Neuer Fiat Tipo Test Stufenheck/Limousine 110 PS E-torQ

Der neue Fiat Tipo ersetzt den früheren Bravo, hat aber bis auf den Namen nichts gemein mit dem von 1988 bis 1995 in fast zwei Millionen Exemplaren gebauten Original. Wir fuhren den Tipo Viertürer mit 110 PS starkem Benzinmotor und Automatikgetriebe. Von Thomas Imhof

Die Stufenhecklimousine zielt auf mehr als 40 Länder in Europa, dem Mittleren Osten und Asien. Als Gemeinschaftsprojekt von Fiat Chrysler und dem türkischen Autobauer Tofaş wird sie im Tofaş-Werk Bursa gebaut. In der Türkei und einigen anderen Ländern heißt der Tipo Aegea, ein in Mexiko gebauter Ableger hört auf den Namen Dodge Neon. Das seit März auch in Westeuropa erhältliche Drei-Box-Modell erinnert an den fünf Zentimeter kürzeren Skoda Rapid, der jedoch rund 2.000 Euro höher ansetzt. Auch die „Rucksack“-Varianten von Ford Focus, Honda Civic oder Mazda3 zählen zum Konkurrenzumfeld. Nach dem Wegfall des Dacia Logan ist der neue Tipo Viertürer eine der günstigsten Möglichkeiten, ein speziell in Ländern wie Türkei, Portugal, Ungarn, Griechenland oder auch Irland noch immer beliebtes Modell im traditionellen „Rucksack“-Layout zu erstehen. In Deutschland startet der neue Fiat Tipo Stufenheck bei nur 13.990 Euro für die Version mit 95 PS starkem 1,4-Liter-Benziner.

Exterieur

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Das Design des 4,53 Meter langen Fiat Tipo Stufenheck ist streng theoretisch betrachtet ohne Fehl und Tadel, wenngleich uns speziell an der doch etwas austauschbaren Front die spezifische Fiat DNA fehlt. Gelungen sind dagegen die Proportionen. Designer lieben es, bei Stufenhecklimousinen den hinteren Überhang relativ lang zu gestalten, um so schon von außen einen großen Kofferraum anzudeuten. Ergänzt dann als Kontrast um einen knackig kurzen vorderen Übergang. Neben den fein ziselierten und an der Spitze chromierten Stäbchen der Grillmaske fallen die weit um die Ecken gezogenen Leuchteinheiten an Front und Heck auf. Die Chromspangen am Grill, am Kofferraumausschnitt und am unteren Rand der Seitenscheiben bleiben der Top-Ausführung Tipo Lounge vorbehalten. Ebenso die Nebelscheinwerfer mit integriertem Abbiegelicht. Aus versicherungstechnischen Gründen endet die Haube deutlich vor dem vorderen Abschluss – so halten sich die Reparaturkosten bei Bagatellunfällen in Grenzen. Die aufpreispflichtigen 17 Zoll Leichtmetallfelgen (Serie sind im Tipo Lounge 16 Zoll) setzen ebenso einen optischen Glanzpunkt wie das Night-Design der an Renault-Vorbilder erinnernden Rückleuchten. Insgesamt sieht der Fiat Tipo Stufenheck für einen Viertürer also weder langweilig noch schlecht proportioniert aus. Gleichwohl könnte es aber auch ein Kia, Citroën oder sonst etwas sein.

Interieur

Auf 2,64 Meter Radstand lässt sich eine Menge Platz für Passagiere und Gepäck unterbringen. Das beweist sehr überzeugend auch der neue Fiat Tipo Stufenheck. Auch auf der mit drei serienmäßigen Kopfstützen bestückten Rückbank finden große Menschen bequem Platz – die Kniefreiheit beträgt schließlich 93 Zentimeter. Nur die Kopffreiheit ist nicht grenzenlos – Folge der im hinteren Bereich doch deutlich abfallenden Dachlinie.

