mit einer hinteren Einzelradaufhängung bestückter Vorgänger – und wurde auf Anhieb zum Verkaufshit. Folge: Die VW Verkäufe erholten sich und stiegen auf einen Schlag um 20 Prozent auf 256.830 Fahrzeuge.

2011 öffnete im Bundesstaat Tennessee das neue Werk Chattanooga. Aus ihm heraus rollte der US-Passat, ohne die Einzelradaufhängung des Europa-Modells und mit Hartplastik im Interieur. Doch dank eines Preises, der rund 8000 Dollar unter dem Kurs für einen Euro-Passat lag, schlug auch er zunächst bestens ein.

Ohne Hybridantrieb geht auch in den USA längst nichts mehr - Foto: Volkswagen

Ohne Hybridantrieb geht auch in den USA längst nichts mehr. Hier die Kombination aus einem V6-Benziner und zwei E-Motoren. Enttäuschend der für die Studie angegebene rein elektrische Aktionsradius von 32 Kilometern – Foto: Volkswagen

Vier Dollar für die Gallone Sprit – das machte VW in den USA ganz stark

VW galt nun als eine der heißesten Marken der USA – bestärkt durch einen Rekordpreis für die Gallone Sprit von vier Dollar. Zugleich klagten die Japaner als Folge der Katastrophe von Fukushima über Lieferschwierigkeiten. Die VW Händler investierten fleißig in größere Servicehallen und Verkaufsräume – es herrschte Boomstimmung.

2011 schloss Volkswagen North America bereits mit 324.402 Neuwagenverkäufen ab, 2012 ging die Kurve noch weiter nach oben: Dank des nun voll verfügbaren Passat ging es um 35 Prozent weiter aufwärts auf nun 438.133 Einheiten. Trotz des unter den Erwartungen liegenden Tiguan schien das 800.000er-Ziel nun greifbar nah.

Volkswagen Tiguan R-Line, Foto: VW

Steht in zweiter Generation auf der nächsten IAA: Der Tiguan – Foto: Volkswagen

 

2013 präsentierte VW in Detroit einen SUV-Crossover namens CrossBlue, von Insidern gedeutet als eine XL-Version des kommenden Tiguan. Mit sieben Sitzen, fast fünf Metern Länge und Diesel-Hybrid-Antrieb. Zugleich wurden in Chattanooga 500 neue Jobs vergeben, um das Werk im Dreischicht-Betrieb laufenlassen zu können. Der neue VW-USA-Chef Jonathan Browning gab seinen Händlern aggressive Verkaufsziele.

Benzin wurde plötzlich wieder billiger als Milch – verheerend für das Volkswagen Geschäft

Doch nun stellte sich der US-Markt plötzlich um, wie ein Hurricane, der seine Stoßrichtung ändert. Als Folge der inzwischen wieder deutlich gesunkenen Spritpreise – mit knapp unter drei Dollar pro Gallone (=78 Cent pro Liter) war Benzin billiger als Milch! – griffen die Amis wieder zuhauf zu ihren alten Liebschaften – SUVs, Pick-ups, Crossovers mit dicken V8-Motoren.

Zugleich fanden Toyota und Honda zu alter Stärke zurück, während Ford mit dem neuen Fusion (Mondeo in Europa) nach langer Zeit mal wieder einen US-Hit im Segment der Mittelklasse-Limousinen landete.

VW Taigun - nun mit am Heck angeschnalltem Reserverad - Foto: Volkswagen

VW Taigun – der Mini-SUV auf Basis up! rundet bis 2016 die SUV-Palette nach unten ab.  – Foto: Volkswagen

Die Situation wurde für Volkswagen noch prekärer, als die Arbeiten an der Serienversion des Cross Blue ins Stocken gerieten. „Wir kamen zu dem Schluss, dass wir den CrossBlue nochmal neu anfassen, ja verbessern mussten“, bekennt Michael Horn, der dem Ende 2013 entlassenen Briten Browning auf dem Chefsessel folgte.

Es kam, wie es kommen musste: Während der Gesamtmarkt 2013 um acht Prozent zunahm, sackte Volkswagen gegen den Trend um sieben Prozent auf 407.704 Fahrzeuge ab. 2014 ging der Absturz des weltweit zweitgrößten Herstellers (hinter Toyota) dann weiter zurück: Plus sechs Prozent für den Gesamtmarkt, minus zehn Prozent für die Wolfsburger.

Immerhin liegt Audi aktuell im Zielkorridor

Lang zurück lagen die Zeiten, in denen die Händler noch die Auftragsbücher voll hatten. Zwischen 2009 und 2012 verdoppelten die Wolfsburger in den USA dank des günstigen, weil in Mexiko gebauten Jetta und des um zehn Zentimeter auf 4,87 Meter verlängerten US-Ablegers des Passat B7 die Absätze auf nahezu 440.000 Einheiten. Mutig gab man daraufhin das Ziel einer weiteren Verdoppelung des Absatzes für die Marke Volkswagen und eine Million für VW und Audi sowie die anderen Luxusmarken aus. Mit 200.000 Verkäufen ist immerhin Audi aktuell im Zielkorridor.

„Es war eine tolle Zeit“, zitiert das Branchenmagazin Automotive News Europe den VW Händler Wade Walker aus Montpelier (Vermont), Die Händler waren begeistert, die Leute stürmten regelrecht die Showrooms.“ Doch längst ist der Hype einer Katerstimmung gewichen. 2014 setzte VW nur noch 366.970 Fahrzeuge ab – und fiel damit fast wieder auf das Niveau von 2011 zurück.

Vom Touareg fehlt bislang eine bei BMW und Mercedes längst eingeführte Coupé-Version - Foto: Volkswagen

Vom Touareg – hier die zuletzt facegeliftete Version – fehlt bislang eine bei BMW und Mercedes längst eingeführte Coupé-Version – Foto: Volkswagen

Um die viel beschworene 800.000er-Marke zu erreichen, müsste VW in den nächsten drei bis vier Jahren jeweils 100.000 Autos per anno mehr in den Markt pumpen. „Wie sie das schaffen wollen, bleibt ein Mysterium“, sagt Jessica Caldwell vom Beratungsunternehmen Edmunds.com

VW USA-Chef Horn zeigte sich in einem Interview mit Automotive News Europa dennoch optimistisch: Bis 2018 sollen 100 zusätzliche Händler gewonnen werden, im ersten Quartal käme dann der neue Midsize-Crossover und im zweiten ein verlängerter und ebenfalls lokal gefertigter Tiguan gleich hinterher.

Bis dahin drohen Volkswagen also noch zwei weitere magere Jahre – es sei denn, die Benzinpreise würden sich über Nacht wieder deutlich nach oben bewegen. Doch allein drauf wird sich VW in den USA sicher nicht verlassen…..

Text: Thomas Imhof (mit Informationen aus Automotive News Europe)

Fotos: Volkswagen


2 Responses to VW in den USA: SUV-Boom verschlafen

  1. […] VW in den USA: SUV-Boom verschlafen, gefunden bei http://www.autogefuehl.de (0.5 Buzz-Faktor) […]

  2. […] AutogefühlVW in den USA: SUV-Boom verschlafenAutogefühl – das Auto Blog! http://www.autogefuehl.de Volkswagen – die müssen was tun. Nachdem in Nordame… […]

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *