Porsche 911 Targa 4S Testbericht

Porsche 911 Targa 4S in Anthrazitbraunmetallic, Foto: Autogefühl

Auf der NAIAS in Detroit musterte sich der neue Porsche 911 Targa als einer der Stars. Der Targa steht für ein scheinbar überholtes Konzept mit überflüssigem Bügel hinter dem Cabrioverdeck, der aber schick zur Fahrzeugfarbe kontrastiert und einiges an Heritage mitbringt. In der Welt der Luxussportwagen ist eben das erlaubt, was gefällt. Und es lassen sich durchaus mehr als Design-Vorzüge des Targa-Bügels finden. Ein exklusiver erster Fahrbericht eines modernen Klassikers. Von Thomas Majchrzak

Es ist schon mutig, was Porsche macht: Da geht der Cabriomarkt überall zurück, und Porsche schießt ein Modell mit offenem Dach hinterher, das sogar exklusiver ist als ein normales Cabrio. Auch Porsche verzeichnete im vergangenen Jahr weltweit einen leichten Rückgang beim Cabrioanteil, es sollen etwa drei bis vier Prozent sein. Wenn man allerdings genauer auf die Zulassungszahlen in Deutschland schaut, sieht man, dass Porsche (nur zusammen mit Jaguar) den Anteil an Cabriozulassungen zumindest hierzulande steigern konnte – ganz gegen den Trend. Cabriofahren ist Lebensgefühl, und warum dann auch nicht, wenn man schon in einem hochpreisigen Segment ist?

Autogefühl mit dem neuen Porsche 911 Targa 4S, Foto: Ralf Henningsen

Autogefühl mit dem neuen Porsche 911 Targa 4S, Foto: Ralf Henningsen

Zumal nun zum ersten Mal die klassische Targa-Idee mit modernem Öffnungs-Komfort verbunden ist. Bei alten Targa-Modellen war es doch etwas aufwändiger, zwischen offen und geschlossen zu wechseln. Beim neuen Porsche 911 Targa ist das Stoff-Dachteil vor den Bügeln elektrisch zu bewegen, und trotz des elektrischen Mechanismus gibt es hinter dem Bügel eine umlaufende Glasscheibe. Daraus ergibt sich eine sehr ungewöhnliche und interessante Funktionsweise des Öffnungs- und Schließprinzips. 19 Sekunden dauert der Vorgang.

Porsche 911 Targa 4S mit dem markanten Bügel, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S mit dem markanten Bügel, Foto: Autogefühl

Noch bevor wir losfahren, öffnen wir natürlich das Dach und lassen ein wenig italienische Sonne hinein. Wir werfen den Motor der S-Version an, des Porsche 911 Targa 4S. Was direkt auffällt: Der Boxermotor klingt richtig gut, deutlich besser als ein eher heulender Turbo. Von außen fällt die bei der S-Version serienmäßig vierflutige Auspuffanlage auf.

Porsche 911 Targa 4S 20-Zoll-Felgen, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S 20-Zoll-Felgen, Foto: Autogefühl

Im Innenraum hört man das Aggregat tatsächlich besser, wenn die Glashaube geschlossen ist. Aber das wollen wir hier nicht tun. Wir möchten den Spirit des Targa erleben. Ein Tritt aufs Gaspedal, und der Boxer mit Bügel zieht in bekannter Porsche-Manier los. Das Doppelkupplungsgetriebe ist ein Genuss, man spürt regelrecht die technische Perfektion. Die Verarbeitung des Innenraums zielt ebenfalls in diese Richtung: Viele schnurgerade Linien, die mit Kontrastnähten verziert sind. Eine Augenweide. Einziges kleines Manko, das auch nur auffällt, weil sonst alles mehr als perfekt ist: Die Haptik des Blinkers, wenn man den Widerstand zum Blinken überwinden muss, fühlt sich nicht so high class an wie der Rest.

Das Highlight ist hingegen das Fahrwerk: Obwohl es einerseits knüppelhart ist und jede Art von Kurvenräubern erlaubt, bügelt es Wellen und Seitwärtsrillen hervorragend aus. Nur bei Schlaglöchern schlägt der sportige Unterbau etwas negativ zu Buche.

Porsche 911 Targa 4S Heck mit vierflutiger Auspuffanlage, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S Heck mit vierflutiger Auspuffanlage, Foto: Autogefühl

Wenn es auf langen Strecken unbequem liegt, dann liegt das eher an den Sportsitzen, zumindest auf der Fahrerseite. Der ist dort gefühlt etwas abgepolstert, also mehr Richtung Sport denn Komfort ausgelegt. Der Beifahrersitz ist hingegen deutlich bequemer, auch wenn sie beide identisch aussehen. Zumal man als Beifahrer ganz nach hinten rücken kann mit dem Sitz.

