Opel Ampera-e Test: Reichweite wie bei Tesla?

Der neue Opel Ampera-e ist das erste reine Elektrofahrzeug des Herstellers. Es verspricht eine Reichweite von 520 Kilometern und kommt damit außerhalb der Luxus-Kategorie erstmals an Reichweiten-Werte wie bei Tesla heran. Wie der realistische Reichweiten-Wert ist und was der neue Opel Ampera-e ansonsten bietet, erklären wir in unserem Fahrbericht. Ferner erläutern wir die Unterschiede zum VW e-Golf und BMW i3. Von Thomas Majchrzak & Michel Weigel

Schon weit vor der Übernahme durch PSA hatte der deutsche Automobilhersteller zusammen mit dem damaligen Mutterkonzern GM das erste reine Elektrofahrzeug geplant, den Opel Ampera-e. Dieser ersetzt den ersten Opel Ampera, welcher ein Plug-In-Hybrid und baugleich mit dem Chevrolet Volt war. Die neue Fahrzeuggeneration baut auf einer neuen Elektroauto-Plattform auf und ist weitgehend baugleich mit dem Chevrolet Bolt. Ein Aspekt scheint dabei besonders im Vordergrund zu stehen: die Reichweite. Bis zu 520 Kilometer sollen rein elektrisch möglich sein, damit schlägt der Opel auf dem Papier den e-Golf und einen BMW i3, die je 300 Kilometer auf dem Papier aufweisen. Stattdessen ähnelt dieser Wert einem Tesla Model X oder S. In unseren Elektroauto-Tests hat sich bisher ergeben, dass man für realistische Alltagswerte in der Regel ein Drittel der Reichweite abziehen kann, aber selbst dann ergäben sich beim Opel Ampera-e wie bei den teuersten Batterie-Varianten von Tesla noch effektive 350 km.

Lange war es ein gut gehütetes Geheimnis, nun ist es offiziell: Der Opel Ampera-e kostet gut 39.000 Euro. Zum Vergleich: VW e-Golf und BMW i3 liegen jeweils um die 35.000 Euro. Davon kann man dann in Deutschland die 4.000 Euro Elektroprämie noch jeweils abziehen. Von den Außenmaßen zählt der Opel Ampera-e mit 4,16 m noch zur Kleinwagen-Klasse, aber die Innenmaße entsprechen eher der Kompaktwagen-Klasse.





Exterieur

Die Front des neuen Opel Ampera-e zeichnet zwei Flügel, die jeweils in Richtung Frontleuchten führen. Darüber hinaus wird der vordere Teil durch eine Designlinie symmetrisch halbiert. Die Leuchten sind eher kantiger gehalten. Eine LED-Option sucht man vergebens, dafür ist Bi-Xenon Standard. Besonders ist, dass der Übergang in das Seitenprofil nahtlos verläuft. Diese schwarze Profil-Linie zieht sich von den Scheinwerfern durch bis ans Heck, sie trennt damit optisch den unteren Teil des Fahrzeugs und das Dach. Somit kann man dann von einem „fliegenden Dach“ sprechen. Im Profil erkennt man ebenfalls, dass sich die Seitenfenster verjüngen, je weiter man sich dem hinteren Teil des Opel Ampera-e nähert. Ob dies große Auswirkungen auf die Übersicht haben wird, verraten wir später. Allgemein misst das Fahrzeug 4,16 Meter und gehört damit zum Kleinwagen-Segment. Im Vergleich zum Volkswagen e-Golf ist der Opel Ampera-e um 10 cm kürzer. Ein BMW i3 ist dagegen nochmals 16 cm kürzer als der Ampera-e. Mit Blick auf die Bereifung gibt es nur 17 Zoll Felgen. Das Heck wirkt ein wenig verspielt und hinterlässt einen futuristischen Eindruck. Besonders das einzigartige Design der Rückleuchten trägt dazu bei. Im unteren Drittel befindet sich eine leichte Wölbung.

Das Gewicht beträgt übrigens gut 1.600 kg, ähnlich wie beim e-Golf. Der BMW i3 ist dagegen mit seinem Kohlefaser-Chassis 300 kg leichter. Beim Opel Ampera-e fallen 430 kg Gewicht auf die Batterie im Fahrzeugboden, insofern wird auch klarer, wie der Schwerpunkt des Fahrzeugs so niedrig liegen kann.

Die hier gezeigte Farbe: Glory Red / Karmin Rot.

Interieur

Im Innenraum versucht der neue Opel Ampera-e, modern zu wirken, ohne seine Kunden zu überfordern. Da wäre zuerst das zweifarbige Design des Armaturenbrettes und der Türinnenseiten. Der serienmäßige 10,2-Zoll-Infotainmentscreen schwebt zwar nicht wie beim BMW i3 über dem Cockpit, sondern ist in die Mittelkonsole integriert. Wireless Charging, also kabelloses Aufladen des Smartphone, ist serienmäßig mit an Bord. Android Auto und Apple CarPlay zählen zur Serienausstattung. Opel OnStar ist ebenfalls dabei. Die Bedienung des Infotainmentsystems ist deutlich intuitiver als beim i3, doch der VW e-Golf bleibt weiterhin an der Spitze. Die Instrumente sind immer digital, ein 8-Zoll-Screen teilt hier die wichtigsten Infos mit.

