Metrocab: London Taxi mit blütenweißer Weste

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London gehört zu den Weltmetropolen mit den höchsten Konzentrationen an Stickstoffdioxid und Feinstaubpartikeln. Schuld daran haben vor allem die vielen alten Diesel-Taxis und -Busse. Mit dem neuen Metrocab – einem an das klassische Design des “Black Cab” angelehnten E-Modell mit Reichweitenverlängerer – könnten die alten Dreckschleudern ab 2016 nach und nach aufs Altenteil wandern. Zumal Bürgermeister Boris Johnson ohnehin spätestens ab 2018 “Zero Emission”-Zonen einrichten will. Von Thomas Imhof

Sie gehören seit den 1950er Jahren zum Londoner Straßenbild wie die roten Doppeldecker-Busse oder Telefonkabinen, die schwarz lackierten „London Cabs“. Doch so charmant ihr bewusst nostalgisch gehaltenes Design auch sein mag –umwelttechnisch sind sie hoffnungslos veraltet. Tragen sie doch maßgeblich dazu bei, dass London zu den Metropolen mit der weltweit höchsten Belastung an Stickstoffdioxid (No2) zählt. Besonders schlecht soll die Luft ausgerechnet auf der berühmten Einkaufsmeile Oxford Street sein. Dort hat David Carslow vom King’s College ein jährliches Mittel von 134 Mikrogramm und einen Maximalwert von 489 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen. Das wird nur noch getoppt von Peking, wo an luftaustauscharmen Tagen auch schon mal 500 Mikrogramm in der Smogluft hängen.

 

Die Zukunkt: Das neue Metrocab vor seinen dreckigen Diesel-Kollegen - Foto: Metrocab

Die Zukunkt: Das neue Metrocab vor seinen dreckigen Diesel-Kollegen – Foto: Metrocab

Die europäische Umweltagentur bestätigte die hohen NO2-Werte in London, jedoch nicht nur dort. Auch in Stuttgart lag das jährliche Mittel mit 91 Mikrogramm pro Kubikmeter weit über dem Grenzwert von 40 Mikrogramm. Ähnlich schlecht schnitt Paris mit 90 Mikrogramm ab. Nun will die dortige sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo alte Diesel lieber heute als morgen aus dem Stadtzentrum und später auch den Randbezirken verbannen. Denn Stickstoffdioxide werden vor allem von Dieselfahrzeugen erzeugt. Sie reizen die Schleimhäute, verursachen Husten, verschlimmern Asthma und haben ähnliche Auswirkungen wie Feinstaub, der das Risiko an Lungenkrebs zu erkranken erhöht.

Auch Hidalgos Londoner Amtskollege Boris Johnson hat der Luftverschmutzung in der Themse Metropole schon seit langem den Kampf angesagt. Bis 2018 – man fragt sich, warum so spät? – will er  „Zero Emission“-Zonen einrichten. Und hat aus diesem Grund schon vor einiger Zeit einen Wettbewerb für umweltverträglichere Nachfolger des “Black Cabs” ins Leben gerufen.

Seit diese Pläne bekannt wurden, tüfteln mehrere Hersteller an Alternativen für ein London Taxi. Nissan zum Beispiel will, wie schon in New York, auch in London den elektrischen Kleintransporter e-NV 200 als Taxi einführen. Mercedes könnte mit einem elektrischen Vito kontern, der (als Verbrenner) bei Londons Taxifahrern hoch im Kurs steht. Und auch die Chinesen von Geely, die den langjährigen Hersteller der Black Cabs, Manganese Bronze aus Coventry, aufgekauft haben, sind an dem Thema dran.

Als Johnsons Favorit gilt jedoch das vom Design auf Anhieb als London Cab auszumachende Metrocab von Frazer-Nash Research Ltd. und Ecotive Ltd.  Als weltweit erstes elektrisches Taxi mit Range Etender erhielt es jetzt von der Taxivereinigung „Transport for London“ die offizielle Zulassung und damit das “Go”  für einen mehrmonatigen Pilotversuch. Die ersten Exemplare sind bereits im Einsatz und kutschieren Kunden durch die Hauptstadt. Anfangs sogar noch umsonst, wenn sich die Fahrgäste bereitfinden, in einem kurzen Video von ihren Eindrücken zu berichten.