Die Lenkung könnte nicht direkter sein, und nach ein paar Kilometern fühlt man sich eins mit dem Lenkrad, mit dem Fahrwerk, mit dem Motor und mit der italienischen Sonne, die durch die Targa-Luke scheint.

Porsche 911 Targa 4S Blick durch die Glaskuppel, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S Blick durch die Glaskuppel, Foto: Autogefühl

Durch die nach oben gewölbte Scheinwerfer-Designlinie vorn und die strahlenden Targa-Bügel dürfen wir uns fühlen, als seien wir in dem Klassiker von einst unterwegs, und genießen gleichzeitig die Annehmlichkeiten und die überragende moderne Technik. Die Sitzkühlung zum Beispiel, für besonderes heiße Sommertage, funktioniert großartig: Sie braucht nicht erst groß anlaufen, sondern schiebt sofort kühle Luft hinaus. Da wäre vor gut 50 Jahren noch gar nicht dran zu denken gewesen.

Porsche 911 Targa 4S Cockpit, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S Cockpit, Foto: Autogefühl

Der Anteil der offenen Fahrzeuge bei Porsche lag bei der ersten Einführung des Targa 1965 auf der IAA bei gut 17 Prozent. Der eigentliche erste Grund für die Entwicklung war, dass in den USA keine Cabrios ohne Überrollschutz mehr erlaubt waren. Also entwickelte man ein Cabrio mit Überroll-Bügel. Schnell wurde dieser zu einem gestalterischen Element und diente vorwiegend dem Design. 1967 kam der erste Targa auf den Markt. Und schon in den 1970er Jahren lag der Anteil des Targa in der 911er Baureihe bei gut 40 Prozent!

1996 verschwand der Bügel zunächst, mit der Baureihe 993 kam eine durchgehende Glasfläche mit seitlich durchlaufenden Holmen. Etwa zwei Jahre lang gab es zuletzt keinen Targa, nun ist der Bügel zurück. Allein im Jahr 2013 setzte Porsche weltweit übrigens 30.200 Stück der Porsche 911 Baureihe ab; in der ganzen Geschichte waren es bisher 853.000 Stück. Und bis heute ist immerhin jeder zehnte 911er ein Targa.

Porsche 911 Targa 4S Cockpit, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S Cockpit, Foto: Autogefühl

“Die Idee des Targa ist nicht überholt, nur reifer geworden“, so August Achleitner, Leiter der 911er-Baureihe. Im Vergleich zum Cabriolet spricht der 911 Targa Kunden an, die ein höheres Sicherheitsbewusstsein haben und im Zweifelsfall eher das Coupé kaufen würden anstatt ein Cabrio, so Achleitner. Daher werde der Targa auch nur mit Allradantrieb angeboten, das passe in das Sicherheits-Schema.

Sinn und Zweck heutzutage: Der Porsche 911 Targa soll den Fahrspaß eines Cabrios bieten, aber die guten Windeigenschaften und die Sicherheit eines Coupés. So fährt zum Beispiel ein integrierter Windabweiser an der Frontscheibe heraus – der im Test übrigens sehr gut funktionierte. “Ein Auto für die italienischen Moment im Leben”, so Porsche-Sprecher Thomas Becki. Auf der Nachteil-Seite steht das höhere Gewicht, der Targa ist 40 kg schwerer als das Cabrio und 110 kg schwerer als ein 911er Coupé.

Porsche 911 Targa 4S Interieur, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S Interieur, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S Sportsitze, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S Sportsitze, Foto: Autogefühl

Das moderne Cabriolet ist durch den ausfahrenden Überrollschutz zwar nicht wirklich unsicherer als der Targa, aber ein gewisses subjektives Sicherheitsplus bleibt mit dem Bügel im Nacken. Wenn man im Auto sitzt und hinter sich die Kuppel spürt, fühlt man sich im weitesten Sinne geborgener als im Cabrio und dadurch sicherer. In puncto Windeigenschaften können wir die Porsche-Argumentation nicht ganz nachvollziehen, denn ab 70 km/h pfeift es doch jeweils an der Kante des Targa-Bügels – ob hier der Wind wirklich besser abgewiesen wird als beim Cabrio, bleibt zu bezweifeln. Ferner lässt sich das Dach lediglich im Stand öffnen und schließen, weil dabei das hintere Bremslicht teilweise verdeckt wird und die Konstruktion ja durchaus einiges wiegt. Allerdings ist es möglich, von der Terrasse der Eisdiele aus mit dem Schlüssel schon mal per Funk den Mechanismus anzuwerfen.

Porsche 911 Targa 4S Interieur, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S Interieur, Foto: Autogefühl

Während der neue Porsche 911 Targa sich dem historischen Erbe des Klassikers von 1965 bedient, herrscht die engste technische Verwandtschaft mit den 911 Carrera 4 Cabrio. Den Targa gibt es wie erwähnt ausschließlich mit Allradantrieb.

