Mercedes GLS Fahrbericht 2020 GLS 580 vs 450

Auf den Mercedes GLE folgt nun die Neuauflage des Mercedes GLS. Länger, mehr Platz gerade im Fond, mehr Infotainment und eine neue Fahrwerkstechnologie: Wir haben die Neuheiten getestet und vergleichen V8 Benziner mit Reihen-Sechszylinder, die Airmatic Luftfederung mit der optionalen E-Active Body Control und wagen uns damit auch ins Gelände. Von Thomas Majchrzak





Exterieur

Cavansit-Blau

Polar-Weiß

Hyacinth-Rot

Brilliant-Blau

Cavansit-Blau

Produziert wird der neue GLS wie bisher in Tuscaloosa (Alabama/USA). In der Front bleibt der GLS sich mit der prägnanten Motorhaube treu. Das Tagfahrlicht formt eine C-Spange. Die Hauptscheinwerfer-Einheit kommt beim GLS als LED-Multibeam in der Serienausstattung, die Reichweite des Fernlichts beträgt 650 m (112 LEDs pro Scheinwerfer). Entweder gibt es im Kühlergrill waagerechte Doppelstreben oder ein Punkt-Design in der AMG-Line, letztere dann auch mit prägnanteren Spoilern. Zudem sind dann im sportlichen Look die Radhäuser in Wagenfarbe gehalten und nicht im Crossover-Look. Grundsätzlich ist beides erhältlich. Der neue Mercedes GLS wächst um 2,2 cm in der Breite und 7,7 cm in der Länge auf 5,20 (das sind 28 cm länger als der neue GLE, der 4,92 m lang ist). Von den 7,7 cm Längenzuwachs beim GLS gegenüber dem Vorgänger wandern 6 cm in den Radstand für mehr Platz im Fond. Die Felgengrößen betragen 19 bis 23 Zoll. In der Heckansicht schließlich hat sich eigentlich am meisten getan, denn die Heckleuchten sind horizontal arrangiert, so dass der GLS am Heck nun agiler wirkt.

Interieur

Artico-Sitz

Das Interieur zeichnet sich durch eine neue Digitalisierung aus, zwei waagerechte 12,3“ Bildschirme bilden serienmäßig eine Einheit. Optional erscheinen Informationen auch auf einem Head-up-Display im Blickfeld des Fahrers – und das auf einer wirklich sehr großen Fläche, die derzeit größte HUD-Projektion überhaupt. Das neue MBUX Infotainment-System ermöglicht auch eine freie Spracheingabe, etwa um Temperatur oder Navigationsfunktionen zu steuern. Die Eingaben funktionieren sehr zuverlässig und sind derzeit führend. Interessant ist dabei auch die künstliche Intelligenz des Systems. Bei den Vorhersage-Funktionen beispielsweise antizipiert MBUX, wenn gewünscht, was der Nutzer als nächstes gerne hätte. Wer beispielsweise häufig dienstags auf dem Nachhauseweg mit einer bestimmten Person telefoniert, bekommt an diesem Wochentag deren Telefonnummer auf dem Display vorgeschlagen. Wer regelmäßig zu einer bestimmten Zeit zu einem Radiosender mit Nachrichten wechselt, bekommt dies ebenfalls als Vorschlag. Die optionale Massagefunktion ist überzeugend. Generell ist das Cockpit-Setup horizontal angeordnet, etwa auch die vier Rundeck-Lüftungsdüsen, die nebeneinander zentral angeordnet sind. Als Zitat der Offroad-Fähigkeit teilen Griffe die untere Mittelkonsole. Die Material-Qualität ist sehr hochwertig, ein optimales Komfort- und Luxus-Erlebnis. Die Sitzbezüge sind auch im tierfreundlichen Artico-Kunstleder erhältlich, und es gibt sogar die Kombination Artico mit Sitzkühlung – das ist selten und sehr löblich.

