Die Story über Siegfried Rauch und Steve McQueen in Le Mans

Ein neues Buch über den Kultfilm „Le Mans“ erzählt von der dicken Freundschaft zwischen dem „King of Cool“ und Siegfried Rauch, einem breiten Publikum vor allem als ZDF-„Traumschiff“-Kapitän bekannt. Aber auch sonst erfahren Cineasten und Rennsportfreaks viel Neues über einen Film, der im Kino floppte, aber bis heute als Krönung des Genres gilt. Von Thomas Imhof

AUBI - Filmgeschichte, Filmklappe, August 2006

AUBI – Filmgeschichte, Filmklappe, August 2006

Le Mans mit Steve McQueen war zwar ebenso wie jüngst Ron Howards Rush – die Saga des Duells zwischen Niki Lauda und James Hunt um die Formel-1-Krone 1976 – ein Flop an den Kinokassen. Doch gilt der 1971 in die Filmtheater gekommene Streifen unter Fans der reinen Motorsport-Lehre bis heute als Kultfilm. Sicher nicht wegen seines dünnen und wortkargen Plots, sondern wegen des spektakulären Mix aus Szenen des Original-Rennens von 1970 und nachgestellter Einstellungen. Fünf Monate des Jahres 1970 vergingen, ehe alles im Kasten war. Nach zahlreichen Skandalen, heillos gesprengten Budgets und sogar dem Wechsel des Regisseurs.

Über die direkt am Originalschauplatz Le Mans laufenden Dreharbeiten und die sich darum rankenden Geschichten und Tragödien gab es bislang nur das 1999 in Englisch verfasste Buch A French Kiss with Death von Michael Keyser. Es muss auch weiter als Referenzwerk gelten, wenngleich das nun bei Delius Klasing neu herausgebrachte Buch „Unser Le Mans“ gerade aus deutscher Sicht bislang noch unbekannte Episoden zutage fördert.

Arbeitspause, Drehpause, Le Mans Film

Arbeitspause, Drehpause, Le Mans Film

Das „Unser“ im Titel bezieht sich auf die Freundschaft zwischen Hauptdarsteller und Möchtegern-Regisseur Steve McQueen und Siegried Rauch. Rauch? Ja genau der, Kapitän Paulsen aus dem ZDF-Traumschiff, heute 84. McQueen und „Siggi“, wie ihn der Kalifornier kumpelhaft nannte, sind im Film Kontrahenten. Steve steuert als Michael Delaney einen Porsche 917, der gebürtige Bayer als Erich Stahler einen Ferrari 512 S. McQueen hatte Rauch im Film Patton-Rebell in Uniform gesehen und spontan gesagt: „Den will ich als meinen Gegenspieler für Le Mans.“ Am Set kommen sich die beiden im Sternzeichen Widder geborenen erst spät näher. Weil Rauch im Gegensatz zu den meisten anderen der 300-köpfigen Filmcrew den Superstar in Ruhe lässt, was diesen zunächst irritiert. „Irgendwann kam er dann auf mich zu und fragte: ‚Hey, warum redest Du nie mit mir?“

„Danach wurden wir sehr schnell dicke Freunde, erinnert sich Rauch, der McQueen sogar zu sich nach Bayern einlud. Das Buch zeigt zahlreiche und bislang noch unveröffentlichte Bilder aus dem Privatalbum: McQueen mit Familie in der guten Stube, bei deutschem Bier und Sauerkraut, das er besonders liebte. McQueen habe sehr viel von den Deutschen gehalten, sagt Rauch. „Und Porsche war für ihn das beste Auto der Welt.“

In den zwei Wochen auf dem bayerischen Hof habe sich der sonst so getriebene Hollywood-Star von einer ganz anderen Seite gezeigt, berichtet Rauch. „Sensibel und viel tiefgründiger, als ich geahnt hatte. So etwas wie Geborgenheit wie in meiner Familie habe er nie gehabt, sagte er mir. Er war auch fasziniert von der nahen Wieskirche in Steingaden, die zum Weltkulturerbe zählt, wurde dann sogar Taufpate meines ersten Sohns. Er war sogar schon so weit, ein Bauernhaus zu suchen, doch seine Frau zog es zurück nach Kalifornien.“

Photo by Rob Walls/REX / Shutterstock / action press  (32544h) Steve McQueen and Lee H. Katzin on the set of 'Le Mans' VARIOUS - 1970

Photo by Rob Walls/REX / Shutterstock / action press (32544h)
Steve McQueen and Lee H. Katzin on the set of ‘Le Mans’
VARIOUS – 1970

Besprechung am Set fuer Filmaufnahmen zum Klassiker Le Mans AB132008 076 *** Local Caption *** 00098020

Besprechung am Set fuer Filmaufnahmen zum Klassiker Le Mans
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Neben den privaten Verbandelungen der beiden Protagonisten geht das Buch detailliert auf die Dreharbeiten zu „Le Mans“ ein. Dabei kommen anders als in „French Kiss“ erstmals auch zwei Stuntmans zu Wort. Österreicher namens Erich Glavitza und Peter Huber, die für ein Zusatz-Honorar von 100.000 Dollar extra haarsträubende Stunts ausführen. Darunter eine Aktion, die intern als „Kuss mit der Leitplanke“ bekannt war. „Es ging darum, volles Rohr auf ein Sichtfenster mit dahinterstehender Kamera in der Leitplanke zuzuhalten. Das war absolute Millimeterarbeit, zumal das Auto ja nur leicht beschädigt werden durfte“, erinnert sich Huber. Beim finalen Zerstören der Autos saßen dann Puppen am Lenkrad, während die Promenadenmischungen – Lolas mit übergestülpten Porsche- und Ferrari-Karossen – mit Sprengstoff gefüllt ferngesteuert „ins Ziel“ gesteuert wurden.