Allgemein ist die Verarbeitungsqualität solide und muss sich nicht verstecken. Nichtsdestotrotz ist die Konkurrenz vom BMW und VW ein Ticken überzeugender, Nissan Leaf und Renault Zoe liegen dagegen gleichauf oder teilweise dahinter. Die Sitze im Opel Ampera-e weisen auch die angesprochene Zweifarbigkeit auf und kommen serienmäßig mit Stoff. Des Weiteren gibt es im Winterpaket ein beheizbares Lenkrad. Unser Testwagen zeigt als First Edition die in einem Elektroauto sinnfreien Tierhaut-Sitze, die das nachhaltige Fahrzeugkonzept konterkarieren.

Das Platzangebot ist sehr überzeugend, und in der Tat hat der Opel Ampera-e das Platzangebot eines Kompakt-Wagens. Der Grund für das bessere „Package“ ist, dass aufgrund des vergleichsweise kleinen Elektromotors, der Sandwich-Bauweise der Batterien im Unterboden und des fehlenden Mitteltunnels mehr Platz im Cockpit zur Verfügung steht und der gesamte vordere Teil sich nun eher auf der Vorderachse befindet. Davon profitieren insbesondere die Passagiere in der zweiten Sitzreihe. Vier Menschen bis zu einer Größe von 1,85 m können problemlos Platz nehmen. Des Weiteren lässt sich die Rückbank im 40:60 Format umklappen. Der Kofferraum bietet Platz für einen Wochenendausflug, das Volumen beträgt 381 bis 1.274 Liter. Negativ fällt uns lediglich auf, dass die Vordersitze keine große Sitzauflagefläche für größere Menschen bieten.

Mit Blick auf Assistenzsysteme verfügt der Opel Ampera-e serienmäßig über eine automatische Gefahrenbremsung, welche ab 8 und bis zu 80 km/h das Fahrzeug in einer Gefahrensituation autonom bremsen kann – top! Des Weiteren gibt es einen Spurassistenten, einen Toten-Winkel-Warner und eine Rückfahrkamera.

Motoren

Im Fokus des ganzen Fahrzeuges steht die Batterie mit einer Energiemenge von 60 kWh. Auf die Batterie gibt Opel 8 Jahre Garantie. Zum Vergleich: e-Golf und i3 haben eine 40 kWh starke Batterie. Die offizielle Reichweite des Ampera-e beträgt bis zu 520 Kilometer, im Test konnten wir effektiv Werte zwischen 300 und 400 Kilometer erreichen, die errechneten 350 km kommen also hin. Die Leistung des Elektromotors beträgt 204 PS, die maximale Geschwindigkeit 150 km/h. Von 0 auf 100 km/h geht es schon flott in 7,3 Sekunden, wobei die Beschleunigung auf 50 km/h für die Stadt natürlich viel entscheidender ist, diese beträgt 3,2 Sekunden. Und an der Ampel kann man tatsächlich Sportwagen abhängen.

Wie jedes Elektrofahrzeug lässt sich auch der Opel Ampera-e an einer Haushaltssteckdose aufladen. Laut dem Hersteller soll ein halbe Stunde für 6 Kilometer Reichweite sorgen, was ggf. nicht schnell genug ist. Besitzt man Zuhause eine Ladestation mit Typ2-Ladekabel, so verdoppelt sich die Ladegeschwindigkeit auf 12 Kilometer je 30 Min. An öffentlichen Schnellladestationen sollen gar 150 Kilometer innerhalb von 30 Minuten „getankt“ werden können. Besonders das Aufladen an der heimischen Steckdose wirkt auf den ersten Blick langwierig, doch wenn man bedenkt, dass laut Opel ein Fahrzeug im Schnitt 60 km/Tag gefahren wird, sollte das Laden über Nacht selbst über den normalen Schuko-Stecker ausreichen. Komfortabler ist es natürlich langfristig, sich eine Wallbox zu Hause installieren zu lassen. In der Regel betragen die Kosten dafür ca. 900 Euro für die Wallbox und ca. 500 Euro für die Elektroinstallation.

Fahrverhalten

Wie bei jedem Elektroauto überzeugt zunächst die Stille: Gerade im Stadtverkehr kann man es genießen und fährt wesentlich entspannter. Bei Fahrzeugen überwiegt das Reifen-Roll-Geräusch ca. ab 30 km/h das Motorgeräusch, insofern spielt dieser Effekt bei höheren Geschwindigkeiten keine Rolle mehr. Bis 30 km/h ist standardmäßig übrigens auch ein künstlicher Sound aktiv, der Fußgänger auf ein heranrollendes Elektroauto aufmerksam macht. Opel hat diesen Ton mit Blinden-Verbänden entwickelt, damit insbesondere Sehgeschädigte den Ton als künstlich wahrnehmen und diesen einem Elektroauto zuordnen können. Derzeit kann man den Ton noch deaktivieren, er wird aber vermutlich bald gesetzlich verpflichtend.