Die zweite Sitzreihe ist beim GLS serienmäßig elektrisch verstellbar. Die Beinfreiheit ist im Fond generell um 8,7 cm gegenüber dem Vorgänger gewachsen, in der Tat haben hier selbst große Erwachsene massig Platz. Allerdings fällt die Sitzfläche auch nach hinten etwas ab, das ist eher unbequem auf längeren Fahrten. Zwei Touchscreens im 11,6-Zoll-Format kann man optional für das Fond-Entertainment installieren lassen. Im Fond-Komfort-Paket Plus kommt zudem ein separates 7″-Android-Tablet für die Bedienung aller Komfort- und Entertainmentfunktionen des MBUX vom Fond aus. Das Umlegen der Fondlehne geschieht elektrisch über eine separate Schalterleiste im Gepäckraum. Auch die serienmäßige dritte Sitzreihe (insgesamt dann 7 Sitze) lässt sich elektrisch bedienen. Die elektrische Verstellung aller Sitze ist also serienmäßig, ebenso die Easy-Entry- Funktion zum einfachen Ein- und Ausstieg in die dritte Reihe – diese allerdings nur auf der Beifahrerseite im Fond. Den Knopf, bei dem alle Sitze zugleich um- oder wieder hochklappen, gibt es allerdings nur in der 7-Sitzer-Variante mit durchgehender Sitzbank. Optional (Serienausstattung in den USA) kann man eine 6-Sitzer-Variante ordern mit zwei Einzelsitzen (Captain’s Seats/Chairs) im Fond, dann hat man ein 2-2-2 Setup. Das bringt mehr Platz für die Fondpassagiere in der Breite, die Sitze an sich sind aber quasi wie die normalen Sitze von der Rückbank, fallen also ebenfalls nach hinten ab. Das ist beim BMW X7 z.B. anders, dort sind die Captain’s Chairs eher wie ein Beifahrersitz und sehr aufrecht. Allerdings gibt es einen Vorteil wiederum vom Mercedes-Konzept: Die Einzelsitze im Fond lassen sich beim Mercedes GLS noch genauso wie die normale Rückbank umklappen. Sitzheizung und separate USB-Ladeports sind auch für die dritte Reihe verfügbar, ebenso dann eine Fünf-Zonen-Klimaautomatik. Man kann mit 6 oder 7 großen Erwachsenen fahren, wenn man die Fondsitze etwas nach vorne schiebt und sich dann in der dritten Sitzreihe arrangiert. Nur mit den Knien wird es in der dritten Sitzreihe etwas eng. Das Laderaum-Volumen beträgt maximal 2.400 l. Durch die Luftfederung lässt sich die Ladekante auch um 5 cm absenken, wenn man schwere Gegenstände einladen möchte.

Motoren

Benziner
GLS 450 – 3,0 l 6-Zylinder mit 367 PS (Mild-Hybrid)

GLS 580 – 4,0 l V8 mit 489 PS (Mild-Hybrid) – 700 Nm

erwartet (wie beim GLE): AMG GLS 53
3,0 l R6 mit 435 PS (mit Mildhybrid)
ca. 5,5 Sek. 0-100 km/h
Weitere Extras für die AMG-Variante:
– AMG-Luftfahrwerk mit elektromechanischer Wankstabilisierung
– 20 bis 22″ Felgen sowie kräftigere Spoiler
– Sport Abgasanlage
– Sport-Sitze mit Dinamica Mikrofaser innen plus Artico Kunstleder außen
– Armaturenbrett in Artico

Diesel
GLS 350d – 3,0 l 6-Zylinder mit 286 PS (ab 86.000 Euro)
GLS 400d – 3,0 l 6-Zylinder mit 330 PS (ab 90.000 Euro) – 700 Nm

Fahrverhalten

Standard ist beim GLS die Luftfederung. Besonderes Highlight im neuen Mercedes GLS ist zudem die optionale E-Active Body Control. Hier setzt Mercedes auf eine Hydropneumatic, so dass jedes einzelne Rad in der Dämpferrate individuell geregelt werden kann. Das wirkt Bewegungen der Karosse zu jeglicher Seite entgegen – ein Grund, weshalb Mercedes im neuen GLS für die nicht-AMG-Varianten keine separate Wankstabilisierung wie die Konkurrenz anbietet. Dafür kann sich das aktive Fahrwerk z.B. im Sand freirütteln, in dem es das Fahrzeug regelrecht aufschaukelt. Auf der Straße wiederum neigt sich der GLS im „Curve“-Modus wie ein Motorrad in die Kurve und reduziert beim Kurvenfahren die Querkräfte. Eine beeindruckende Technologie, die man schon aus dem Mercedes S-Klasse Coupé z.B. kennt, erstmals nun umgesetzt für ein großes SUV und weiterentwickelt. In der Tat reduziert die Curve-Funktion die Fliehkräfte in den Kurven, zugleich ist das Fahren dynamischer und fühlt sich ungewohnt futuristisch an, wie wir davor schon im Mercedes GLE erlebt haben. Gerade im größeren Mercedes GLS macht das ein Gefühl der Agilität und Leichtigkeit, das man von einem SUV in dieser Größe kaum kennt. Die normale Luftfederung tut allerdings auch ohne die Super-Technik gute Dienste, bietet mit den besten Komfort im Segment.