Natürlich kommen in dem Buch auch die „echten“ Rennfahrer zu Wort – und das erstaunlich kritisch. Wie der Braunschweiger Porsche 917-Pilot Kurt Ahrens: „Das war so eine Art PR-Aktion für Le Mans. Von dem vielen Material war leider das meiste für die Tonne. Für uns Rennfahrer war der Film voller Macken. Du starrst einfach nicht auf der Geraden sekundenlang ins Gesicht des Konkurrenten gleichauf neben dir. Selbst die Aufnahmen von den Unfällen sind fehlerhaft, ein Witz, wenn ein Auto nach einem Riesencrash zum Stillstand kommt und sich noch eine halbe Minute lang ein Hinterrad dreht. Und dass McQueen seinen Kopf immer durchgesetzt hat und sich selbst gegenüber einem Star-Regisseur wie John Sturgess durchsetzte, hat dem Ganzen auch nicht gutgetan.“ In der Tat: Während für Sturgess, der sich mit dem Spruch „Ich bin zu alt und zu reich, um mir noch länger diese Scheiße anzutun“, bald zurückzog, eine Story über harte Männer und ihr Liebesleben vorschwebte, wollte McQueen eine Hommage an das größte Autorennen der Welt. Mit dem größten Schauspieler der Welt als Held im doppelten Sinne des Wortes.

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Trotz dieses Ego-Trips ließen die Profirennfahrer nichts auf den Hobbyrennfahrer Steve McQueen kommen. „Er war eigentlich einer von uns“, sagte Herbert Linge. Und David Piper, der als einziges reales Opfer des Films bei einem Crash ein Bein verlor, setzt noch drauf: „Er brannte für unsere Sache lichterloh, konnte endlos mit uns fachsimpeln. Wir merkten aber sehr rasch, dass die Handlung mager war, und hofften die ganze Zeit, dass irgendwann mal jemand mit einer zündenden Idee kommen würde.“ Die dann aber nie kam, es blieb bei einer mühsam, konstruierten Love-Story, kargen Dialogen und Blicken, die nach Überzeugung von McQueen jedoch „mehr Spannung bieten als diese ganze Quasselei.“

Man mag das mit 29,90 Euro fair gepreiste Werk kaum aus der Hand legen, so sehr hält es den Leser bei Laune. Da vergleichen Hans Hermann (Sieger von 1970) und der heutige Porsche Werksfahrer Mark Webber eine Runde in Le Mans aus der Sicht von 1970 und 2015. Da erfahren wir, was aus jenem 911 geworden ist, den McQueen in der Eingangssequenz über französische Landstraßen in die Stadt und schließlich an die Rennstrecke fährt. Oder aus dem Kamerawagen, einem offenen Porsche 908/2, der 1970 außer Konkurrenz im echten Rennen mitfuhr. Wir erfahren Details über die kriselnde Ehe des Womanizers McQueen, seine Asbestvergiftung, die 1980 zum frühzeitigen Tod mit 50 führte und die Stimmung in Solar Village, dem gleich neben der Strecke aufgeschlagenen Wohnwagen-Dorf der Filmcrew. Dort herrschte alles andere als Puritanismus, und der Schweizer Caterer Hans Arn verdiente sich mit täglich 350 Mittagessen und – an heißen Tagen – 6.000 Flaschen an Getränken. Dass McQueen nach Überdrehen eines Motors ein Startverbot für den Porsche 917 erhielt und für die Landung des mit einem Ersatzmotor einschwebenden Fliegers die kleine Landebahn von Le Mans mit Autoscheinwerfern ausgeleuchtet werden musste, findet ebenfalls Erwähnung. Sogar die quadratische Heuer Monaco am Handgelenk von McQueen – heute unter Sammlern von Chronographen eine Ikone – wird gebührend beleuchtet.

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So ist „Unser Le Mans“ eine treffliche Ergänzung zu „French Kiss“, zumal für des Englischen nicht so kundige Rennsportfans. Derek Bell, fünfmaliger Le Mans-Sieger und ebenfalls bei den Drehs dabei, findet die Story zwar auch dünn, „aber als Denkmal der 24 Stunden ist ‚Le Mans’ einfach großartig.“ Und David Piper, der auch mit einem Bein noch bis heute Gas gibt, pflichtet bei: „Die Schönheit des Films besteht für mich im Ungeschönten, in der Echtheit der Rennszenen, die nicht einfach im Studio beschleunigt werden mussten wie bei ‚Grand Prix’ von John Frankenheimer. Und in den Originalgeräuschen dieser Zwölfzylinder.

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Besonders lebt das Buch aber von den Erinnerungen Siegfried Rauchs. Der ist noch heute stolz darauf, mit dem Ferrari auf der Hunaudières-Geraden 330 km/h erreicht zu haben. Heute unfassbar, erschöpfte sich seine PS-Erfahrung doch bis dahin auf einen Porsche 356 Super 90 mit – wie das Kürzel schon sagt – 90 PS. Doch als alles im Kasten war, war Rauch dann doch erleichtert: „Nach diesem Film habe ich mich erstmal bekreuzigt. Ich war froh, dass ich das alles überstanden hatte.“

Unser Le Mans – Der Film, die Freundschaft, die Fakten
1. Auflage 2016, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-667-10462-5, 208 Seiten, Delius Klasing 22 x 28,8 cm, 66 Farbfotos, 66 Schwarz-Weiß-Fotos, 25 farbige Abbildungen, €29,90

Text: Autogefühl, Thomas Imhof
Fotos: Porsche, Verlag, Siegfried Rauch




2 Responses to Die Story über Siegfried Rauch und Steve McQueen in Le Mans

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