Der tief ausgeformte Kofferraum fasst 520 Liter, durch Umklappen der geteilten Rückenlehne ergibt sich eine 90 x 35 cm große Luke, aber auch eine recht steile Rampe. Immerhin bietet der Fiat Tipo Stufenheck so ein Plus an Variabilität. Ärgerlich ist die fehlende Griffmulde im Kofferraumdeckel – so sind bei Regenwetter dreckige Finger garantiert. Dafür schwingt der Heckdeckel bei Druck auf einen Knopf an der Fernbedienung von selbst auf. Dass Fiat bei diesem in einem extrem preissensiblen Umfeld antretenden Wagen an jedem Cent gespart hat, fällt dennoch auf. So führen die Kabel für die Rückleuchten und die beheizbare Heckscheibe offen neben den Scharnieren des Heckdeckels entlang, die Ladekante ist vor Kratzern ungeschützt und die Motorhaube wird mit einer altmodischen Stange aufgestellt. Die hintere Schottwand samt Hutablage ist in einem Stück aus einem komplett nackten Kunststoff gefertigt.

Der ist dafür extrem strapazierfähig, ebenso wie die Materialien im vorderen Bereich des Autos. Alles wirkt grundsolide verarbeitet, jedoch eher robust als allzu wertig. Bedenklich stimmte uns der Geruch beziehungsweise die Ausdünstungen der offenbar chemisch speziell behandelten Kunststoffe. Wie kritisch diese jedoch wirklich sind, könnte nur eine Spezialuntersuchung ergeben.

Ein Highlight des Interieurs sind dagegen die Sitze in einer Kombination aus Stoff und hellgrauem „Eco“-Leder – wie Fiat Kunstleder nennt. Dieses pflegeleichte und das Leben unschuldiger Schlachttiere schützende Material findet sich auch in den Türen wider. Die verströmen mit dem oberen, hübsch genarbten Oberteil und den Chromtürgriffen sogar einen Hauch Premium im Interieur. Einen Minuspunkt gibt es für die Gurtführung: Sie verläuft genau über den Hebel zur Neigungsverstellung der Sitzlehnen.

Die analogen Rundinstrumente liegen gut sichtbar vor dem in Höhe und Weite verstellbaren Multifunktions-Lenkrad (Lounge-Ausstattung). Die leicht nach vorne gezogene Mittelkonsole beherbergt gerade einmal vier Drucktasten – City-Modus für die Lenkung, Fernöffnung des Kofferraums, Zentralverriegelung und Warnblinkschalter. Weiter unten sitzen etwas verborgen die Tasten für die Sitzheizung, dazwischen ein 12 Volt-Anschluss und eine AUX und USB-Schnittstelle. Gut zu bedienen sind die fein einrastenden und gummierten Drehregler für die Heizungs- und Klimafunktionen.

Heute kaum noch vermittelbar ist das nur fünf Zoll große Display für das 830 Euro teure Navigationssystem und die Rückfahrkamera. Leider nur für die Schrägheck-Version bietet Fiat ein größeres Display à la Mercedes A-Klasse an. Das wird ans Armaturenbrett aufgesteckt statt in dasselbe integriert.

Die Übersichtlichkeit ist nur zur Seite wirklich gut. Die Haube fällt so stark ab, dass ihr vorderes Ende nur zu erahnen ist; das Heck baut hoch auf, hier hilft die Rückfahrkamera ebenso wie die für die 850 Euro mitgelieferten Abstandssensoren entscheidend.

Fiat bietet den Tipo Viertürer in drei Ausstattungsvarianten an: Pop, Easy und Lounge. Pop gibt es jedoch NICHT für die getestete Version mit 110 PS-Benziner und Automatik sowie den stärkeren der beiden Diesel. Diese Varianten werden automatisch schon mit der zweitbesten Linie ausgeliefert.

