Bentley Continental GTC W12 im Test

Wo liegt das Ende der Fahnenstange? Es ist wahrscheinlich eine britische Fahne, die zwar letztlich seit 1998 Deutschen gehört, aber im Stil dennoch unverkennbar bleibt. Der Bentley Continental GTC W12 zählt zweifelsohne zu den unglaublichsten Cabriolets, die man überhaupt fahren kann. Und wir teilen gerne unsere Eindrücke – mit all den britischen Stärken und Schwächen. Von Thomas Majchrzak

Kein Mensch braucht 6 Liter Hubraum und einen 12-Zylinder. Auch Luxus-Autos sollten umweltschonende Techniken bieten. Das vorab gesagt und in der Hoffnung, dass sich die Hersteller das auch zu Herzen nehmen. In den folgenden Zeilen schalten wir den Verstand dann teilweise ab und geben uns dem Automobilgenuss der alten Schule hin.

Die erste Generation des Bentley Continental GT lief von 2003 bis 2011, die aktuelle Version fährt seit 2011, wobei man dabei nicht im klassischen Sinne von einer neuen Generation sprechen kann – die Überarbeitung fiel eher im Rahmen eines Facelifts aus. Exterieur und Interieur wurden leicht abgeändert, dazu gab es neue Motoren, wie etwa auch einen “sparsameren” V8. Der Zwölfzylinder kam ursprünglich aus dem VW Phaeton, wird natürlich dann noch aufgeladen und verfeinert. In unserem Bentley Continental GTC W12 leistet er 575 PS und schafft 700 Nm. Angegeben ist er mit 14,9 Litern kombiniertem Verbrauch. Im Test erweist sich diese Angabe tatsächlich als erreichbar, wobei mit kräftigen Tritten aufs Gaspedal auch Werte gen 19 Liter zu erreichen sind.

Exterieur

Der mächtige Auftritt des Bentley Continental Gran Turismo Convertible wird dominiert vom Bentley-typischen Chrom-Kühlergrill, der wohl eines der schönsten Design-Elemente überhaupt darstellt. Kraftvoll und elegant zugleich. Die Scheinwerfer sind im Gegensatz zu den meisten anderen heutigen Automobil-Modellen noch rund gehalten und versprühen daher einen Vintage-Look, der sich auch weiter durchzieht. Eine Haupt-Designlinie betont den Powerdome auf der Motorhaube und fließt Richtung Seitenspiegel. Die zweite Haupt-Designlinie taucht die Seitenansicht per Dropping-Line in ein Spiel aus Licht und Schatten. Am Heck dominiert wieder der Vintage-Look durch die kantigen, aber abgerundeten Heckleuchten. Bentley setzt hier nicht auf den Zeitgeist, sondern auf zeitloses Design. An der Front funktioniert das wunderbar, das Heck könnte allerdings ein Stück mehr Modernität vertragen. Allseits wunderschön sind die massiven 21-Zoll-Felgen im Chrom-Polish-Look. Die polierte Oberfläche glänzt wie der Kühlergrill und sagt: Ich bin der Boss.

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Die Außenfarbe Porcelain, also Porzellan, ist eigentlich eine Farbe, die man separat betrachtet vielleicht nicht so schätzen würde. Aber sie stellt in Verbindung mit der roten Farbe des Interieurs eine sehr exklusive und stylische Kombination dar.

Interieur

Hotspur-Rot nennt sich die Farbe des komplett mit Leder verkleideten Interieurs. Das ist die wirkliche Stärke des Bentley Continental GTC, denn kaum ein anderes Automobil bietet ein derart detailverliebtes und hochwertiges Luxus-Interieur. Egal wo die Blicke hinschweifen, finden sie immer wieder ein neues fantastisches Detail. Da wären die Hebel der Wischer und Blinker, die an den Enden einen Griff aus Aluminium mit feiner Kreuzschraffur aufweisen. Oder das schwarze Hochglanz-Brillenetui in der Mittelkonsole mit Bentley-Logo, das leider nur etwas zu klein für die meisten Brillen geraten ist. Oder die Vintage-Style-Bedienung der Lüftungsdüsen. Die zylinder-artig geformten Drücker harmonisieren mit der restlichen dunklen Holz-Gestaltung, der analogen Breitling-Uhr und dem gewaffelten Leder-Muster. So vermittelt der Innenraum das Gefühl, den Stil und die Eleganz der Vergangenheit zu zitieren, aber dies modern zu interpretieren. Das Multimedia-System ist mit Touchscreen, DAB und Blueetooth-Streaming auf der Höhe der Zeit und lässt sich gut bedienen.

Die Sitze sind nicht nur wegen ihrer gewaffelten Struktur so bequem, durch das butterweiche Leder und die sanfte Polsterung vermitteln sie ein Sofa-Gefühl. Zur Wohlfühl-Oase wird der Bentley dann spätestens durch die Massagefunktion, die den Rücken von unten bis oben zu den Schultern (!) abklopft. Trotz des überschwänglichen Luxus gehen die tollen Features wie Sitzlüftung, Massagefunktion, Nackenheizung, Rückfahrkamera und Adaptiver Tempomat noch mal extra zum Kaufpreis. Das hätte angesichts von 200.000 Euro auch mal locker mit drin sein können.