Klassische Silhouette, für den Diensteinsatz natürlich wieder in Schwarz - Foto: Metrocab

Klassische Silhouette, für den Diensteinsatz natürlich wieder in Schwarz – Foto: Metrocab

Kopf des Projekts ist der indischstämmige Ingenieur und Investor Kamal Siddiqi. Sein Kommentar zum nicht gerade hübschen Design: “Warum sollten wir an der ikonischen Silhouette viel ändern? Sie ist das beste Erkennungszeichen für ein London Taxi.” So bleiben als fast einziges Zugeständnis an die Neuheit Scheinwerfer mit LED-Einsätzen.

Das auf den Pressebildern weiß lackierte, aber für den Einsatz natürlich in Schwarz gehaltene London Taxi wird von zwei bürstenlosen und im Heck des Autos angebrachten Elektromotoren angetrieben. Unterstützt wird der Hecktriebler von einem 1,0 Liter großer Benziner mit drei Zylindern. Ähnlich wie beim jetzt leider eingestellten Opel Ampera dient er nur als Reichweitenverlängerer, hat also keine Verbindung zu den Rädern. Gekoppelt an einen Generator, lädt er die Batterien während der Fahrt wieder auf. Auch ein Plug-in-Anschluss ist vorhanden, um das Metrocab an einer öffentlichen Ladestation oder Haushaltssteckdose nachzuladen.

Weil ein Taxi in London pro Tag zwischen 160 und 300 Kilometer abspult, Metrocab aber rein elektrisch maximal 80 Kilometer schafft, war der Range Extender für die Konstrukteure ein „Must have“. Schon acht bis zwölf Minuten Aktivität reichen laut Siddiqi aus, um die Akkus wieder auf Hochspannung zu bringen. “Wir können rein elektrisch durch die Zero-Emission-Zonen fahren und dann außerhalb der Sperrgebiete während der Fahrt nachladen. Die Gesamtreichweite reicht auch für die längste Schicht.” Im ECE 101-Verbrauchszyklus kommt das Metrocab auf einen Verbrauch von 2,3 Liter je 100 Kilometer und CO2-Emissionen von unter 50 g/km. Damit ist es um 75 Prozent sparsamer und sauberer als die alten Diesel. Noch wichtiger: Der Aktionsradius steigt so auf 560 Kilometer.

LED-Scheinwerfer - Foto: Metrocab

LED-Scheinwerfer – Foto: Metrocab

Bürgermeister Boris Johnson beschrieb das Metrocab schon als „absolut wunderbar, ein Meisterstück britischer Ingenieurskunst und ein Rolls-Royce unter den Taxis!“ Der erste Londoner Cabbie, der in den Genuss des Stromers kommt, heißt Preston Morris. Sein Kommentar ist ähnlich euphorisch: „Eine großartige Nachricht, das der Metrocab nun die Lizenz für Fahrten in London erhalten hat. Die Einsparungen an Spritkosten sind enorm, ebenso wie der Komfort. Meine ersten Kunden waren hellauf begeistert. Luftfederung, das Panoramaglasdach und der leise Antriebsstrang, was will man noch mehr?“

Plug-in-Anschluss - Foto: Metrocab

Plug-in-Anschluss – Foto: Metrocab

In der Tat verfügt das Metrocab über ein über die ganze Länge des Autos reichendes Panoramadach, durch das man herrliche Blicke auf die Londoner Skyline erhaschen kann. Die Stromer-Droschke kann bis zu sieben Passagiere transportieren (sechs im Fond, einer neben dem Fahrer), bietet dazu noch mehr Laderaum als ihr Vorgänger und eine seitliche Rampe zur Aufnahme von Fahrgästen mit Rollstuhl.

Noch geben sich Frazer-Nash und Ecotive schmallippig, wenn es um Fragen wie Produktionsstandort und Serienfertigung geht. So viel wird aber doch verraten: Das Auto wird im UK gebaut, und zwar zusammen mit einem dort ansässigen Tier 1-Hersteller. Die Erfahrungen aus dem jetzt angelaufenen Pilotversuch sollen in das endgültige Design einfließen – das dann zur Jahreswende 2015/2016 feststehen soll. Mit ersten Serienmodellen sei dann ab Ende 2016 zu rechnen. Zunächst wolle man sich auf London und andere britische Großstädte konzentrieren.