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Positiv jedoch, dass schon ab der Basisausstattung eine Klimaanlage serienmäßig ist. Sie umfasst

  • 15-Zoll-Stahlfelgen
  • in Wagenfarbe lackierte Stoßfänger
  • elektrisch unterstützte Servolenkung
  • Zentralverriegelung
  • elektrische Fensterheber vorn
  • Lenksäule in Höhe und Weite verstellbar
  • Rücksitzbank geteilt umklappbar
  • automatisch öffnende Kofferraumhaube
  • elektrisch verstell- und heizbare Außenspiegel
  • Klimaanlage
  • Entertainmentsystem UconnectTM Radio, MP3-Player und USB-/AUX-Anschluss
  • LCD-Display mit 3,5 Zoll Bildschirmdiagonale im zentralen Instrument
  • drei Kopfstützen hinten
  • sechs Airbags
  • Tagfahrlicht
  • Berg-Anfahrhilfe

Die mittlere Ausstattungsversion heißt Easy und kostet 1000 Euro Aufpreis. Sie umfasst zusätzlich

  • 16-Zoll-Stahlfelgen
  • verchromte Türgriffe
  • in Wagenfarbe lackierte Außenspiegelkappen
  • elektrische Fensterheber auch hinten
  • Lenkrad und Schaltknauf mit Lederbezug
  • Entertainmentsystem UconnectTM 5 Zoll mit Touchscreen
  • Bluetooth-Schnittstelle
  • Lenkrad-Fernbedienung für Radio und Freisprechanlage
  • automatisch abblendender Innenspiegel
  • Regen-/Lichtsensor an Bord

Die Topversion des auch von uns getesteten neuen Fiat Tipo Stufenheck heißt Lounge und will mit nochmals 1000 Euro extra bezahlt werden. Dafür bekommen Kunden zusätzlich folgende Features geboten

  • Chrom-Applikationen an der Grillmaske, unterhalb der Seitenfenster und an der Kofferraumklappe
  • 16-Zoll-Leichtmetallfelgen
  • Klimaautomatik
  • Geschwindigkeitsregelanlage
  • Nebelscheinwerfer mit Kurvenabbiegelicht
  • Armlehne zwischen den vorderen Sitzen

Zu den in unserem Testwagen installierten Extras zählten neben den erwähnten 17-Zoll-Leichtmetallfelgen in attraktiven Kontrastfarben die hintere Mittelarmlehne, die es als Paket mit einer elektrischen Lordosenstütze für den Fahrersitz gibt.

Motor

Wer einen frontgetriebenen Fiat Tipo Stufenheck in Deutschland ordern will, hat bei der Frage nach der Wunschmotorisierung nur die Wahl zwischen vier Antrieben

  • 1,4 Liter Benziner mit 95 PS und Sechsgangschaltgetriebe
  • 1,6 Liter E-torQ Benziner mit 110 PS, nur in Verbindung mit Sechsstufen-Wandlerautomatik
  • 1,3 Multijet-Diesel mit 95 PS und Fünfgangschaltgetriebe
  • 1,6 Multijet-Diesel mit 120 PS und Sechsgangschaltgetriebe

Die Kombination aus der von uns getesteten Sechsstufen-Wandlerautomatik und dem 1,6-Liter-Aggregat ist nicht die glücklichste. Der im brasilianischen Werk Campo Largo gebaute E-torQ-Motor wird in den unteren Gängen oberhalb von 3.500 U/min ungebührlich laut, und die Automatik schaltet recht behäbig dazu. Unverständlich, dass sie zum Beispiel beim Gaswegnehmen noch sekundenlang die Drehzahl hält statt sie abzusenken. Auf der Autobahn hingegen gibt sich der komplett in Aluminium gegossene SOHC-Motor leise, dreht bei Tacho 130 nur noch 3.000 Mal in der Minute, bei Tacho 150 sind es dann 3.500/min. Etwas mühsam schwingt sich der lang übersetzte Fiat Tipo Stufenheck auf eine Spitze von 190 km/h auf. Der Verbrauch des mit 1.280 Kilo relativ leichten Autos lag im gemischten Betrieb mit 7,5 Liter /100 km, bei reiner Autobahnfahrt und Tempo 130/140 erreichten wir sogar Verbräuche von 6,6 Liter/100 km. Dann fühlt sich das Auto auch am besten an, zumal Windgeräusche und andere akustische Störquellen nicht ins Gewicht fallen.