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Fahrgefühl und Fahrleistungen

Bei 2.495 kg Gewicht kommt der Bentley Continental GTC W12 mit Stahlkarosserie immer noch auf eine Beschleunigung in 4,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Das ist ein Machtwort. Möglich wird dies durch den permanenten Allradantrieb, der grundsätzlich im Verhältnis 40:60 vorne/hinten funktioniert. Bei Bedarf kann mehr Drehmoment nach vorne oder hinten verlagert werden. Somit merkt man zu keiner Zeit übermäßigen Schlupf an den Rädern, auch wenn man mal richtig aufs Gas tritt, um die Beschleunigung zu testen. Dabei merkt man keinerlei Widerstand, so kann man das Gefühl am besten beschreiben. Als gäbe es keinen Luftwiderstand, als gäbe es keinen Rollwiderstand, als gäbe es keine Gangschaltung. Ein Druck aufs Pedal und der Continental GTC fliegt nach vorn.

Und wenn er fliegt, dann fliegt er erstmal. Gepaart mit dem über 2,70 m langen Radstand schweben die Insassen über die Straße, ride in style. Das Gefühl von absoluter Souveränität macht sich breit. Und egal wo man entlang fährt, werden die iPhone gezückt und Fotos geschossen. Selbst zu viert kann man an einem lauen Sommerabend gut unterwegs sein. Zwar gibt es nur zwei Türen, doch lassen sich die Vordersitze nicht nur umklappen, sondern auch komfortabel mit einem zusätzlichen Knopf an der Seite vor- und zurückfahren, ohne sich zu den normalen Sitzverstellern bücken zu müssen. Auf der Rückbank ist dann Platz, wenn man die Vordersitze etwas weiter nach vorne fährt als gewöhnlich. Große Menschen sollten hinten nicht stundenlang fahren, aber für eine Spritztour reicht es. Ansonsten gibt es auch noch eine Vorrichtung für das Windschott, das wir allerdings nicht getestet haben. Die Windeigenschaften ohne Windschott deuten eher darauf hin, dass dies ein Cabriolet für den Hochsommer oder für Südfrankreich ist. Die Windverwirbelungen sind ab 80 km/h merklich und im Winter möchte man nicht auf der Autobahn offen unterwegs sein.

Britische Imperfektion bei der Technik

Während die Souveränität und die Exklusivität des Fahrens unumstritten ist, macht sich hier und da doch bemerkbar, dass das Fahrzeug im Grunde genommen schon in die Jahre gekommen ist. Mit einer modernen Mercedes S-Klasse z.B. kann der Bentley Continental GTC technisch nicht mithalten. So gibt es zum Beispiel keine vergleichbaren neuen Assistenzsysteme. Auch wiegt das Gewicht beim Bremsen zu schwer, so dass man richtig in die Eisen gehen muss. Hier seien ggf. die optionalen Keramik-Bremsen zu empfehlen, um die Bremskraft zu verstärken. Ferner werden Stöße und Längsrillen an das Lenkrad weitergegeben, was eigentlich nicht sein darf. Der Lenkeinschlagswinkel macht zudem Probleme beim Rangieren in der Tiefgarage.

Also: Typisch britisch. Technisch gesehen darf man keine Perfektion erwarten, dafür umso mehr Exklusivität und Freude am fantastischen Exterieur und Interieur.

Und das honorieren die Kunden nach wie vor: 381 Neuzulassungen entfielen 2013 in Deutschland auf den markeninternen Bestseller Bentley Continental GT, dazu kamen noch 23 Stück von den anderen Modellen. Insgesamt liegt Bentley damit hierzulande sogar noch vor Maserati und Aston Martin, verkauft sogar 6x mehr als Rolls-Royce und nur etwas weniger als Ferrari. Bentley ist damit in der Super-Luxus-Klasse bei den Luxus-Nischenanbietern hier ganz vorne mit dabei.

Und hier die Listenpreise (aufsteigend nach Preis und PS-Zahl):

GTC V8 – 187.068 Euro (4 Liter V8 Biturbo mit 507 PS)
GTC V8 S – 198.373 Euro (derselbe mit 528 PS)
GTC W12 – 207.893 Euro (6 Liter W12 Biturbo mit 575 PS)
GTC Speed – 227.290 Euro (derselbe mit 625 PS)

Abmessungen

Länge: 4,80 m
Breite: 1,94 m / 2,22 m (ohne/mit Außenspiegel)
Höhe: 1,404 m
Radstand: 2,74 m
Gewicht: 2495 kg
Kofferraum-Volumen: 260 Liter

Fazit: Der Bentley Continental GTC ist mit den Ausmaßen, dem begrenzten Lenkeinschlag und der ein oder anderen technischen Intoleranz nicht das technisch perfekte Auto und keineswegs ein guter Alltagsbegleiter. Doch bietet er eben das nicht Alltägliche, das Gefühl, das bei vielen modernen Autos verloren gegangen ist. Exklusivität und Stil pur, britische Eleganz mit Verliebtheit zum Detail und das unnachahmliche Gefühl, einen Bentley zu fahren. Wer hiermit offen cruist, vergisst schnell die Detailbetrachtung und widmet sich dem ultimativen offenen Genuss.

Autogefühl: *****

Text & Fotos: Autogefühl, Thomas Majchrzak

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3 Responses to Bentley Continental GTC W12 im Test

  1. […] Konkurrenz gibt es kaum, da kommt eigentlich nur ein Bentley Continental GT in Betracht, das Cabriolet (GTC) hatten wir hier bereits einmal getestet. BMW M6 oder Audi RS7 sind eigentlich eher im Bereich des Mercedes CLS […]

  2. […] Bentley Flying Spur reiht sich in der Produktpalette des britischen Luxushauses zwischen Continental GT und dem riesigen Mulsanne ein. Inzwischen verzichtet man auf den Zusatz “Continental” […]

  3. […] Bentley Flying Spur reiht sich in der Produktpalette des britischen Luxushauses zwischen Continental GT und dem riesigen Mulsanne ein. Inzwischen verzichtet man auf den Zusatz “Continental” […]

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