Porsche 911 Targa Motoren / Varianten

Porsche 911 Targa 4
3,4-Liter-Boxermotor mit 350 PS – 4,8 Sek. von 0 auf 100 km/h, Tempo max. 282 km/h. Angegebener Verbrauch: 9,5 l / 100 km.

Porsche 911 Targa 4S (hier die Beschleunigung mit Launch Control im Video)
3,8-Liter-Boxermotor mit 400 PS – 4,4 Sek. von 0 auf 100 km/h, Tempo max. 296 km/h.
Angegebener Verbrauch: 10 l / 100 km.

Porsche 911 Targa 4S, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S, Foto: Autogefühl

Zu den Händlern kommen die Targas am 10. Mai 2014, wobei gut 109.300 Euro für den Targa 4 und 124.000 Euro für den Targa 4S anfallen. Dass bei diesen Preisen Extras wie die Sitzkühlung und die Klappen-Auspuff-Taste nicht sofort enthalten sind, sondern extra bezahlt werden wollen, lässt uns etwas die Stirn runzeln.

Porsche 911 Targa 4S, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S, Foto: Autogefühl

Abgesehen von den 50 PS mehr, den 0,4 Sekunden weniger bei 0 auf 100 und dem Preis unterscheiden sich Targa 4 und Targa 4S wie folgt, der Porsche Targa 4S bietet zusätzlich:

– eine vierflutige anstatt eine zweiflutige Abgasanlage
– das Porsche Torque Vectoring, also z.B. Optimierung des Drehmoments an den kurvenäußeren Rädern (optional beim Targa 4)
– 20-Zoll-Felgen anstatt 19 Zoll (optional beim Targa 4)
– 10 mm Tieferlegung
– 6-Kolben-Festsattelbremsen anstatt 4 Kolben
– Bremsscheiben vorne 10 mm größerer Durchmesser
– Bremssättel in rot (statt schwarz)
– Drehzahlmesser in silber (statt schwarz)

Der in beiden Versionen optionale Auspuffklappen-Knopf hat übrigens einen spektakulären Effekt: Er verdoppelt gefühlt die Lautstärke und lässt den Porsche 911 Targa so richtig rassig brüllen. Wenn man drin sitzt, eine Freude, für Außenstehende und Anwohner sicher nicht. Aber durch diese Ausstattung kann es sich begeben, dass ein Targa 4 mit Sound-Button lauter brüllt als ein Targa 4S ohne.

Porsche 911 Targa 4S in Anthrazitbraunmetallic, Foto: Autogefühl

Porsche 911 Targa 4S in Anthrazitbraunmetallic, Foto: Autogefühl

Fazit: Die klassischen Tugenden des 911er sind als Grundzutaten vorhanden, die Sportlichkeit begeistert und man würde sich wünschen, hinter der nächsten Kurve wartet der Abzweig auf die nächste Rennstrecke. Der Fokus liegt klar mehr auf den Racing-Fähigkeiten als bei den Vorzügen als exklusiver Cruiser. Über den Sinn des Targa-Bügels kann man streiten, aber in einem Punkt sind sich doch alle einig: Er sieht einfach klasse aus. Und mit der Verbindung der Glaskuppel hat der neue Porsche 911 Targa wieder einen ganz eigenen Charakter, nicht wie die direkten Vorgängermodelle, sondern wie die ursprünglichen. Die Konstruktion vereint zwar durchaus einige Nachteile, aber macht den Porsche 911 Targa 4 oder 4S zu einem Auto, das nicht viele bauen können: Ein Automobil, das schon ein Klassiker ist, bevor es einen Kilometer gelaufen hat.

Autogefühl mit dem neuen Porsche 911 Targa 4S, Foto: Ralf Henningsen

Autogefühl mit dem neuen Porsche 911 Targa 4S, Foto: Ralf Henningsen

Autogefühl: *****

Text/Fotos/Video: Autogefühl, Thomas Majchrzak


5 Responses to Porsche 911 Targa 4S Testbericht

  1. […] AutogefühlPorsche 911 Targa 4S Testbericht – erste Ausfahrt mit dem neuen Bügel-KönigAutogefühl – das Auto Blog! http://www.autogefuehl.de Auf der NAIAS in Detroit musterte sich der neue Porsch… […]

  2. Christian says:

    Beautiful car – what colour is this? Thanks.

  3. Autogefühl says:

    Hey,

    that’s anthracite brown metallic!

    All the best

    Thomas

  4. […] dem Launch der neuen Designspitze Porsche 911 Targa 4S hat Porsche im Frühjahr die neuen Top-Modelle der kompakten Baureihe vorgestellt, Porsche Boxster […]

  5. […] mit Cabrios in Deutschland am meisten Gewinn macht. In diesem Jahr ist auch eine Neuauflage des Porsche 911 Targa […]

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