Wir können dennoch diese in der Hatchback Variante von Fiat gar nicht erst angebotene Variante nicht empfehlen. Wer nicht unbedingt auf einen Selbstschalter angewiesen ist, sollte zu einem der anderen drei Motoren greifen. Oder doch gleich zum Fünftürer wechseln, für den Fiat demnächst eine mit dem 1,6-Liter-Turbodiesel verschwisterte DSG-Automatik einführen wird. Dazu gibt es den „Hatch“ auch mit einem schon 120 PS starken Einstiegs-Benziner.

Fahrverhalten

Mit einer an Zugstreben geführten hinteren Verbundlenkerachse und einer McPherson-Federbeinvorderachse bietet der neue Fiat Tipo Viertürer nur ein durchschnittliches Rüstzeug für ein sportlich-agiles Fahrwerk.

Die Feder/Dämpfer-Abstimmung ist denn auch eher kommod denn übermäßig straff. Lange Wellen werden gut geschluckt, kürzere schon mühsamer, vor allem bei langsamer Fahrt.

Die Lenkung spricht aus der Mittellage ausreichend spontan an und vermittelt genügend Kontakt zur Fahrbahn. Die Seitenneigung des Aufbaus hält sich in Grenzen und auch sonst dürfte das Handling den durchschnittlichen Fiat Tipo-Fahrer vor keine großen Probleme stellen. Der Geradeauslauf im Hochgeschwindigkeitsbereich dagegen wirkt auf uns nicht ganz optimal.

Eine typisches Fiat Features ist der Schalter für den City-Modus der Lenkung – sehr hilfreich, wenn man beim Einparken einmal kräftig kurbeln muss. Aber auch im Normal-Modus fällt die elektrisch unterstützte Servolenkung nicht durch besondere Schwergängigkeit auf.

Fazit

Das größte Plus des Fiat Tipo Viertürers ist sicher sein selbst in den gehobenen Varianten günstiges Preis-/Leistungsverhältnis. Das billigste Modell kostet nur 13.990 Euro; ein E-torQ-Modell in Lounge Ausstattung bringt es auf 18.890 Euro. Die im Testwagen verbaute Sitzheizung kostet 250, der Metalliclack 500, die hintere Mittelarmlehne plus der Lordosenstütze für den Fahrersitz 150 Euro, das so genannte Tech-Paket 830 Euro und die 17-Zoll-Alus 400 Euro. Macht unterm Strich 21.020 Euro.

Wer keine gehobenen Ansprüche an das Design und eine Premium-Anmutung hegt, findet im Fiat Tipo Viertürer durchaus viel Auto fürs Geld. Mit dem Tipo Stufenheck füllt Fiat im Grunde eine von Dacia aufgegebene Nische aus. Und konkurriert nun dort, wo vor einiger Zeit noch Skoda und die Koreaner aktiv waren.

Dennoch werden in Deutschland der Kombi und der Fünftürer weitaus mehr Kunden finden. Zumal Fiat für die 1.000 Euro teurere Schrägheckvariante praxistauglichere Motorisierungen/Getriebe auffährt. Der Kombi folgt im Herbst, auf ihn sind wir durchaus gespannt.

Dass Fiat für das sich vor allem über seinen Preis definierende Modell die Bezeichnung Tipo gewählt hat, empfinden wir jedoch bedauerlich. Das erinnert an die fast schon ehrabschneidenden Bezeichnungen Lancia Thesis (für einen Chrysler 300M) oder Lancia Flavia (für ein Chrysler Cabrio). Der zwischen 1988 und 1995 in fast zwei Millionen Exemplaren gebaute Original-Tipo war zwar auch ein Rost-Opfer wie so viele Italiener jener Zeit. Doch mit seinem eckigen Design und der originellen Seitenlinie eine kleine Design-Ikone unter den Kompakten. Das jedenfalls wird der neue Tipo sicher nicht werden – doch er hat seine eigenen Stärken.

Abmessungen

Länge: 4,53 Meter

Breite: 1,79 Meter

Höhe: 1,50 Meter

Radstand: 2,63 Meter

Gewicht: 1.280 kg

 

Autogefühl: ***

 

Text: Autogefühl, Thomas Imhof

Fotos & Kamera (Video): Autogefühl, Thomas Majchrzak

 

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