Wir fahren den neuen GLS sowohl als 8-Zylinder als auch als 6-Zylinder Benziner. Bei beiden Benzinern kommt eine Mild-Hybrid-Technologie zum Einsatz, heißt: Eine Batterie, die zwar nicht riesig ist, aber nennenswert größer als eine normale Fahrzeugbatterie. Diese kann einen Beschleunigungsboost geben, aber auch rekuperieren und dann etwas Kraft zum Anfahren abgeben sowie das Segeln bei niedriger Last ermöglichen und somit Sprit sparen. Der 6-Zylinder-Benziner GLS 450 mit 367 PS ist einerseits spritzig und vermittelt ein souveränes Fahrgefühl. Andererseits kann man mit diesem echt gute Verbrauchswerte erzielen. Schon mit dem GLE kamen wir hier auf gut 9 l / 100 km, bei ruhiger Fahrt im Eco-Modus sind es im Mercedes GLS – trotz Mehrgewicht gegenüber dem GLE ebenfalls gut 9 l / 100 km oder sogar noch etwas weniger – top!

Als Vergleich dazu testen wir auch den V8 Biturbo im GLS 580. Der Sound ist etwas knackiger als beim Reihensechszylinder, allerdings macht sich in beiden Fällen im Innern der Sound nicht so stark bemerkbar, weil die Motoren so gut geräuschmäßig abgedichtet sind. Überhaupt ist die Geräuschisolierung hervorragend.

Der neue Stauassistent arbeitet nun bis 60 km/h und hilft auch dabei, eine Rettungsgasse zu bilden, orientiert sich also nicht nur zur Mitte der Fahrbahn hin. Der neue Aktive Bremsassistent erkennt auch Fahrzeuge beim Abbiegen und kann hier autonom eingreifen. Und die Distronic Plus (adaptiver Tempomat) kann durch LiveTraffic-Informationen bei höheren Geschwindigkeiten vorsorglich auf 100 km/h reduzieren, wenn Informationen eines Stauendes eingespielt werden. Eines der wichtigsten optionalen Assistenzsysteme ist zudem der Aktive Totwinkel-Assistent mit Ausstiegswarnung. Wer den GLS mit Anhänger nutzt, kann einen neuen Anhänger-Rangier-Assistenten bestellen. Hierbei kann man über die Taste für Kamera und Park-Assistent auch den Anhänger-Assistenten aufrufen und dann am Bildschirm einen kleinen Anhänger dorthin zeigen lassen, wo er hinfahren soll. Das Lenken übernimmt der GLS dann von selbst.

Spannend ist beim neuen GLS auch die neue Waschstraßenfunktion, die folgende Einstell-Elemente beinhaltet:
– Die Außenspiegel werden eingeklappt.
– Die Seitenscheiben und das Schiebedach werden geschlossen.
– Die Information des Regensensors wird unterdrückt, damit die Scheibenwischer in der Waschanlage ausgeschaltet bleiben.
– Die Klimaanlage schaltet auf Umluftbetrieb, und nach acht Sekunden wird das Frontbild der 360°-Kamera eingeblendet, um das Einfahren in die Waschstraße zu unterstützen
– Beim Ausfahren aus der Waschanlage werden diese Einstellungen selbsttätig wieder zurückgeschaltet, sobald über 20 km/h beschleunigt wird.

Offroad kommt beim GLS zugute, dass die Luftfederung für ein komfortables Fahrgefühl trotz rauem Untergrund sorgt. Ein Mitten-Sperrdifferenzial ist vorhanden und im Offroad-Modus aktiv, eine Quer-Sperre gibt es nicht, weil dafür die E-Active-Body-Control die Arbeit übernimmt. Denn diese drückt die Räder jeweils einzeln nach unten, so dass es keine fliegenden Räder geben sollte – zumindest wenn man das optionale Fahrwerk gewählt hat. Die Bergabfahrhilfe kann man separat aktivieren, sie wird zudem automatisch im Offroad-Modus aktiv. Dabei stellt man dann an der Distronic-Taste die Kriech-Geschwindigkeit ein. Die Bodenfreiheit reicht von 20 cm bis gut 30 cm, wenn die Luftfederung auf der höchsten Stufe steht. Die Böschungswinkel betragen maximal 29 Grad vorne und 25 Grad hinten.

Abmessungen

Länge: 5,20 m
Radstand: 3,13 m
Breite: 1,95 m
Höhe: 1,77 m
Leergewicht: 2.170 – 2.220 kg

Fazit: Der neue Mercedes GLS ist optisch hauptsächlich in den Leuchtgrafiken verändert worden, sieht weiterhin prägnant, aber elegant aus. Das Interieur ist digital und modern, im Innenraum gibt es mehr Platz und ein großzügigeres Raumgefühl. Das neue MBUX-Infotainmentsystem ist insbesondere mit BMW zusammen führend in der Spracheingabe. Die Verarbeitung ist exzellent und die Technologie ist gut zu bedienen. Interessant sind gerade die neuen Fahrwerkstechnologien und Upgrades bei den Assistenzsystemen. Zusammen mit dem BMW X7 markiert der Mercedes GLS die Spitze im Segment der Full-Size-SUVs.

Autogefühl: *****

Text: Autogefühl, Thomas Majchrzak