Der Preis des Elektro-Taxis soll auf dem Niveau eines konventionellen London-Taxis bleiben: Siddiqi spricht von “unter 50.000 Pfund” – umgerechnet etwa 63.000 Euro. “Am Ende ist das Geld doch das Einzige, was für einen Unternehmer wirklich zählt“, sagte Siddiqi unserem Kollegen Tom Grünweg von Spiegel Online.

Drei Klappsitze im Fond - die Economy-Class - Foto: Metrocab

Drei Klappsitze im Fond – die Economy-Class – Foto: Metrocab

Pro Tag, so hat er errechnet, muss ein Londoner Taxifahrer Sprit in Höhe von 40 und 55 Euro in den Tank nachkippen. Beim Umstieg auf ein Metrocab locken dagegen Einsparungen von jährlich über 12.000 Euro für Benzinkosten, Steuern und Servicearbeiten. Werden die Taxen mit Solarstrom und zu billigen Nachstromtarifen aufgeladen, verbessert sich die Kostenbilanz noch weiter.

Auch wenn sich die Shopper nicht nur auf der Oxford Street künftig über sauberere Luft freuen dürften, weiß Sidiqqi nur zu gut: Für einen breiten Umstieg in ein neues Taxizeitalter sind die Kosten am Ende noch immer das schlagkräftigste Argument. Denn gerade Taxiunternehmer rechnen bekanntlich mit jedem Cent.

Metrocab – Die Kerndaten

  • Verbrauch 98 Mpg (2,3 l/100 km) im ECE 101-Zyklus; dreimal effizienter als konventionelles London Taxi
  • CO2-Emissionen von unter 50 g/km; Reduktion von 75 Prozent gegenüber Diesel-Taxi
  • Gesamtreichweite 560 km, rein elektrisch rund 80 km
  • spart pro Tag 40 bis 55 Euro an Betriebs- und Unterhaltskosten
  • Evolutionäres Design mit Anklängen an die klassische London Taxi-Silhouette
  • Über zehn Jahre Entwicklungszeit und über eine Million Testkilometer
  • Sechs Sitze plus optionaler siebter Platz neben dem Fahrer

Technische Daten

  • Länge 4.905 mm
  • Breite 1.800 mm
  • Höhe 1.925 mm
  • Radstand 3.181 mm
  • Gewicht 2.515 kg
  • Höchstgeschwindigkeit 80 mph (knapp 130 km/h) limitiert
  • CO2-Emissionen unter 50 g/km
  • Wendekreis  7,62 m (Bedingung für ein London Cab)
  • Bremsenergierückgewinnung
  • Heckantrieb
  • Automatikgetriebe
Drehschalter für die Fahrmodi - Foto: Metrocab

Drehschalter für die Fahrmodi der Automatik. Offenbar ohne Möglichkeit, verschieden starke Rekuperationsstufen anzuwählen. Auch eine Position für reinen Zero Emission-Vortrieb ist nicht zu erkennen – Foto: Metrocab

  • Leistung   2 x 50 kW
  • Drehmoment   2 x 1.400 Nm
  • Range Extender
  • 1,0-Liter-Benziner, drei Zylinder, gekoppelt an Generator-Einheit
  • Betriebsmodi für Stadt und Überlandfahrten
  • erfüllt EU5-Abgasnorm
  • Lithium-Ionen-Polymer Batterie
  • Kapazität 12,2 kWh
  • 3 kW Onboard-Laden
Arbeitsplatz des Cabbies - Foto: Metrocab

Funktioneller Arbeitsplatz des Cabbies. Verdeckt: das Multifunktionsdisplay (links vom Lenkrad) – Foto: Metrocab

  • Voll digitalisierte Instrumente
  • Zentrales Touchscreen (u.a. für Taxameter)
  • Infotainment Bildschirme für die Passagiere (u.a. zum Abspielen von Werbe-Videos oder anderen Filmen)
  • USB Ladeanschluss
  • Drahtloses Telefon
  • Klimaanlage
  • ABS
  • Dreisitzige Rückbank mit Längsverstellmöglichkeit
  • Drei entgegen zur Fahrtrichtung ausklappbare Sitze
  • Ein optionaler Sitz für den vorderen Bereich
  • Integrierte Rampe für Rollstühle
  • Panorama-Glasdach
  • Ambiente Beleuchtung
  • Luftfederung

Text: Thomas Imhof, Autogefühl
Fotos: Metrocab

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2 Responses to Metrocab: London Taxi mit blütenweißer Weste

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