Sportlich ist die Beschleunigung, weil ein Elektromotor das volle Drehmoment immer sofort zur Verfügung stellt. Obwohl der Opel Ampera-e also keineswegs sportlich aussieht, überzeugt er mit einem freudigen Fahrverhalten. Denn der Schwerpunkt liegt aufgrund der im Fahrzeugboden verbauten Batterien sehr niedrig, und die fixe Beschleunigung durch den Elektromotor ergänzt diese Dynamik. Ganz so sportlich abgestimmt wie ein BMW i3 ist der Opel Ampera-e nicht, das Fahrwerk hat den klaren Schwerpunkt beim Komfort. Das geht aber für dieses Fahrzeugkonzept in Ordnung.

Zentraler Punkt beim Fahren eines Elektroautos ist ferner die Rekuperation. Beim VW e-Golf kann man frei segeln, ohne zu rekuperieren, dann über die Bremse auf Bedarf rekuperieren, aber auch Rekuperations-Stufen einstellen. Beim Kia Soul EV rekuperiert der normale Fahrmodus leicht, sobald man vom Gas geht, man kann aber auch über die Bremse rekuperieren. Bei BMW i3 und bei den Tesla Modellen ist das Bremssystem hingegen separat zu sehen, man kann hier nicht über die Bremse rekuperieren, sondern nur über die verschieden starken Rekuperations-Modi. Dieses Konzept begünstigt die Philosophie des One-Pedal-Drivings. Hierbei beschleunigt und bremst man das Fahrzeug also im Wesentlichen nur mit einem Pedal.

Der Opel Ampera-e hat für die Rekuperation verschiedene Modi. In Drive oder D erfolgt eine gemäßigte Rekuperation bei Wegnahme des Gaspedals, über das linke Lenkrad-Paddle kann man zusätzlich stärker rekuperieren, sozusagen eine Rekuperations-Handbremse am Lenkrad. Eine witzige Idee. In der Tat ist so noch schnell mal eben ein wenig rekuperiert, als würde man mit dem Fuß vom Gaspedal auf die Bremse wechseln. Denn über die Bremse kann ebenfalls rekuperiert werden wie bei VW und Kia. Im Fahrmodus L kann man sich die Rekuperation noch stärker einstellen, L mit Lenkradwippe ziehen wäre dann die stärkste Rekuperation.

Insgesamt vermittelt der Opel Ampera-e ein modernes, ruhiges Fahrverhalten, ist aufgrund der hohen Sitzposition und dem guten Blick hinaus auch ein gutes Reiseauto – mit minimalen Abmessungen aber ordentlichem Platzangebot im Innern.

Abmessungen

Länge: 4,16 m
Breite: 1,76 m
Höhe: 1,59 m
Radstand: 2,60 m
Leergewicht: 1.624 kg

Fazit: Der neue Opel Ampera-e setzt einen neuen Maßstab im Verhältnis von Preis und Reichweite. Die Reichweite ist hier so hoch wie bei Tesla, aber das Fahrzeug kostet nur ein Drittel. Sicher hätten sich viele einen noch günstigeren Preis erhofft, insofern wird die große Revolution ausbleiben. Dennoch ist der Ampera-e ein neuer ernst zu nehmender Konkurrent auf dem bislang kleinen Markt der Elektroautos, der zeigt, wo die Reise hingeht. Möglichst viel Platz auf wenig Raum und ein sportliches Fahrverhalten statt ein biederes Elektroauto. In Norwegen gibt es schon 4.000 Vorbestellungen, so viel kann Opel zunächst gar nicht ad hoc ausliefern. Als weitere Märkte folgen Deutschland, Niederlande und Schweiz.

Text: Autogefühl, Thomas Majchrzak & Michel Weigel
Fotos: Autogefühl, Thomas Majchrzak
Video: Autogefühl, Jonas Bomba


3 Responses to Opel Ampera-e Test: Reichweite wie bei Tesla?

  1. […] AutogefühlOpel Ampera-e Test: Reichweite wie bei Tesla?Der neue Opel Ampera-e ist das erste reine Elektrofahrzeug des Herstellers. Es verspricht eine Reichweite von 5… […]

  2. Paul GOVAN says:

    Three English language corrections for the tester:
    1) in English we talk about “regenerative braking NOT “recuperation” ! “Regen” and “regen braking are also good – but never “recuperation”!
    2) we don’t use the word “sailing” for free-wheeling but COASTING.
    3) we don’t talk about “loading” but charging or recharging !
    4) not “fixations” but FIXTURES please !
    Ansonsten…a very good review.

    Paul G
    Editor Electric Vehicles UK(EVUK)

  3. […] hat, ist bisher erst ein anderer Hersteller an die elektrische Reichweite herangekommen, und zwar Opel mit dem Ampera-e, nämlich 350 km in Realität (520 km auf dem Papier). Das Tesla Model S bewegt sich natürlich in […]

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